Der Geist von Adorno - epd medien

03.04.2025 08:10

Meinrad Bauer hat es im BR-Hörspiel "Es gibt kein richtiges Leben, ihr Flaschen!" nicht leicht mit seiner Tochter Mila. Sie interessiert sich nicht für sein Soziologengewäsch und die Helden seiner Jugend. Doch dann hat der Vater einen Skiunfall und plötzlich spricht der Geist von Adorno aus ihm.

Philosophische BR-Hörspiel-Komödie von Andi Unger

epd Früher war mehr Zirbelholz, sagt Dr. Meinrad Bauer, als er mitten in den verschneiten Alpen nach vielen Jahrzehnten jene Hallen in Alpbach erstmals wieder betritt, die jetzt in Stahl, Glas und Beton ergraut sind und alljährlich die größten kritischen Denker der Gegenwart versammeln. Einst habe er hier als Student "noch Herbert Marcuse gehört", erzählt er seiner mitgereisten, spätpubertär-woken Tochter Mila. "Und Adorno hat zu uns gesprochen!" Mila verächtlich: "Miteinander sprechen war noch nicht erfunden zu deiner Zeit?"

Vater und Tochter haben einen Deal ausgehandelt: Vormittags kommt sie mit zu seinen Vorträgen, nachmittags fährt er dafür mit ihr Ski. Als auf dem Alpbach-Summit, einem internationalen Debattenforum für kritisches, globales, transformatives Denken, plötzlich Claus Leggewie auftaucht, der Politikwissenschaftler und "große Deuter" der 68er-Generation, glaubt Dr. Bauer noch, seine Tochter nun endlich von der Relevanz seines eigenen Soziologendaseins überzeugen zu können. Schließlich habe Leggewie in den 80er Jahren in einer Fußnote aus seiner, Meinrad Bauers, Habilitationsschrift zitiert!

Geraunze zwischen den Generationen

Doch Leggewie erkennt den Kollegen bei der peinlichen Begrüßung nicht und sucht dann schnell das Weite. Für Bauer, die "lebende Fußnote" (so Tochter Mila, gespielt von Julia Grasmugg), ist das trotzdem ein Nachweis innigster Verbundenheit.

Das konfliktbeladene Dauer-Geraunze zwischen den Generationen kann eigentlich niemand mehr hören: 68er-Vater hier, feministische Swiftie-Tochter da, zwischen ihnen ist auf wortreiche Weise keine Verständigung möglich. Da kann der Vater, wie zu Beginn von Andi Ungers Hörspiel "Es gibt kein richtiges Leben, ihr Flaschen!", noch so sehr beteuern, Taylor Swifts Musik "schmissig" zu finden und überhaupt "auf eurer Seite" zu sein, also auf der Seite der Jungen, die die Welt retten oder doch zumindest zum Besseren transformieren wollen: Er ist und bleibt ein alter weißer Mann, dem die Tochter erst einmal erklären muss, warum Bob Dylan ein "Arsch" ist, als "Just Like a Woman" im Radio läuft.

Er genießt wiederum, ihr erklären zu dürfen, dass das Autoradio nicht kaputt ist, wenn es rauscht: In der analogen Welt gebe es Knöpfe, und die könne man drehen.

Luxusprobleme

Egal, was Dr. Meinrad Bauer sagt: Er kann nur alles falsch machen, weil es falsch ist, jemand wie Dr. Meinrad Bauer zu sein. Während seines Vortrags über den Sinn von Adornos Satz "Es gibt kein richtiges Leben im falschen" kichern die Studentinnen, recherchieren schnell mal auf ihren Smartphones und bezeichnen dann Adorno als "Stichwortgeber für Ikea", der mit diesem Satz ja nur vom Wohnen gesprochen habe, von Luxusproblemen also, während sie selbst für 1.200 Euro in Mini-Zimmern hausen müssten. Bauer insistiert, der Satz stehe für den "gesamten Verblendungszusammenhang des Kapitalismus"; ad personam zu argumentieren, sei ohnehin die billigste Form der Vermeidung einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit Ideen.

Wenn es an den festgezurrten Identitätszuschreibungen liegt, dass Perspektivwechsel, Empathie und damit Wissenstransfer unmöglich scheinen: Warum dann nicht einfach das Konzept Identität zertrümmern? Unger setzt diese Grundidee praktisch um: Vor den Augen Milas stürzt Meinrad beim Skifahren so schwer, dass bei ihm fortan sämtliche Sprach-Hemmungen - fremde wie eigene - fallen.

Bauer sucht Radau

Meinrad ist nicht mehr identisch mit dem, was er sagen sollte. "Es" scheint aus ihm zu sprechen. Oder, wie der Arzt sagt: "Es ist sein Hirn. Es ist erschüttert." Nicht nur souffliert ihm Adornos Geist (dessen Stimme wurde mittels KI aus der Stimme von Christoph Franken generiert) immer groteskere Variationen des berühmten Satzes, wie: "Es gibt kein richtiges Leben, ihr Faschos", "es gibt kein fälschliches Licht im Leben", "es lebt kein fallendes Gehen im Rechten" oder "es lebt die reuige Resel".

Nein, Meinrad wird zum Amok-Redner, Bauer sucht Radau. Er flieht aus der Klinik und schleudert apokalyptische Sätze heraus, mit denen er prophetengleich die Menschheit abstraft, egal welcher Generation, sei es im Kuhstall mit Anbindehaltung oder im Hörsaal, wo die jungen Leute ernsthaft über Aktionen wie "Skiing for Africa" nachdenken, um den Wintersport treibenden Gästen ein gutes Gewissen zu bescheren.

Geht scheißen!

"Kehret um!", erhebt Bauer seine Stimme, die jetzt irgendwo zwischen Goebbels und Martin Luther King changiert (Felix Hellmann). In seiner hirntraumatisierten Ethik gilt: "Solange das menschliche Antlitz eures Postwachstums-Wohlfühlkapitalismus nur eine wohlfeile Maske für Ausbeute, Entrechtung und Lohnsklaverei ist: Geht’s scheißen!" "Der ist narrisch", ruft ein Student. "Ganz sicher", entgegnet ein zweiter, "die Frage ist nur: Hat er Recht?" Als allmählich ein "Stimmt!"-Chor anhebt, klingt es wie das Zirpen von Heuschrecken.

Andi Unger gelingt mit viel Sprachwitz, Situationskomik und selbstironischem Einsatz von Soundeffekten eine "philosophische Komödie" wie der Sender das Hörspiel nennt. Die direkten und indirekten Verweise auf Kafkas "Die Verwandlung", Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung" und Thomas Bernhards Selbstdiagnosen formulieren ganz unbescheiden den lustig verkleideten Anspruch des Hörspiels. In einer Zeit, in der sich die Erstimmatrikulationszahlen für Geisteswissenschaften auf einem Tiefstand befinden, erleben Literaturwissenschaft und Philosophie auf diese Weise ihre Wiedergeburt als Farce.

infobox: "Es gibt kein richtiges Leben, ihr Flaschen!", Hörspiel, Regie: Martin Heindel, Buch: Andi Unger (Bayern2, 23.3.25, 15.05-16.00 Uhr, und in der ARD-Audiothek)



Zuerst veröffentlicht 03.04.2025 10:10

Cosima Lutz

Schlagworte: Medien, Kritik, Radio, Kritik.(Radio), Hörspiel, KBR, Unger, Heindel, Adorno, Lutz

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