03.04.2025 08:43
Die ARD-Dokumentation "Masterplan" zum Potsdamer Treffen
epd Die letzten acht Minuten sind ein Montage-Feuerwerk: Es ist der 1. September 2024, zur Landtagswahl in Thüringen betritt AfD-Politiker Björn Höcke das TV-Studio, seine in Teilen rechtsextreme Partei wurde mit knapp 33 Prozent der Stimmen stärkste Kraft. 9. September: Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) betont ihren harten Kurs gegen die sogenannte irreguläre Migration, Binnengrenzkontrollen an allen deutschen Landesgrenzen folgen. 6. November: Bundeskanzler Olaf Scholz schaltet die Ampel ab. 20. Dezember: Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt.
Am 11. Januar 2025, genau ein Jahr und einen Tag nach Veröffentlichung der "Geheimplan gegen Deutschland"-Recherche von Correctiv kündigt Alice Weidel beim AfD-Bundesparteitag in Erinnerung an diese an: "Und ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen: Wenn es dann Remigration heißen soll, dann heißt es eben Remigration". 22. Januar: Anschlag in Aschaffenburg. 29. Januar: Union, FDP und AfD stimmen im Bundestag gemeinsam für eine Verschärfung der Migrationspolitik. Allein in München demonstrieren rund 250.000 Menschen gegen den Rechtsruck - nun, zwölf Monate nach dem Potsdamer Treffen, gegen den von Friedrich Merz.
Der Dokumentarfilmer Volker Heise zeigt beim Schlussspurt seines ARD-Films "Masterplan - Das Potsdamer Treffen und seine Folgen" eindrucksvoll, wie viel Zeit zwischen Januar 2024 - als die genannte Correctiv-Recherche Ursache für den Protest Hunderttausender war - und Januar 2025, als ein mit der AfD durchgedrückter CDU-Antrag Ursache für den Protest Hunderttausender war, vergangen ist. Auf dem Kalenderblatt war es etwas mehr als ein Jahr, in der deutschen Politik, der Debattenkultur und dem Journalismus war es ein in Zäsuren messbarer Zeitraum.
Eine Zäsur war, dass die Debatte, ob und wie der Journalismus mit der AfD sprechen müsse, rund um die Thüringer Landtagswahl tatsächlich noch eine Debatte war. Vor der Bundestagswahl im Februar dieses Jahres hingegen war davon nichts mehr übrig, in öffentlich-rechtlichen Talkshows gaben und geben sich Vertreter der Blauen die Klinke in die Hand - und auch die Moderatoren und Moderatorinnen sowie geladenen Gäste verlieren sich immer wieder in Suggestivfragen, verkürzten Beschreibungen messbarer und dem Aufbauschen anekdotischer Evidenz.
Obwohl der Untertitel der Dokumentation ("Das Potsdamer Treffen und seine Folgen") anderes erhoffen lässt, bleibt dieser medienkritische Aspekt von Heise aber unberührt. Auch, inwiefern sich die Politik der (rechts-)konservativen anderen Parteien verrückt hat, seit das Recherche-Team von Correctiv über das Potsdamer Treffen berichtete, bleibt unterbeleuchtet. Dass die AfD ihr bundesweites Wahlergebnis von 2021 auf 2025 verdoppeln konnte und vor allem der Osten in tiefem Blau versinkt, macht der Schnitt collageartig zum Thema, weiter eingeordnet wird aber nicht.
Stattdessen, das ist das Manko dieser Dokumentation, bleibt Heise zu sehr bei seinem Sujet: Der Chronistenpflicht einen großen Dienst erweisend, fasst der Filmemacher zusammen, worum es bei der Correctiv-Recherche ging, wie sie entstanden ist und welchen Einfluss sie in der ersten Zeit nach ihrer Veröffentlichung auf die Gesellschaft hatte.
Dabei kommen neben den Reportern von Correctiv und Teilnehmern des Potsdamer Treffens noch weitere Personen, etwa eine Aussteigerin aus der rechten Szene, zu Wort, die dem Gezeigten in kleineren Exkursen kurzweilig mehr Hintergrund verleihen. Die 90 Minuten von "Masterplan" sind deshalb als umfassender Rahmen, der die Geschichte der Recherche und der handelnden Personen kompakt bebildert, unbedingt sehenswert, spannend erzählt und mit Erkenntnissen angereichert, die bei der tagesaktuellen Berichterstattung im Januar 2024 mancherorts auf der Strecke blieben.
Konkretere Fragen zur Entstehung des Recherchetextes als solcher bleiben mit Verweis auf den Quellenschutz aber unbeantwortet, das Handwerk der Journalisten wird ähnlich einem Politthriller inszeniert, jedoch kaum wirklich erklärt. Und auch die Kritik an der Correctiv-Recherche bekam durch einen kurzen, im Schnitt entstandenen Schlagabtausch zwischen Medienjournalist Stefan Niggemeier ("Übermedien") und dem Correctiv-Team zwar eine Erwähnung, aber keine weitere Einordnung.
Das Material und den Kern für eine zweite Dokumentation hätte Heise dabei schon parat. Zum Schluss von "Masterplan" wird Szenegröße und Referent des Potsdamer Treffens, Martin Sellner von der Identitären Bewegung, gefragt: "Wenn ich jetzt jemand von Correctiv wäre, was würden Sie zu mir sagen?" Sellner antwortet: "Vielen Dank, denn in dieser großen, aufgeblähten Erzählung hat man am Ende einen Begriff millionenfach bekannt gemacht und damit, aus meiner Sicht, einen Prozess noch beschleunigt."
Gemeint ist der Begriff der Remigration. Marcus Bensmann von Correctiv wird anschließend gefragt: "Rückblickend, war das richtig so, was ihr gemacht habt?" Der lächelt und sagt: "Was denn sonst?" Und Correctiv-Chefredakteur Justus von Daniels sagt: "Ich glaube, da ist uns zumindest gelungen, dass wir in Deutschland wissen, was mit Remigration gemeint ist, wenn diese rechtsradikalen Kreise mit Unterstützung der AfD dieses Wort benutzen."
"Sagen, was ist", fällt einem da ein und hier wären die im Untertitel der Dokumentation erwähnten Folgen der Correctiv-Veröffentlichung doch spannender Ausgangspunkt für weitere Filmminuten gewesen: Wie spricht die Gesellschaft jetzt über den Rechtsruck, wie gehen die Medien heute damit um - was sind also die längerfristigen "Folgen" der Recherche, nicht nur die kurzfristigen Reaktionen? Das mag für 90 Minuten recht viel Stoff sein, doch ist es das, was nun, wo über die Recherche - soweit aktuell möglich - alles bekannt zu sein scheint, wahrlich interessant ist. Volker Heise jedenfalls hat sich mit "Masterplan" für die dokumentarische Aufarbeitung dessen nominiert.
infobox: "Masterplan - Das Potsdamer Treffen und seine Folgen", Dokumentation, Regie und Buch: Volker Heise, Kamera: Piotr Rosolowski, Markus Zucker und Tommy Keller, Produktion: Zero One Film (ARD/NDR/SWR/BR/RBB/MDR, bis 24.03.2026 in der ARD-Mediathek)
Zuerst veröffentlicht 03.04.2025 10:43 Letzte Änderung: 03.04.2025 11:36
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Internet, KARD, Dokumetation, Heise, Correctiv, NEU
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