Kleiner Mann mit großem Fuhrpark - epd medien

03.01.2026 09:10

Das kleine Männchen, das auch heute noch den Kindern im Kinderkanal um 18.50 Uhr die Träume bringt, wurde vor 66 Jahren im Osten erfunden - um einem geplanten Sandmännchen im Westen zuvorzukommen. Die Dokumentation "Sandmännchen forever" zeigt, was die kleine Figur mit den Knopfaugen bis heute so beliebt macht.

Dokumentation "Sandmännchen forever"

Seit 66 Jahren erzählt das Sandmännchen Kindern Gute-Nacht-Geschichten

epd Magische Figur, Superman und Alptraumfänger, ein altersloser Mann ohne Geschichte, technologieaffiner Inhaber eines gewaltigen Fuhrparks vom Fahrrad bis zur Rakete, abenteuerlustige Ikone und weitgereiste Instanz, freundliche Autorität, "Deutschlands Beauftragter für schöne Träume", außerdem Grimme-Preisträger und Merchandising-Tausendsassa - all das ist das Sandmännchen. Für Millionen von Kindern gehörte und gehört es zum Ritual des Zu-Bett-Gehens, seit es 1959 zum ersten Mal auf dem Bildschirm auftauchte. Mit seinen Knopfaugen, kindlichen Gesichtszügen und der Zipfelmütze eroberte der Sandmann schnell die Herzen nicht nur der Kinder, sondern auch der Eltern, ein Sympathieträger, der bald auch in Westdeutschland viele Fans fand.

Der überaus facettenreichen Geschichte des inzwischen 66-jährigen Sandmännchens geht Sebastian Deinhardt in seiner 70-minütigen Dokumentation in aller Gründlichkeit nach. Neben Prominenten, die ihre persönlichen Erinnerungen an ihre Kindheit mit dem Sandmännchen und ihre Assoziationen schildern (Jördis Triebel, Bürger Lars Dietrich, Norbert Leisegang oder die Kika-Moderatorin Clarissa Corrêa da Silva), lässt Deinhardt auch etliche Experten zu Wort kommen: den Sozialpsychologen Dieter Frey, den "Sandmann-Experten" Volker Petzold, die Fernsehwissenschaftlerin und Sandmännchen-Sammlerin Heidrun Wilkening oder den derzeitigen Sandmännchen-Regisseur Stefan Schomerus.

Hat das Sandmännchen Vorfahren?

Die Dokumentation geht auch der Frage nach, ob es kulturhistorische Wurzeln für die Figur des Sandmanns gibt. Mit anderen Worten: Hat das Sandmännchen Vorfahren?

Dieter Frey wurde fündig in alten Illustrationen mit sandmannähnlichen Wichteln und alten Wörterbüchern, in denen die Vokabel Sandmann als Bezeichnung für Sandhändler erwähnt wird. Sand wurde früher als Putzmittel für Böden oder Geschirr eingesetzt, zugleich wurde das Reiben müder Augen mit eingestreutem Sand assoziiert. Auswanderer nahmen die Mythen schlafbringender Wichtel mit nach Amerika: in Kalifornien gab es bereits 1922 bei einem privaten Radiosender die Figur des Sandmanns als musikalischer Schlafbringer, und natürlich denkt man sofort an entsprechende Songs wie "Mr. Sandman".

Wettlauf der Systeme

In Deutschland erfindet Ilse Obrig in den frühen 1940er Jahren den Sandmann als Hauptfigur einer abendlichen Kinder-Radiosendung. Ab 1945 baut sie in West-Berlin wieder einen Kinderfunk auf. Als der SFB 1959 ein neues Kinderformat mit einem Sandmännchen starten will, ist natürlich Ilse Obrig dabei.

Als man im Ost-Berliner Deutschen Fernsehfunk in Adlershof Wind davon bekommt, drängt Programmchef Walter Heynowski auf ein Ost-Sandmännchen, das dem Westen zuvorkommt - auch bei den Kindersendungen wetteifern die Systeme. Gerhard Berendt, künstlerischer Leiter des Trickfilmstudios Berlin-Mahlsdorf, lässt sich von historischen Vorlagen inspirieren: Ein Wichtel soll es sein, "aber kein Gartenzwerg". Innerhalb weniger Tage hat er die Grundzüge des Sandmännchens erschaffen. Gedreht wird im traditionellen Stop-Motion-Verfahren: Jedes der 25 Bilder pro Sekunde wird einzeln aufgezeichnet, jede Bewegung von Hand gerichtet. Das bekannte Sandmännchen-Lied, das die Sendung seit der ersten Folge einleitet, wurde von Wolfgang Richter in nur drei Stunden komponiert.

Was bringt der Abendgruß?

Das Ost-Sandmännchen geht drei Tage vor seinen (noch wechselnden) West-Kollegen an den Start - und hat auch bei den Sympathiewerten deutlich die Nase vorn. Dabei spielt durchaus eine Rolle, dass im Osten wesentlich aufwendiger produziert wird.

Für Kinder sind vor allem zwei Dinge spannend: Mit welchem Fahrzeug, in welcher Geschichte taucht das Sandmännchen heute auf? Und was bringt der Abendgruß? Denn das Sandmännchen ist die Rahmenhandlung des Abendgrußes, ein Film im Film, der mit immer neuen Episoden und Figuren aufwartet, die auch als eigenständige Fernsehlieblinge mit eigenen Sendungen bestehen: ob Herr Fuchs und Frau Elster, die sich ständig wie ein altes Ehepaar kabbeln, der Kobold Pittiplatsch, die Ente Schnatterinchen und Moppi, der Hund, Frau Puppendoktor Pille, Pünktchen und Felix oder der Zeichner Taddeus Punkt.

Reisefreudiger Traummann

Ebenso fesselnd ist der sagenhafte Fuhrpark des Sandmännchens, der zum einen die Phantasie beflügelte, zum anderen den Zeitgeist spiegelte: Insbesondere in den 60er und 70er Jahren zeugte die Vielfalt der Fahrzeuge auch vom Fortschrittsglauben und technologischem Zukunftsversprechen: ob Raumfahrzeuge oder Unterwasserkapseln, Simson-Motorrad oder Hubschrauber. In manchem war das Sandmännchen seiner Zeit voraus, etwa, wenn es mit Fernbedienungen oder Mobilfunk hantiert. Gleichzeitig schien der Mauerbau ohne Einfluss auf die Sandmann-Welt: Der Traummann war ungemein reisefreudig, wenn er auch vor allem die sozialistischen Bruderländer besuchte. Und natürlich war das Sandmännchen auch in gewisser Weise "privilegiert", wie Bürger Lars Dietrich anmerkt. Allerdings nahm ihm das niemand übel.

Was jedoch in der Dokumentation etwas zu kurz kommt, ist der ökonomische Aspekt. Denn das Sandmännchen war nicht nur in der DDR eine der ersten "Marken" mit eigenem Styleguide, die entsprechend streng geschützt und lizenziert wurde, es ist auch heute noch ein veritabler Wirtschaftsfaktor mit über 500 Lizenzprodukten und einem umfangreichen Merchandising-Verkauf, ob Spielzeug, Puppen, Bettwäsche, Kleidung, Geschirr oder Bilderbücher. Für die Vermarktung ist die RBB-Tochter RBB Media verantwortlich, die Erlöse daraus fließen auch dem Programm zu.

Der Ossi, der blieb

Natürlich erzählt die Dokumentation auch die Wendegeschichte des Sandmännchens: Als 1991 Gerüchte aufkamen, mit dem DDR-Fernsehen würde auch das Sandmännchen "abgewickelt" ("gemühlfenzlt" hieß es damals, nach dem mit der Sender-Auflösung beauftragten Rudolf Mühlfenzl), hagelte es Proteste - bis sich Mühlfenzl genötigt sah, sozusagen persönlich für das Überleben des Sandmännchens zu garantieren. So sahen die Ossis wenigstens einmal einen Ossi gewinnen.

Sogar ein Denkmal hat das Männchen inzwischen bekommen, natürlich in Berlin-Mahlsdorf, seinem Geburtsort. Mit dem Bild des Denkmals endet diese gelungene Dokumentation, die von Axel Milberg mit unverwechselbarer Stimme adäquat und großartig eingesprochen ist.

infobox: "Sandmännchen forever - Karriere einer Kultfigur", Dokumentation, Regie und Buch: Sebastian Deinhardt, Kamera: Johannes Imdahl, Produktion: Looks (ARD-Mediathek/BR/MDR/RBB/WDR seit 20.12.25, ARD, 26.12.25, 18.50-20.00 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 03.01.2026 10:10

Ulrike Steglich

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), Dokumentation, Deinhardt, Steglich, Sandmann, Fernsehgeschichte

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