Vom Glück, eine Seepocke zu sein - epd medien

16.12.2025 08:40

Vom Orakel von Delphi bis zur heutigen Influencer-Szene verfügen Rat-Gebende über Macht und Einfluss. Doch was bleibt vom Leben übrig, wenn jeder von früh bis spät nur noch mit Selbstoptimierung beschäftigt ist? Nele Stuhler gelinge in ihrer Hörspielversion von Liv Strömquists Comic "Das Orakel spricht" ein witziges Pamphlet gegen den Glauben, das eigene Glück komplett selbst in der Hand zu haben, schreibt Cosima Lutz.

Hörspielreihe "Das Orakel spricht" bei Deutschlandfunk Kultur

epd In den 90ern, man hatte noch kein Internet und lebte von analogen Memes, hing in manchen geisteswissenschaftlichen Studenten-WGs der Spruch: "Ich zweifle, also könnte ich sein", als Persiflage auf das Descartsche Diktum "Ich denke, also bin ich". Der Satz könnte das geheime Motto von "Das Orakel spricht" sein. Denn Nele Stuhlers siebenteilige Hörspielbearbeitung von Liv Strömquists gleichnamiger Graphic Novel treibt es mit dem Anzweifeln von Normen und Praktiken richtiger Lebensführung so lustig auf die Spitze, dass am Schluss neben einem gewaltigen Trümmerhaufen verinnerlichter Scheinwahrheiten sogar eine Art Hoffnung entsteht: Man könnte wirklich sein!

Stuhler, Jahrgang 1989 und erfolgreich als Regisseurin und Theaterautorin etwa fürs Deutsche Theater ("Gaia googelt nicht"), fragt mit der Schwedin Strömquist: Was bleibt eigentlich vom Leben übrig, wenn jeder und jede von früh bis spät und sogar im gefälligst qualitativ hochwertigen Schlaf mit Selbstoptimierung beschäftigt ist? Und pausenlos anderen Ratschläge gibt? Es bleiben Müdigkeit, Erschöpfung, Wahnsinn. Was Menschen wiederum erst recht in die Einflusssphären von Influencern jeglicher Art treibt.

Absurder Teufelskreis

Eigentlich ein ziemlich absurder Teufelskreis, doch Stuhler ringt dieser alltäglichen Vorhölle mit einem ausgeprägten Gespür für Timing, Sprache, Bildwitz und Rhythmus ein kosmisch-komödiantisches Humorpotenzial ab, das bei diesem Thema nicht unbedingt zu erwarten ist. Wo wir doch alle ein ernsthaftes Problem mit Lebenszeitvergeudung durch Lebenszeitvergeudungsverhinderungs-Ratgeber haben.

Eine dieser neuen Normen ist zum Beispiel "Das Kind in dir". Als massentherapeutischer Bestseller längst zum geflügelten Wort geworden, verliert es schlagartig seine pathetisch aufgeladene küchenpsychologische Bedeutung, wenn Stuhler es uns als kleinstes Holzpüppchen in einer Art Ich-Matroschka vorstellt. Irgendwann hat man es also gefunden und herausgepult aus seinem Innersten, und dann fängt es quäkig an zu sprechen. Es ist kaum zu verstehen, man muss schon genau hinhören, was das Kerlchen als das Gute und Ratsame empfiehlt: "Stand-up-Paddeling". Und: "Du magst Nudeln." Die Banalität des Individuellen. Aber, oh Gott: Nudeln sind fast so sehr des Teufels wie Brot. Muss ich mein Zeitfenster, in dem ich überhaupt esse, noch weiter verkleinern?

Das Fiktionale durchbrechen immer wieder reale Interviewpassagen, in denen Expertinnen und Experten zu Wort kommen. In der Folge "Das Universum spricht" etwa ein echter Astrologe, aber auch ein unechter Adorno und ein gespielter Ronald Reagan, der seine Regierungsgeschäfte offenbar auch von seinem Horoskop abhängig machte - eine fiese kleine Machtgeschichte der Astrologie. "Der Tod spricht" ist die gelungenste der allesamt äußerst kurzweiligen Folgen, vielleicht, weil es die grundsätzlichste ist.

Genaues Wissen um Aufmerksamkeitsspannen

In "Der Mann spricht" nimmt Stuhler die Influencer der sogenannten Manosphere aufs Korn, in "Die Banane spricht" die psychologische Tatsache, dass Menschen deshalb so gerne Rat geben, weil es ihnen danach besser geht, als wenn sie Rat empfangen. Weshalb die Flut an Tipps und Hacks weiter zunehmen wird und zugleich die Lebenszeit, die wir verpassen, weil wir ja gerade einen Rat befolgen oder geben, zum Beispiel gegen das quälende Gefühl, ständig etwas zu verpassen.

Mit einem äußerst spielfreudigen Cast um Elsie Brödel, Martin Wuttke, Anna Schudt, Matthias Matschke und Dirk von Lowtzow inszeniert Stuhler die Kakophonie der "Ich erklär euch jetzt mal"-Einflüsterungen als quasi-griechischen Chor. Die Musik Nils Michael Weishaupts und Jan Kürschners grätscht immer wieder virtuos dazwischen, nimmt überraschend Fäden auf und verfremdet altbekannte Popsongs in kassandrische Gesänge.

Zur Kurzweiligkeit trägt Stuhlers genaues Wissen um Aufmerksamkeitsspannen bei: Kleinteilig und assoziativ geht sie vor, aber sie lässt zugleich den großen dramaturgischen Bogen nie aus den Augen. Was oft zunächst wie ein schneller Gag wirkt, entfaltet plötzlich aufklärerisches Potenzial, etwa wenn sich Persönlichkeiten längst vergangener Jahrhunderte ungebeten zuschalten und kurze Interviews geben. Der greise Zygmunt Bauman, Soziologe und Philosoph, ersteht auf diese Weise auf und vertritt erschreckend aktuelle Einsichten, eine fanatische Heilige Katharina lobt die Verachtung des Körpers, eine reale Seelsorgerin widerspricht ihr, und der einzige Überlebende eines Vulkanausbruchs hatte einfach Glück, als er am Abend zuvor jemanden verprügelt hatte und deshalb die Nacht im schützenden Kerker verbrachte.

Manchmal reist das Hörspiel für Momente in frühere Jahrhunderte zurück oder springt für eine Blitzumfrage ins Tierreich, um zu eruieren, wie man es da so hält mit dem Bewusstsein, sterblich zu sein. Was Seepocke und Gürteltier zu sagen haben, gibt auf wunderbare Art überhaupt nicht zu denken und erklärt doch einiges. Was fehlt, ist eine Folge "Die KI spricht". Aber die schreibt und spricht sich demnächst vielleicht von selbst.

infobox: "Das Orakel spricht", siebenteilige Hörspielserie nach der gleichnamigen Graphic Novel von Liv Strömquist, Bearbeitung und Regie: Nele Stuhler (Deutschlandfunk Kultur, Folge 1-3: 11.12.25, ab 22.05 Uhr, Folge 4-7: 14.12.25, ab 18.30 Uhr und seit 5.12.25 in der ARD-Audiothek)



Zuerst veröffentlicht 16.12.2025 09:40

Cosima Lutz

Schlagworte: Medien, Kritik.(Radio), Hörspiel, Lutz, Deutschlandfunk Kultur

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