Wie ein Küchenmesser - epd medien

08.12.2025 09:10

Die kenntnisreiche Arte-Dokumentation "Telegram - Das dunkle Imperium von Pawel Durow" nähert sich dem zwiespältigen Wesen des Messenger-Diensts Telegram über die Persönlichkeit seines Gründers an.

Arte-Dokumentation "Telegram - Das dunkle Imperium von Pawel Durow"

Pawel Durow vor dem Logo seiner Messenger-Plattform Telegram

epd Elon Musks Ruchlosigkeit, Mark Zuckerbergs Opportunismus, Peter Thiels Ideologie: Tech-Milliardäre sind derzeit omnipräsent. Pavel Durow hingegen steht weniger im Rampenlicht, vielen dürfte der Name des Telegram-Gründers erst seit seiner kurzzeitigen Verhaftung in Paris im Sommer 2024 bekannt sein. Diese Lücke füllt Aleksandr Urzhanovs Dokumentation "Telegram - Das dunkle Imperium von Pawel Durow" kenntnisreich. Der inzwischen im Exil lebende russische Journalist Urzhanov berichtet seit 20 Jahren über den heute 41-jährigen Durow und seine beiden Gründungen Telegram und VK.

Als Durow 2014 bei VK, dem "russischen Facebook", unter politischem Druck ausstieg, begleitete Urzhanov dies für den regierungskritischen Sender TV Rain. Dieser Kenntnisreichtum ist für den Film ein Gewinn, zu Wort kommt neben früheren Wegbegleitern von Durow etwa Galina Timtschenko, die Chefredakteurin des Exilmediums Meduza, das sein Publikum in Russland auch per Telegram erreicht.

Jugendwahn und Selbstoptimierung

Wenig überraschend schlägt der Film viel erzählerisches Kapital aus der Persönlichkeit des Telegram-Gründers. Der Begriff "schillernd" wird inflationär benutzt, für Durow aber scheint er untertrieben. Bei seiner Annäherung an den Mann macht es sich Urzhanov jedoch nicht zu leicht. Sein Film ist weder spekulatives Psychogramm noch inszeniert er Durows Aufstieg als bloße Abenteuergeschichte, auch wenn es an aberwitzigen Anekdoten nicht mangelt. Man fühlt sich zwar unterhalten, aber vor allem auch gut informiert.

Viel Raum widmet der Film dem Zwiespalt, der Durow und damit auch seinen Messenger-Dienst auszumachen scheint. Auf den ersten Blick scheint er viel mit dem Typus Silicon-Valley-Tycoon oder auch mit einem Oligarchen gemein zu haben. Jugendwahn und Selbstoptimierung, die Verwandlung vom nerdigen Techie zum Muskelprotz, Insta-Posts mit gestähltem Oberkörper, die Freude an der Provokation. Die Behauptung, mehr als 100 Kinder per Samenspende gezeugt zu haben. Eine auf verschlungenen Wegen errungene französische Staatsbürgerschaft. Mutmaßliche Briefkasten-Unternehmenssitze, ein auf Krypto gebautes Geschäftsmodell.

Kritik an Telegram

Und doch, das macht der Film deutlich, anders als die Granden des Silicon Valley oder der typische Oligarch, hat Durow nie mit den Mächtigen gekuschelt. Als er sich 2014 weigerte, die Seiten russischer Oppositioneller bei VK zu sperren, geriet er unter Druck und verließ das "russische Facebook", das er 2006 gemeinsam mit seinem Bruder Nikolai gegründet hatte. Sein zweites Start-Up Telegram, 2013 gegründet, habe stets allen Seiten offen gestanden.

Genau das macht denn auch einen Großteil der Kritik an Telegram aus: Verschwörungstheoretiker, Reichsbürger, Möchtegern-Putschisten, Terroristen, Pädophile, Vergewaltiger, Kriminelle nutzen die App zur Vernetzung. Auf der anderen Seite dient sie auch demokratischen Oppositionellen etwa in Belarus oder Russland. Im russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ist Telegram auf beiden Seiten beliebt, wie der Film aufzeigt. Interviewpartnerin Timtschenko vergleicht den Messenger-Dienst mit einem Küchenmesser, mit dem man Brot schneiden, aber auch jemanden erstechen könne.

Durow bestimmt den Kurs

Was auch auf andere Plattformen zutrifft, zeigt sich bei Telegram noch stärker: Privatsphäre, Meinungsfreiheit, diese Begriffe durchziehen öffentliche Äußerungen Durows. Während die US-Netzwerke in den vergangenen Jahren verstärkt und öffentlichkeitswirksam in Content-Moderation investiert hatten, bevor Trump in den USA wieder ins Weiße Haus einzog, findet die bei Telegram kaum statt. Die scheiternden Versuche des Bundesamts für Justiz, Telegram am Firmensitz in Dubai formelle Schreiben in Sachen Netzwerkdurchsetzungsgesetz zuzustellen, werden erwähnt. Die mangelnde Moderation, die fehlende Kooperation mit den Behörden und die dadurch entstehende Begünstigung krimineller Aktivitäten sind auch der Kernpunkt der noch laufenden französischen Ermittlungen gegen Durow.

Telegram, das stellt die Doku heraus, ist vor allem Durow, er allein bestimme den Kurs des im Vergleich zu den anderen Tech-Giganten winzigen Unternehmens. Mit dem Chef selbst konnte Filmemacher Urzhanov nicht sprechen. So greift er auf öffentliche Auftritte zurück, etwa Interviews mit dem rechten US-Talker Tucker Carlson.

Propaganda- und Vernetzungsmaschine

Visuell ist der knapp 90 Minuten lange Film ansprechend gestaltet. Neue Themenabschnitte werden mit eingeblendeten Überschriften eingeleitet. Gelegentliche Spielereien wie KI-generierte Animationen samt Prompts oder Aufnahmen von Durow mit entblößtem Oberkörper, die hinter Interviewpartnern auf Röhrenfernsehern laufen, werden so wohldosiert eingesetzt, dass sie nicht zur Masche verkommen.

"Das dunkle Imperium von Pawel Durow" nähert sich der Ambivalenz von Telegram, das Schutzraum für Oppositionelle und Minderheiten sowie Propaganda- und Vernetzungsmaschine für Radikale und Kriminelle zugleich ist, behutsam an. Am Ende steht als Fazit ein Wunsch, der auch mit Blick auf US-Plattformen gerne geäußert wird: Es wäre schön, wenn Telegram einfach seinen Nutzern gehören würde.

infobox: "Telegram. Das dunkle Imperium von Pawel Durow", Dokumentation, Regie: Igor Sadreev, Buch: Aleksandr Urzhanov Kamera: Daniel Waldhecker, Jean Schablin, Florian Henke, Produktion: Kobalt (Arte/RBB/WDR, 25.11.25, 21.50-23.20 Uhr und in der ARD-Mediathek)



Zuerst veröffentlicht 08.12.2025 10:10

Dominik Speck

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KArte, KRBB, KWDR, Dokumentation, Telegram, Sadreev, Urzhanov, Speck

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