29.08.2025 10:22
True-Crime-Dokumentation "Lady Kalaschnikow"
epd Zwei grausame Morde führen die Ermittler in den 90er Jahren in die Welt der Zeitschriftenabo-Abzocke: Ein Drückerboss wird tot in seinem Haus aufgefunden, ein junger Abo-Werber über Stunden gefoltert und im Wald vergraben. Das sind die Kriminalfälle, denen sich die dokumentarische Serie "Lady Kalaschnikow" unter der Rubrik "ARD Crime Time" widmet. Im Mittelpunkt steht eine gefürchtete Bandenführerin, die unter dem Namen Lady Kalaschnikow bekannt wurde. Sie arbeitete zunächst als Pornodarstellerin und stieg in den 90er Jahren in das Geschäft der Drückerkolonnen ein, bei dem Menschen beauftragt werden, an der Haustür Geschäfte wie Zeitschriftenabonnements abzuschließen.
Die Aktionen waren oft am Rande der Legalität und die Strukturen der Drückerkolonnen mafiös. Die Geschehnisse rund um Lady Kalaschnikow, deren Name durch ein Foto entstand, bei dem sie mit Waffe posierte, wurden in den letzten Jahren bereits in einigen Podcasts behandelt, sie waren auch Gegenstand einer "Stern"-Reportage der Journalistin Verena Lugert, die in der Doku von ihren Recherchen berichtet.
Die dreiteilige Serie rekonstruiert die Hintergründe der Morde aus unterschiedlichen Perspektiven. Neben Verena Lugert kommt Manfred Hudalla zu Wort, der Anfang der 90er Jahre eine Sonderkommission "Drücker" leitete, und der Betreiber einer Kneipe, in der die Mitglieder der Drückerkolonne häufig verkehrten. Ein Forensik-Experte erläutert die Psychologie hinter den Taten und erklärt, wie das von Lady Kalaschnikow etablierte System von Belohnung und Bestrafung funktionierte oder warum eines der Opfer so unterwürfig agierte. Einer der damaligen Strafverteidiger gibt zudem Einblicke in den Prozess und erklärt, welche Aspekte bei der juristischen Aufarbeitung bedeutend waren.
Ein großer Spannungsbogen stellt sich trotz dieser vielfältigen Perspektiven jedoch nicht ein, da für die Zuschauer von Anfang an klar ist, dass es sich bei Lady Kalaschnikow um die Täterin handelt. Hinzu kommt die Schwierigkeit, ein solches True-Crime-Format fernsehgerecht zu bebildern - nicht umsonst ist das Genre besonders im Podcast erfolgreich, wo man keine Bilder braucht. Neben den zahlreichen Interview-Ausschnitten und Archivaufnahmen aus damaligen Nachrichtensendungen arbeitet die Dokumentation vor allem mit nachgestellten Szenen, die sich in Dauerschleife wiederholen. Immer wieder ist zu sehen, wie eine Frau Lippenstift aufträgt, ein Drückerboss zur Bierflasche greift oder die vermeintliche "Lady Kalaschnikow" rauchend dabei zusieht, wie eins der Opfer sein eigenes Grab aushebt. Diese illustrierenden Szenen sind nicht nur sehr klischeehaft, sie sind vor allem auf Dauer ermüdend.
Am interessantesten sind die Einblicke in das Milieu der Drückerkolonnen. Die Berichte vom boomenden Zeitschriftenmarkt der 1990er Jahre und dem Videotheken-Geschäft stellen gerade für jüngere Zuschauer eine Art Geschichtsunterricht dar. Die Doku erzählt, wie einzelne Drücker in die Szene geraten sind, welcher Gewalt sie dort unter Umständen ausgesetzt waren und wie schwierig es war, dem Milieu zu entkommen. Auch das System dahinter wird erläutert, bei dem vor allem einzelne Bandenchefs verdienten, begünstigt durch eine Kette von Subunternehmen, an deren Ende die großen Zeitschriften-Verlage standen, die diesem System nicht wirklich etwas entgegensetzten.
Das System der Drückerkolonnen soll noch bis heute wirken, nur die Mittel haben sich angeblich geändert. Mit dieser Aussage versucht die Doku einen Bogen in die Gegenwart zu schlagen und erklärt, wie sich das Drückergeschäft zunächst zu Callcentern und dann ins Internet verlagert hat. Unternehmen, die in den 90ern tätig waren, sind dort nun in neuer Form aktiv. Die genauen Zusammenhänge bleiben allerdings unklar, weil sie mit dem eigentlichen Kriminalfall nur am Rande zu tun haben. So stellt sich ein Gefühl der Unentschiedenheit ein.
Immerhin: Dem True-Crime-Genre wird häufig vorgeworfen, dass es die Faszination für Verbrechen befeuert, doch diese Doku nutzt die Fälle auch, um Hintergrundinformationen zu vermitteln.
infobox: "ARD Crime Time: Lady Kalaschnikow - Die Drücker-Mafia aus dem Westerwald", dreiteilige Dokumentation, Regie und Buch: Judith Voelker, Kamera: Marc Carol Riemer, Produktion: Februar Film (ARD-Mediathek/SWR, seit 27.8.25, ARD, 1.9.25, 23.50-0.20 Uhr (nur eine Folge), SWR, 10.9.25, 23.30-1.00 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 29.08.2025 12:22
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KARD, KSWR, Dokumentation, True Crime, Voelker, Suhr
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