Skeptischer Blick - epd medien

17.12.2025 10:33

ZDF-Korrespondentin Golineh Atai hat sich für die Dokumentation "Ein Jahr nach dem Sturz Assads" nach Syrien begeben, um die Lage im Land nach dem Sturz von Diktator Baschar al-Assad zu beschreiben. Politiker, die sich zu Syrien äußern, sollten diesen Film kennen, meint René Martens.

ZDF-Dokumentation "Ein Jahr nach dem Sturz Assads""

Golineh Atai leitet das ZDF-Auslandsstudio in Kairo

epd Die ZDF-Nahostkorrespondentin Golineh Atai wurde im November während ihrer Drehreise für die "Auslandsjournal"-Dokumentation "Ein Jahr nach dem Sturz Assads - Schafft Syrien den Neuanfang?" live aus Damaskus in das "Morgenmagazin" zugeschaltet. Moderatorin Eva-Maria Lemke wollte wissen, wie die Reporterin das Ausmaß der Zerstörung in Syrien beurteile - vor dem Hintergrund der in der CDU geführten Debatte, ausgelöst durch Äußerungen von Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU), der Ende Oktober beim Besuch einer schwer verwüsteten Vorstadt von Damaskus gesagt hatte: "Hier können wirklich kaum Menschen richtig würdig leben."

Golineh Atai nahm den Ball auf, leitete aber schnell zu einem anderen Aspekt über: "Was mich auf dieser Reise noch mehr beunruhigt, ist, dass es so viel traumatisierte Menschen in diesem Land gibt, wie es Waffen gibt, und das ist genau das, was die Sicherheitslage so zerbrechlich macht."

Einstürzende Häusergerippe

Die vom ZDF am 4. Dezember zum Jahrestag des Endes der Assad-Diktatur ausgestrahlte rund 35-minütige Dokumentation greift die in der Schalte angedeutete Schwerpunktsetzung auf. Als Zuschauer bekommt man zwar einen Einblick in die Zerstörung, etwa in Yarmouk, einem Stadtbezirk von Damaskus, wo, so Atai, "immer wieder ganze Häusergerippe einstürzen" und es einem aufgrund des Trümmerstaubs "schwerfällt zu atmen". Die Sicherheitslage in Syrien spielt aber eine größere Rolle.

Atai fährt für ihren Film zum Beispiel nach Suweida, in die Hochburg der Drusen, einer aus dem Islam entstandenen Glaubensgemeinschaft. Die ZDF-Reporterin trifft dort die Angehörigen der Opfer eines Massakers, das sich im Juli abspielte, nachdem Regierungstruppen dort in einen lokalen religiösen Konflikt eingegriffen hatten - woraufhin wiederum das derzeit mit den Drusen verbündete Israel reagierte, indem es das syrische Verteidigungsministerium in Damaskus bombardierte.

Die Situation in Suweida komplex zu nennen, wäre beinahe unterkomplex: Die Zentralregierung hat dort keine Kontrolle, in der Bevölkerung ist sie seit dem Massaker im Sommer verhasst. "Diese extremistische Regierung wird nur Zerstörung bringen, wo immer sie hingeht, wo immer sie ist", sagt ein drusischer Mann, dessen Neffen bei dem Massaker ermordet wurden.

Überkonfessionelle Fahrradtour

Die Macht vor Ort hat eine Drusen-Miliz, die zu Assads Zeiten noch vom Iran unterstützt wurde. Auch sie agiere repressiv und verübe Gräueltaten, sagt Atai. Nachdem die Autorin die in Suweida erkennbaren "Spannungslinien" im Off erläutert hat, richtet sie sich im On direkt an die Zuschauer und erklärt die Lage noch einmal zusammenfassend. Eine Entscheidung, die für den Film gut ist.

Im Nordosten Syriens ist die Lage kaum weniger verworren: Das Sagen hat die Kurdenmiliz SDF, und mit der Türkei mischt - ähnlich wie im Süden Israel - ein internationaler Großakteur mit, der seine Interessen durchsetzen will. Atai und ihrem Koautor Amro Refai gelingt es aber auch, die Euphorie jener zu vermitteln, die an einen Aufbruch in bessere Zeiten glauben. Da sind die Organisatoren und die Teilnehmer des "Road Ride", einer regelmäßig stattfindenden überkonfessionellen Fahrradtour durch Syrien, die unter dem alten Regime kaum genehmigt worden wäre. Auf Atai wirkt es, als ob die Radler "ihre Heimat neu erkunden wollten".

Und da ist der Schauspieler Nawar Bulul, der nach zwölf Jahren aus Frankreich in seine Heimat zurückgekehrt ist und nun in einem Musical auftritt. Als "säkularer Linker" sei er bei seiner Rückkehr skeptisch gewesen, aber die Islamisten seien jetzt seine "Freunde geworden", sagt er.

Skeptisches Resümee

"Meine Hoffnung überwiegt - auf ein neues, auf ein helles Kapitel der Geschichte", lautete im Februar Atais Fazit in ihrem Vorgängerfilm "Syrien nach Assad", der die Lage unmittelbar nach dem Sturz der Diktatur einfing. Angesichts der schwer lösbar wirkenden Probleme im Nordosten und Süden des Landes fällt das Resümee ihres aktuellen Films skeptischer aus.

In diesem Jahr war Golineh Atai bereits für ihre Syrien-Berichterstattung beim Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie "Beste Moderation/Einzelleistung Information" nominiert. "Ein Jahr nach dem Sturz Assads" zeigt im Nachhinein, wie gerechtfertigt diese Nominierung war. Politiker, die sich zu Syrien äußern, sollten diesen Film kennen.

infobox: "Auslandsjournal - die Doku: Ein Jahr nach dem Sturz Assads - Schafft Syrien den Neuanfang?", Dokumentation, Regie und Buch: Golineh Atai, Amro Refai, Kamera: Karim Nagy, Mohanad Zayat, Tamer Yehia (ZDF-Mediathek seit 3.12.25, ZDF, 4.12.25, 1.00-1.35 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 17.12.2025 11:33

René Martens

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Dokumentation, Atai, Martens

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