Begegnungsstätte KDD - epd medien

04.04.2025 07:50

Regisseur Lars Becker knüpft in "Nachtschicht - Der Unfall" ein Netz menschlicher Beziehungen im Kreislauf des Flucht- und Abschiebe-Alltags. Mit seinen fiktiven Figuren kommt er dem realen Drama so näher als die meisten Talkshows.

Neue Folge der ZDF-Krimireihe "Nachtschicht"

Roland Orbach (Maximilian Brückner), Mona Nowak (Rocio Luz) und Erichsen (Armin Rohde)

epd Zweieinhalb Jahre ließ die nächste "Nachtschicht" auf sich warten, so lange wie nie zuvor in der seit 2003 ausgestrahlten ZDF-Reihe. Dafür erweist sich der vor einem Jahr gedrehte 19. Film als ausgesprochen aktuell, denn er handelt von Flucht und Abschiebung, als hätte Autor und Regisseur Lars Becker den gerade zurückliegenden Wahlkampf vorhergesehen. Aber das Thema ist ja mehr oder weniger immer aktuell.

Am Ende einer ereignisreichen Hamburger Nacht versammeln sich jedenfalls in der gläsernen Zelle des Kriminaldauerdiensts (KDD) vier Typen, die jeweils auf eigene Weise für den vielfach beklagten "Kontrollverlust" stehen: ein Schleuser und ein Arbeitsvermittler, die mit Flucht und Schwarzarbeit Geld verdienen, ein gewalttätiger Polizist, den der Abschiebe-Alltag mürbe gemacht hat, sowie ein Anwalt, der nun alle Hände voll zu tun bekommen wird. Fehlt eigentlich nur noch ein populistischer Politiker auf Stimmenfang.

Tödliche Schüsse bei der Abschiebung

"Der Unfall" klingt als Filmtitel etwas verharmlosend, aber auch Unfälle geschehen ja nicht ohne Grund. Eine Kette von Ereignissen mündet im Film in eine Eskalation, an deren Ende die noch junge Polizistin Mona Nowak (Rocío Luz) tödliche Schüsse auf den Iraner Joon Rostami (Altamasch Noor) abfeuert. Zu dritt war die Abschiebe-Einheit der Bundespolizei im Flüchtlingsheim angerückt, um Rostami abzuholen.

Das Kommando hat Roland Orbach (Maximilian Brückner), der hemmungslos auf Rostami einprügelt, nachdem der nach einem Fluchtversuch wieder gestellt werden konnte. Der Iraner entwendet schließlich die Pistole des Polizisten und bedroht Orbach. Der alarmierte KDD-Beamte Erichsen (Armin Rohde) versucht zu deeskalieren. Doch gerade als Rostami die Waffe niederlegen will, drückt Mona Nowak ab. Übermüdet und gestresst, hat sie den kurzen Augenblick, in dem die Waffe in ihre Richtung zeigte, falsch gedeutet.

Eine große Liebe und eine wahre Tragödie

Das Trio der Bundespolizei verschanzt sich hinter der abgesprochenen "Notwehr"-Lüge, aber die Einheit bröckelt schnell. Es kommt zu der höchst unwahrscheinlichen Allianz zwischen Rostamis Witwe Hasti (Sogol Faghani), die nach dem Verlust ihres geliebten Mannes auf Rache sinnt, und der Polizistin, die ihren Mann getötet hat. Auch in diesem Film pfeift Becker auf den üblichen Krimi-Realismus, was insbesondere im herrlichen Tohuwabohu des KDD-Kommissariats anschaulich wird.

Eigentlich ist es eine Art Begegnungsstätte, ein offener Raum mit dem korrekten Polizeiobermeister Walter (Albrecht Ganskopf) an der Rezeption als erste Anlaufstelle. Hier wird das Chaos der Nacht geordnet: Erichsen gibt mit trockenem Humor den Zuchtmeister und Platzanweiser für Verdächtige und Zeugen, aber der Mann der ersten "Nachtschicht"-Stunde ist nur einer unter vielen. Die Strategie wird im KDD-Team gemeinsam diskutiert und der Chef Ömer Kaplan (Özgür Karadeniz) setzt sich keineswegs immer durch.

Becker erzählt in "Der Unfall" von einer großen Liebe und einer wahren Tragödie: dem Tod eines in der Heimat gefolterten Iraners, der wiederholt die lebensgefährliche Flucht antrat, um bei seiner Frau sein zu können. Rostami wird darüber hinaus als hilfsbereiter, sympathischer Koch skizziert, der für das gesamte Flüchtlingsheim Essen zubereitet. Für die Behörden ist er jedoch ein hartnäckiger Straftäter, weil er vor drei Monaten schon einmal abgeschoben wurde und jetzt wieder zurückgekehrt ist. Am Ende liest die "Nachtschicht"-Rückkehrerin Mimi Hu (Minh-Khai Phan-Thi) auf ihrem Handy, dass die Bundesregierung eine Reisewarnung für den Iran herausgegeben habe. "Und wir schieben ab, was für eine Scheiße", sagt sie.

Gesellschaftskritische Haltung

Das war es dann aber mit politischen Kommentaren, die gesellschaftskritische Haltung ergibt sich vor allem aus der Handlung. Die ist wieder reich an Volten, die niemals in eine Nacht passen würden, was aber auch diese "Nachtschicht" zu einem temporeichen, unterhaltsamen Film noir werden lässt. Becker knüpft dabei ein Netz menschlicher Beziehungen im Kreislauf des Flucht- und Abschiebe-Alltags und kommt mit seinen fiktiven Figuren dem realen Drama näher als die meisten Talkshows.

Nicht einmal Orbach bleibt einfach nur ein rassistischer Prügel-Polizist, zumindest kommt seine Überforderung nach zahlreich durchgeführten Abschiebungen zur Sprache. Da erscheint es erstaunlich, wie entspannt und aufgeräumt sich das vorbildlich diverse KDD-Quartett Erichsen, Kaplan, Mimi Hu und Tülay Yildirim (Idil Üner) am Ende der Nacht in den Feierabend begibt. "Wo soll's hingehen?", fragt POM Walter. "Auf die Bahamas, Walter, wie immer", antwortet Erichsen. Seine Ironie klingt ein wenig nach Resignation.

infobox: "Nachtschicht - Der Unfall", Fernsehfilm, Regie und Buch: Lars Becker, Kamera: Alexander Sachs, Produktion: Network Movie (ZDF, 31.3.25, 20.15-21.45 Uhr sowie im ZDF-Streamingportal)



Zuerst veröffentlicht 04.04.2025 09:50

Thomas Gehringer

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Gehringer, Krimi

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