05.11.2025 09:45
Belgrad (epd). Journalisten und Journalistinnen in Serbien waren in den zurückliegenden zwölf Monaten bei ihrer Arbeit einer Rekordmenge an Bedrohungen und Angriffen ausgesetzt. Dies geht aus Daten hervor, die Reporter ohne Grenzen (RSF) und der Verband unabhängiger Journalisten Serbiens (NUNS) am 31. Oktober, dem Vortag des ersten Jahrestags der Tragödie von Novi Sad, veröffentlichten.
Am 1. November 2024 war ein Bahnhofsvordach in Novi Sad eingestürzt, 16 Menschen starben. Die Katastrophe löste eine bis heute aktive Protestbewegung gegen staatliche Korruption aus, die das Regime von Staatspräsident Aleksandar Vučić vor ernsthafte Schwierigkeiten stellt. Bei ihrer Berichterstattung über regierungskritische Demonstrationen im ganzen Land und die Reaktionen staatlicher Repressionsorgane wurden Medienschaffende massenhaft behindert, bedroht und attackiert, wie die statistische Auswertung von RSF und NUNS zeigt.
Gemäß den auf der verbandseigenen Website veröffentlichten Daten registrierte NUNS seit Beginn dieses Jahres 289 Fälle von Angriffen, Bedrohungen und Übergriffen auf Journalisten und Medienschaffende. Dies ist laut NUNS die höchste Zahl, seit der Verband im Jahr 2008 mit der Registrierung solcher Fälle begonnen hat.
RSF zählte seit Anfang November des vergangenen Jahres 89 körperliche Angriffe auf Medienvertreter. Die Hälfte davon sei von Angehörigen der staatlichen Sicherheitskräfte ausgegangen. Die Polizei verzichte zudem häufig auf eine Verfolgung von Attacken ziviler Personen wie regierungstreuer Aktivisten auf Journalisten. In der RSF Rangliste der Pressefreiheit rangiert Serbien unter 180 Staaten auf Rang 96.
Die freie Journalistin Jelena Petković schrieb ihren Kommentar zu den NUNS-Daten für den Blog der International Federation of Journalists (IFJ): "Was wir in Serbien erleben, ist die Quintessenz staatlicher Einschüchterung und Nötigung mit dem Ziel der Medienkontrolle, indem Journalisten unter Druck gesetzt und zur Selbstzensur gezwungen werden. Es handelt sich um einen Krieg gegen Journalismus, Meinungsfreiheit und Demokratie".
Bereits am 22. Oktober 2025 hatte das Europäische Parlament die politische Situation in Serbien diskutiert und mit großer Mehrheit eine Resolution verabschiedet. In ihr äußern sich die Parlamentarier besorgt "über das angespannte und polarisierte Klima, das durch Hassreden, EU-feindliche und prorussische Propaganda sowie Verleumdungskampagnen regierungsnaher Medien und Beamter angeheizt wird".
Das Europäische Parlament verurteilte "auf das Schärfste die Welle staatlich beeinflusster Gewalt, Einschüchterung und willkürlicher Verhaftungen gegen friedliche Demonstranten, Journalisten, zivilgesellschaftliche Organisationen und Oppositionelle in Serbien sowie Verleumdungskampagnen, Einschüchterung der Medien und den missbräuchlichen Einsatz personenbezogener Daten zur Diskreditierung von Demonstranten".
Zuvor hatten neun internationale Medienorganisationen, darunter RSF und die European Federation of Jouranlists (EJF), in einer gemeinsamen Erklärung die Zurückhaltung der Europäischen Union (EU) gegenüber den Entwicklungen von Politik und Medien in Serbien kritisiert. Die EU-Kommission solle "die ihr zur Verfügung stehenden Instrumente einschließlich der Aussetzung von EU-Mitteln einsetzen, um ein klares Signal für das Engagement der EU für unabhängigen Journalismus und Medienfreiheit in der Region zu senden", forderten sie.
Einem Bericht der Assoziation Unabhängiger Elektronischer Medien (ANEM) gab es zuletzt am 2. November einen Übergriff auf die für den Belgrader Fernsehkanal Insajder TV tätige Journalistin Nataša Mijušković. Sie habe im Zeltlager der Regierungsanhänger vor der Serbischen Nationalversammlung Fotos gemacht, als sie von einer Gruppe Männer in Zivilkleidung umringt worden sei. "Einige von ihnen packten sie am Arm und verlangten, die Fotos zu sehen und von ihrem Handy zu löschen - damit sie ihr 'nicht alle Knochen brechen'”, berichtete ANEM.
fst
Zuerst veröffentlicht 05.11.2025 10:45
Schlagworte: Medien, Serbien, Pressefreiheit, fst, Stier
zur Startseite von epd medien