29.11.2025 10:45
Der Rechercheverbund von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung"
epd Sie decken Missstände auf und sorgen für Schlagzeilen: Seit 2014 arbeiten Journalisten und Journalistinnen in der Recherchekooperation von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" (SZ) zusammen. Viele sprechen von publizistischer Schlagkraft, dafür stehen auch die Journalismus-Preise, die die Kooperation gewonnen hat. Andere kritisieren die Zusammenarbeit zwischen öffentlich-rechtlichen und privatwirtschaftlich organisierten Medien, befürchten eine Quersubventionierung der SZ durch Beitragsgelder und eine Wettbewerbsverzerrung.
Erstmals hat ein Forscherteam der Universität Hamburg die Zusammenarbeit in der Recherchekooperation von NDR, WDR und SZ untersucht und gefragt, wie diese Allianz funktioniert, wo es Konflikte gibt und inwiefern die Kritik am Verbund eine Rolle in der Zusammenarbeit spielt.
Die Enthüllungsrecherchen internationaler Redaktionen zu den "Panama Papers" (2016) und "Paradise Papers" (2017) haben eine Gemeinsamkeit: Journalisten und Journalistinnen unterschiedlicher Medienhäuser und Nationalitäten haben ihre Expertisen gebündelt. Sie haben sich zusammengeschlossen, um riesige Datenmengen auszuwerten und die Missstände der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der investigative Rechercheverbund von WDR, NDR und SZ zählt zu den bekanntesten deutschen intermedialen Netzwerken. Seit seiner Gründung 2014 veröffentlichte der Verbund zahlreiche Recherchen.
Zusammenarbeit über Redaktionen und Ländergrenzen hinaus ist längst gängige Praxis im investigativen Journalismus. In den vergangenen Jahren sind viele nationale und internationale journalistische Netzwerke entstanden. Denn die Datenmengen aus Online-Quellen und Leaks werden immer größer und Künstliche Intelligenz (KI) macht es schwieriger, echte von falschen Informationen zu unterscheiden. Journalistinnen und Journalisten stehen zunehmend vor der Herausforderung, solche Informationen durchzuarbeiten und zu verifizieren. Der Austausch und die gegenseitige Unterstützung unter investigativen Redaktionen werden unverzichtbar. Auch, um sich mit größeren Enthüllungen auf dem Medienmarkt zu behaupten.
Vorreiter sind die USA: Forscher sehen hier seit den späten 90er Jahren einen deutlichen Trend zu Kollaborationen. Dabei finden sich sogar starke Medienkonkurrenten zusammen und - wie in Deutschland im Falle der Kooperation von NDR, WDR und SZ - private und öffentlich-rechtliche Medien. Die Studie geht dieser Zusammenarbeit auf den Grund und bildet damit erstmals wissenschaftlich die internen Abläufe in der Kooperation ab.
Das zentrale Ergebnis: Der Rechercheverbund ist längst nicht so fest institutionalisiert, wie sich vermuten lässt. Vielmehr wird themen- und anlassbezogen recherchiert, es gibt Medienpartnerschaften zu bestimmten nachrichtlichen Anlässen. Es gibt weder Regelwerk noch feste Mitglieder und keine gemeinsame Projektfinanzierung. Die drei Medienhäuser verbindet gegenseitiges Vertrauen, das Wissen um die Fähigkeiten der Kollegen und der Austausch von Materialien und Informationen.
Ein Großteil der Recherchethemen wird von außen an die Redaktionen herangetragen. Hauptquelle für Recherchen seien bestehende Kontakte, so die Befragten. Vor allem Reporterinnen und Reporter, die schon lange dabei sind, haben sich durch jahrelange Recherchen Themenfelder erschlossen und Netzwerke aus Quellen und Kontakten aufgebaut. Häufig kommen Themen laut einer Person "aus dem politischen Raum von Quellen, die da irgendwie involviert sind, die aber auch natürlich ein bestimmtes Interesse verfolgen mit einer Berichterstattung". Grundsatz sei daher, Kontakt zu früheren Quellen zu halten und Hintergrundgespräche mit Quellen zu führen, bei denen dann wiederum neue Themenideen entstehen. Laut zwei Drittel der Befragten werden auch intern Themen gesetzt - angestoßen durch aktuelle Geschehnisse und die Nachrichtenlage.
Wichtige Quellen für die Kooperation sind aber auch Informanten, die Daten leaken oder anonym an die Redaktionen schicken, wie es bei den "Panama Papers" der Fall war. Dies erfolgt über gesicherte Postfächer der Redaktionen oder anonyme Briefkästen wie bei den "Swiss Secrets" und der SZ. Dass solche Datenleaks an die Recherchemitglieder im Geheimen weitergegeben werden, erklärt eine Person damit, dass sich die Kooperation "inzwischen einen Namen gemacht" habe. Weitere Themen kommen von internationalen journalistischen Partnern. Große internationale Recherchethemen seien selten, besitzen dafür aber besonders viel Schlagkraft, sagt eine Person.
Aus der Studie wird deutlich: Schon um Zeit zu sparen, werden Leaks arbeitsteilig ausgewertet. Die Arbeitsteilung erfolgt vor allem während der Recherche, weniger bei der Umsetzung. Ausgewählte Kolleginnen und Kollegen unterschiedlicher Redaktionen arbeiten eigenständig an demselben Projekt und streben eine eigene Publikation in ihrem Medium an, profitieren dabei aber von den Qualifikationen und Quellenzugängen der anderen und tauschen Material aus.
Steht ein Recherchethema fest, wird die Arbeit themen- und anlassbezogen unter den Redaktionen und Personen aufgeteilt. Heißt: Je nach Expertise, Quellenzugang und zeitlichen Kapazitäten bearbeiten Journalisten der drei Redaktionen eine Recherche. Bilateral entscheidet jede Redaktion frei, wer welche Aufgabe übernimmt und mit wem aus den anderen Medienhäusern gearbeitet wird. Dabei spielen gegenseitiges Vertrauen, Sympathie, journalistische Fähigkeiten, Quellen und Fachkenntnisse eine Rolle.
Zusammenarbeit im Verbund wird also für jedes Recherchethema neu diskutiert. So arbeiten auch mal nur NDR und WDR, WDR und SZ oder NDR und SZ zusammen, das sagt die Mehrzahl der Befragten. Internationale Kooperationspartner wie das International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) werden je nach Ausmaß eines Recherchevorhabens ins Boot geholt. Obwohl sich Partner verschiedener Häuser zusammenfinden, betonen die Befragten, dass alle Beteiligten prioritär für ihr eigenes Haus arbeiten.
infobox: Für die Masterarbeit hat Luka Simon Interviews mit neun investigativen Journalistinnen und Journalisten von WDR, NDR und SZ geführt, die regelmäßig in der Kooperation recherchieren. In den Interviews wurde nach den Arbeitsweisen gefragt und nach den Problemen und Konflikten, die sich bei der Zusammenarbeit ergeben. Die Antworten werden in der Forschungsarbeit auf Wunsch der Befragten anonymisiert wiedergegeben. Auch in diesem Artikel sind die Aussagen anonymisiert. Eine ausführliche Zusammenfassung der Studie findet sich in dem Artikel "Kooperation trotz Konkurrenz - Arbeitsweisen und Konfliktpotenziale in einem investigativen Rechercheverbund" von Jessica Kunert, Luka Simon und Volker Lilienthal, der in "Journalistik" 2/2025 veröffentlicht wurde.
Der Informationsaustausch erfolgt bilateral über Konferenzen und Chatgruppen und nur innerhalb des jeweiligen Rechercheteams. Den Materialaustausch empfinden alle Befragten als intensiv, kollegial und als "laufenden Prozess", in dessen Verlauf die jeweils mitwirkenden Journalisten und Journalistinnen durchgehend Daten, Wissen, Dokumente und zentrale Rechercheergebnisse miteinander teilen. Es gebe keine Grenzen des Austausches. Eine Ausnahme sind Dokumente, bei denen der Schutz von Quellen nicht mehr geleistet wäre. Denn Quellenschutz ist das A und O der Recherchen. Solche Materialien werden nicht oder nur in Form von Exzerpten geteilt. Auch Kontaktdaten werden nicht weitergegeben.
Bei den gemeinsamen Veröffentlichungen gilt der Grundsatz der Gleichzeitigkeit mit einer gemeinsamen Sperrfrist, damit keines der beteiligten Häuser mit einer Recherche zuerst für Aufmerksamkeit sorgt. Crossmediales Arbeiten heißt aber auch zu berücksichtigen, dass es je nach Ausspielweg unterschiedliche Präferenzen beim richtigen Veröffentlichungszeitpunkt gibt (vor allem zwischen WDR/NDR und SZ). Viele Befragte betonen daher, die Frist sei variabel. Zentral bei großen Recherchen ist auch eine gemeinsame Pressemitteilung, die schon vor der Publikation die gemeinsame Recherche ankündigt.
Auch hier gilt aber: Die Priorität liegt bei dem jeweiligen Medienhaus: "Da jeder ja seine eigene Geschichte schreibt, ist auch jeder sozusagen für sein eigenes Tun verantwortlich", sagt eine Person und meint damit, dass jedes Haus für seine eigene Veröffentlichung zuständig ist.
Bei der Befragung fiel auf, dass der SZ eine andere Eigenständigkeit zugesprochen wird. Das liegt an den Rechercheschritten, den Ausspielwegen (kein Fernsehen und Hörfunk) und dem unterschiedlichen Aufwand für die Artikel. Zwischen WDR und NDR wird daher mehr Arbeit und Material aufgeteilt (zum Beispiel die Federführung) als mit der SZ. Die SZ erhält kein Video- oder Audiomaterial von NDR und WDR. Damit wollen die beteiligten Redaktionen offenbar den Vorwurf der Quersubventionierung entkräften.
Eine Erkenntnis der Untersuchung ist, dass es keine schriftlichen Regeln gibt, sondern vielmehr "unausgesprochene Standards" wie die sorgfältige Prüfung aller Informationen und die Konfrontation im Namen aller beteiligten Medienhäuser (also die Anfrage an Personen, gegen die sich die Vorwürfe richten).
Eine weitere Erkenntnis: Die Sorge, durch die Kooperation könnte die SZ durch Rundfunkbeiträge quersubventioniert werden, ist nicht gerechtfertigt. Einen gemeinsamen Etat gibt es nach Angaben der Befragten nicht. Der Aufwand von Fernsehen, Hörfunk und Print unterscheidet sich. Es werde darauf geachtet, dass jeder von Projekt zu Projekt seinen gerechten Anteil an der Recherchearbeit leiste.
Wo Menschen zusammenarbeiten, gibt es Konflikte und so auch in der Kooperation. Am häufigsten wird von den Befragten das Spannungsfeld genannt, wenn eine Redaktion alleine veröffentlichen und die Recherche nicht im Verbund teilen möchte. Ein exklusiver Zugang zu einer Quelle könne ein Grund dafür sein. Eine befragte Person bringt es auf den Punkt: "Man freut sich für jede geile Geschichte, die der andere macht, aber eigentlich hätte man sie auch gerne selber gemacht."
Konfliktfeld Nummer zwei ist der unterschiedliche Arbeitsaufwand der Redaktionen. Eine Person sagt, es sei ein "wahnsinniger Koordinationsaufwand", für eine gerechte Arbeitsteilung zu sorgen. Wer ist für welches Interview verantwortlich? Das zu entscheiden kann laut einem anderen Befragten zu Problemen führen. Das Ergebnis seien Beschwerden und Frust, wenn das Gefühl entsteht, mehr für eine Recherche zu investieren als die andere Redaktion. Auch der Arbeitsaufwand pro Person sei schwer zu ermitteln und gegeneinander aufzuwiegen. Dass die Redaktionen in Deutschland verteilt liegen, erschwere die Koordination zusätzlich. Eine gemeinsame Datenplattform gebe es für die Zusammenarbeit nicht. Weitere Konfliktpotenziale bergen menschliche Differenzen und die genannten unterschiedlichen Ausspielwege.
Auch bezüglich des Zeitpunkts der Publikation kann es zu Konflikten kommen. Die beste Uhrzeit, um das eigene Publikum zu erreichen, richtet sich nach den unterschiedlichen Ausspielwegen. Ein "Kernkonflikt", sagt eine Person. Ebenso könne die Frage nach dem Schwerpunkt in der Recherche zu Diskussionen führen.
Die Ergebnisse der Studie haben keine Allgemeingültigkeit. Zwar waren schon nach der Hälfte der Interviews erste Wiederholungen in den Antworten zu erkennen (Datensättigung), für ein repräsentatives Ergebnis reichte das aber noch nicht. Dennoch geben die Ergebnisse einen wertvollen neuen Einblick in die Arbeitsabläufe der Kooperation. Deutlich wird auch, dass die Regeln für solche Kooperationen von Recherche zu Recherche neu verhandelt werden müssen.
Journalistische Verbände sind ein nachhaltiger Trend, die untersuchte Recherche-Kooperation ist nur ein Beispiel für medienübergreifende Zusammenarbeit. Es bleibt die Frage, wie es sich auf den Journalismus auswirkt, wenn nun immer mehr Medienhäuser miteinander kooperieren. Zu fragen ist auch nach den Auswirkungen auf den Wettbewerb und auf die Zahlungsbereitschaft von Abonnenten, wenn private Medien, deren Geschäftsmodell auf Bezahlung basiert, mit den Öffentlich-Rechtlichen kooperieren.
Copyright: Foto: privat
Darstellung: Autorenbox
Text: Luka Simon ist Journalistin beim NDR und studierte im Masterstudiengang Journalistik an der Universität Hamburg.
Zuerst veröffentlicht 29.11.2025 11:45
Schlagworte: Medien, Journalismus, Kooperationen, NDR, WDR, Süddeutsche Zeitung, Recherche, Recherchekooperation, Simon
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