05.04.2025 10:30
Hörspiel "Demokratisches Überprüfungskabarett - Bevor wir kippen"
epd Jahrzehntelange Gewissheiten stehen infrage: Ein Austritt der USA aus der Nato ist mittlerweile vorstellbar. Bei der Bundestagswahl ist die AfD mit Ausnahme von Berlin stärkste Kraft im Osten geworden. Der Titel von Schorsch Kameruns jüngstem Hörspiel "Bevor wir kippen" könnte daher passender nicht sein.
Das Stück verhandelt in einem Mix aus Songs, Doku-Passagen und fiktiven Szenen die Gefährdung der Demokratie durch ihre Feinde im Inneren. Die Grenzen des Sagbaren haben sich verschoben und vieles von dem, was einst als undenkbar galt, ist mittlerweile eingetreten. Gegen "spalterische Dumpfheit" setzt der Sänger, Autor, Theater- und Hörspielregisseur Kamerun die Feier der Vielfalt. "Bevor wir kippen" fußt auf seiner gleichnamigen, zwei Wochen andauernden Performance, die im vergangenen Sommer im Rahmen des Weimarer Kunstfests zu erleben war.
Just in diese Tage fiel auch die Thüringer Landtagswahl, die die dort als gesichert rechtsextrem eingestufte AfD gewann. Deren Verständnis von Kultur ist eindimensional und bieder und damit das Gegenteil von einem Kulturbegriff, der für Offenheit, Diversität und Inklusion steht. Schwerpunkt des Hörspiels ist deshalb der Angriff von rechts auf die Kultur- und Theaterlandschaft. "Abstrakte Kunst und Quietsche-Musik sind jetzt offiziell verboten", mahnt dazu eines der Lieder. Ein anderes Thema ist die Auseinandersetzung mit der anhaltenden Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der als "Staatsfunk" diffamiert wird.
"Bevor wir kippen" atmet den Spirit des Punks, wie ihn Schorsch Kamerun seit vier Jahrzehnten auch mit seiner Band "Die Goldenen Zitronen" zelebriert. Dabei immer darauf achtend, ja nicht festgelegt oder, von wem auch immer, vereinnahmt zu werden. Die Songs von Kamerun sind bewusst imperfekt, dilettantisch und sperrig. Sie setzen auf Elektronik und Lo-Fi, vieles klingt, als käme es direkt aus dem Kinderzimmer. Kameruns Gesang inklusive. Quietsche-Musik eines 62-Jährigen eben. Umso größer ist die Reibung mit den oft ironisch gebrochenen, politisch aufgeladenen Texten, bei denen der unreine Reim dominiert: "Hass und Ungeziefer, nagt sich tiefer und tiefer." Das kann bei einer Laufzeit von 90 Minuten auch mal anstrengend sein.
Zwischen die Songs sind O-Töne geschnitten, die Kamerun und sein Team im Sommer 24 auf dem Weimarer Theaterplatz gesammelt haben. Auf ihre Frage, was jeder "abschaffen" würde, wenn er könnte, hört man eine Bandbreite an Antworten. Von großen Themen wie "Gewalt" und "Hunger" bis zu Alltagssorgen wie "Miete bezahlen". Aber auch die Spaltung der Gesellschaft wird vernehmbar. Schimpfen die einen auf "die Politiker" und deren "Parteibuchgehabe", machen sich andere Sorgen um "Hass" und "Faschismus".
Sehr eindrücklich sind jene Stimmen von Bürgerinnen, die in Weimar geboren und dort aufgewachsen sind, deren Eltern oder Großeltern jedoch einen Migrationshintergrund haben. Galt für sie früher die Aussage einer jungen Frau - "Weimar war immer sehr sicher" -, ist dieses Gefühl heutzutage verflogen. Es ist also nur folgerichtig, wenn dem Hörspiel über weite Strecken eine elektronisch leise vor sich hin surrende Soundlandschaft in Moll untergelegt ist.
"Bevor wir kippen" reißt eine Menge weiterer Debatten an, ohne diese jedoch zu vertiefen: von Gendersternchen über Erinnerungskultur bis zur Gentrifizierung. Weniger wäre hier angesichts des eigenen Anspruchs, "demokratisches Überprüfungskabarett" zu liefern, mehr gewesen. Es gibt Passagen, die man entschlüsseln kann - etwa Auszüge aus dem Statement von Toni Kroos für den Podcast "Lanz und Precht", das im letzten Jahr Wellen schlug. In anderen hingegen ist schwer zu erkennen, wer hier nun eigentlich genau über welche Thematik spricht. Darüber hinaus gibt es Auftritte der Schauspieler Sandra Hüller und Felix Goeser.
Am stärksten ist das kämpferische Hörspiel, wenn es einen mit der beunruhigenden Frage konfrontiert, ob wir uns an all die Diskursverschiebungen womöglich schon gewöhnt haben. Kamerun weckt hier auf! Um im nächsten Schritt jedem überzeugten Demokraten positive O-Ton-Statements für das eigene Engagement mit auf den Weg zu geben. Wie das einer Frau, die jetzt erst recht weiter ihre Kunst machen will und fordert, mehr miteinander zu reden und lauter zu werden. Oder wie das eines Mannes, der dafür plädiert, stets neugierig darauf zu sein, was einen hinter der nächsten Ecke erwarten könnte.
infobox: "Demokratisches Überprüfungskabarett - Bevor wir kippen", Hörspiel, Regie, Buch und Komposition: Schorsch Kamerun (Deutschlandfunk, 22.3.25, 20.15-22.00 Uhr und in der ARD-Audiothek)
Zuerst veröffentlicht 05.04.2025 12:30
Schlagworte: Medien, Radio, Kritik, Kritik.(Radio), KDeutschlandfunk, Hörspiel, Kamerun, Welle
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