Die großen Fragen des Lebens - epd medien

02.01.2026 10:05

Wie sollen wir leben? In dem Hörspiel "Um zwölf Uhr mittags ist Zukunft. Zeit zum Essen" stellen Erik Altorfer und Mitglieder des Theaters Hora die großen Fragen des Lebens. Bei der Beantwortung vertrauen sie auf die Kraft der Fantasie.

Hörspiel "Um zwölf Uhr mittags ist Zukunft. Zeit zum Essen"

Schauspielerin Caitlin Friedly vom Theater Hora

epd Dieses Hörspiel des Schweizer Regisseurs Erik Altorfer strahlt etwas sympathisch Lebensfrohes aus. Zwar gibt es nachdenkliche und auch traurige Momente, es überwiegt jedoch ein positiver Blick auf die Welt und die Menschen. Am deutlichsten wird das durch einzelne Sätze, die unvermittelt im vielstimmigen Fluss der 70-minütigen Produktion aufploppen und ohne jeden weiteren Kommentar für sich alleine stehen. "Der Mensch ist doch ein Wunder der Natur" ist so ein Satz oder "Wir sind Musik".

Geschrieben haben die Texte 13 Ensemblemitglieder des Theaters Hora. Das im Jahr 1993 in Zürich gegründete Theater besteht aus Schauspielern und Schauspielerinnen mit kognitiver Beeinträchtigung, es ist eine der renommiertesten freien Theater-, Tanz- und Performance-Gruppen der Schweiz. Preise, Einladungen zum Berliner Theatertreffen und eine Zusammenarbeit mit den Münchner Kammerspielen bestätigen dies. Zur philosophischen DNA von Hora gehört "die Förderung der Selbstbestimmtheit seiner Ensemblemitglieder".

So kann man es auf der Homepage lesen, und das Hörspiel mit dem herrlich wunderlichen Titel "Um zwölf Uhr mittags ist Zukunft. Zeit zum Essen" ist ein weiterer starker Beleg dafür. Es gibt einen Einblick in den Theateralltag, der Selbstvertrauen schenkt.

Offenherzige Texte

Das Hörspiel erzählt keine lineare Geschichte. Erik Altorfer, der Hora seit rund fünf Jahren eng verbunden ist, hat die offenherzigen Texte, die nichts weniger als die großen Fragen des Lebens zum Inhalt haben, zu einem eindrücklichen Mosaik angeordnet, gesprochen von zwei Männern und vier Frauen. Remo Beuggert, Caitlin Friedly, Matthias Grandjean und Fabienne Villiger gehören dem Hora-Ensemble an, die Österreicherin Olivia Grigolli und die Schweizerin Jasmin Mattei treten als Gastschauspielerinnen auf.

"Liebe Zuhörerinnen und Zubehörer (sic!), wie sollen wir leben?" wendet sich eine Frauenstimme in der Mitte des Hörspiels direkt an uns und gibt gleich zu, dass es für sie nicht einfach ist, diese Frage angesichts der gegenwärtigen Kriege auf der Welt zu beantworten. "Aber", sagt sie mit Nachdruck, "ich versuche positiv zu bleiben", um sich dann ein Leben in Frieden, getragen von Akzeptanz und Toleranz zu wünschen. Diese Botschaft gilt zu jeder Jahreszeit, in der Weihnachtszeit und um den Jahreswechsel aber noch ein wenig mehr.

Kraft der Fantasie

Antworten im Sinne von diskursiven Lösungsvorschlägen werden nicht gegeben. Neben "Wie sollen wir leben?" sind das beispielsweise noch die nach dem Anfang eines Menschenlebens oder die nach der Liebe. Stattdessen ist das Hörspiel ein einziges Plädoyer für die Kraft der Fantasie einerseits und für das Vertrauen in unsere Sinne andererseits. Es gilt, sagen die Texte, sich auf die Welt einzulassen und ihr zuzuhören. Am besten mit geschlossenen Augen, wie man am besten auch ein Hörspiel hören sollte. "Stell dir vor", weist uns eine männliche Stimme an einer besonders schönen Stelle an und zählt dann ein Wort nach dem anderen auf: von Himmelbett über Stern, Putzfrau und Wolkenkratzer bis zu Kühlschrank. Weitere Sprecher fallen in die Aufzählung ein, die Wörter verdoppeln sich, bekommen etwas Magisches.

Solche Passagen mit repetitiver Struktur gibt es viele. Da wird geflüstert und gehaucht, aber auch klar und betont gesprochen. Zu hören ist Schweizer Akzent ebenso wie Hochdeutsch, und so bekommen die Sätze schließlich ihren ganz eigenen poetischen Zauber, der durch die Komposition von Martin Schütz, dem langjährigen Weggefährten des Regisseurs, zusätzlich an Intensität gewinnt. Man staunt über allerlei wundersame Töne, die er vor allem dem Klavier und diversen Percussions entlockt. Daneben gibt es Songs, wie den von unserem Kopf, der immer denken und arbeiten muss, aber auch lernfähig ist. Musik und Text erinnern an ein Brecht/Weill-Lied. Ein Song über das Herz dann eher an Dada. Da reimt sich Herz nämlich nicht nur auf Schmerz, sondern auch verschmitzt auf Merz und Scherz.

infobox: **"Um zwölf Uhr mittags ist Zukunft. Zeit zum Essen", Hörspiel, Regie und Buch: Erik Altorfer in Zusammenarbeit mit dem Theater Hora, Komposition: Martin Schütz (ARD-Audiothek/BR seit 16.12.25, Bayern2, 19.12.25, 20.03-22.00 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 02.01.2026 11:05 Letzte Änderung: 02.01.2026 11:21

Florian Welle

Schlagworte: Medien, Radio, Kritik, Kritik.(Radio), KBR, Hörspiel, Altorfer, Welle, ema, NEU

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