06.01.2026 15:15
"Terra X"-Folge "Vietnam" mit Mai Thi Nguyen-Kim
epd Die beliebte Naturwissenschafts-Erklärerin Mai Thi Nguyen-Kim wuchs in einem Reihenhaus in Baden-Württemberg auf. Ihre Eltern stammen aus Vietnam. Für eine ZDF-Reportage hat die Wissenschaftsjournalistin das Land ihrer Vorfahren erkundet - das ihre Eltern selbst nie erkundet hatten, sondern lediglich bewohnten. Das erklärte Ziel der Fernsehtouristin dabei war es, die "Vibes" zu erspüren. Dabei scheint sie ganz und gar ihren Interessen zu folgen. Und die sind offenbar vor allem naturkundlicher und kulinarischer Natur.
Wofür sich diese Reportage (Buch und Regie: Luise Wagner) und ihre Moderatorin hingegen auffällig wenig zu interessieren scheinen, sind Fragen der Politik, der (jüngeren) Geschichte und die in einem sich so schnell entwickelnden Land wie Vietnam besonders interessante Frage der Auswirkungen gesellschaftlicher Umbrüche. Dabei ist Nguyen-Kim weder blöd noch oberflächlich, aber diese fürs Leben der Menschen zentralen Themen sind nicht ihr Fokus. Sie kommen nur am Rande vor, etwa wenn während einer idyllischen Bootsfahrt erwähnt wird, dass man so romantische Plätzchen im entwickelten Vietnam längst suchen muss.
Das ZDF-Versprechen, man würde in dieser Sendung erfahren, wie es sich anfühlt, in Vietnam zu leben, wird also nicht erfüllt. Wer das erfahren und einen echten Überblick bekommen will, muss etwas anderes schauen, lesen - oder selbst hinfahren. Was hier geboten wird, ist vielmehr die Möglichkeit, sich anzusehen, wie sich die notorisch munter-sympathische Nguyen-Kim Vietnam ansieht. Also verbringen wir viel Zeit im Urwald unweit von Hanoi mit (deutschen) Insektenforschern. Oder mit (deutschen) Fans durchsichtiger Urwaldhöhlen-Garnelen. An der alten Kaiserstadt Hue interessiert die Moderatorin vor allem die Überschwemmungsproblematik im Kontext globaler Klimaveränderungen.
Die zweisprachig aufgewachsene Nguyen-Kim nimmt sich zwar ausdrücklich vor, ihr recht eingeschlafenes Vietnamesisch aufzuwecken, doch fällt ihr das Sprechen offenbar so schwer, dass aus dem Vorsatz nicht viel wird. Auch mit Vietnamesen spricht sie immer wieder Deutsch und Englisch. Ohnehin sind viele der Leute, die sie trifft, gar keine Vietnamesen - oder aber Vietnamesen, die einen großen Teil ihres Lebens im westlichen Ausland verbracht haben. Als Tonsprache ist das Vietnamesische für deutsche Zungen schwer, auch die Grammatik ist nicht ohne, wie Nguyen-Kim en passant erklärt.
Sehr weit vom Alltag "normaler" Vietnamesen entfernt sind auch Nguyen-Kim Besuche in einem hippen Kaffeeschuppen in Saigon sowie beim Chef eines der 100 besten Restaurants Asiens in Hanoi. Sehr viel - zu viel - Zeit nimmt Nguyen-Kims Faszination vom vietnamesischen Stadtverkehr ein. Mit allem Möglichen und Unmöglichen vollgepackte Mopeds wuseln dort durcheinander. Eine Straßenüberquerung zu Fuß scheint unmöglich - und erweist sich dann doch als eigentlich leicht, wenn man seinen Mut zusammennimmt und einfach in berechenbarer Bahn und gleichbleibendem Tempo losläuft.
Dass sich die Reporterin noch einmal hinten auf ein Mofa setzt, nachdem sie das Verkehrsthema schon ausführlich abgehandelt hatte, war inhaltlich und dramaturgisch überflüssig. Ebenso wie ihr zweiter Dschungelbesuch auf der Jagd nach der Garnele, nachdem sie dort schon Schmetterlinge beobachtet hatte.
Der größte Teil der einstündigen Sendung spielt in Nordvietnam. In Südvietnam werden vergleichsweise kurz und lieblos die touristischen Highlights abgehakt: Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon) und das Mekong-Delta inklusive der Touristenattraktion eines schwimmenden Markts. Und was ist auch in Saigon wieder Thema? Richtig, der Verkehr.
Eine Sendung mit vielen schönen Bildern, die man gut gucken kann, wenn man Nguyen-Kims Art mag. Ihr besonderes Talent besteht darin, einen für ihre Interessen zu interessieren. Schließlich wird nicht alle Tage eine Chemikerin mit Wissenschaftsthemen zum Internet- und TV-Star. Dies Talent entfaltet sie auch hier, und schon lernt man gerne etwas über Dinge, von denen man nicht geahnt hätte, dass man sie interessant finden könnte - etwa die Flugbahnerforschung bei Faltern im nächtlichen Urwald.
Am Ende ahnt man, welche "Vibes" Nguyen-Kim verspürt hat. Wer wissen will, welche er selbst fühlen würde, und gern auch wüsste, wie der einheimische Suppenküchenkoch (im Gegensatz zum studierten und welterfahrenen Gourmet-Koch) lebt, muss wohl selbst ins Flugzeug steigen und mit "ganz normalen" Vietnamesen reden.
infobox: "Terra X: Vietnam - Eine Reise mit Mai Thi Nguyen-Kim", Reportage, Buch und Regie: Luise Wagner, Kamera und Schnitt: Jonas Sichert, Produktion: Gruppe 5 (ZDF, 1.1.26, 19.15-20.15 Uhr, ZDF-Mediathek, seit 26.12.25)
Zuerst veröffentlicht 06.01.2026 16:15 Letzte Änderung: 06.01.2026 16:17
Schlagworte: Medien, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Mai Thi Nguyen-Kim, Kaiser, kai, NEU
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