Labyrinth einer Kleinstadt - epd medien

07.01.2026 08:10

36 Jahre nach dem Start der ersten Staffel von "Twin Peaks" in den USA stellt Arte ab dem 8. Januar die Fernsehserie von David Lynch und Mark Frost in die Arte-Mediathek - inklusive "Twin Peaks: The Return" von 2017. Der Publizist und Filmwissenschaftler Georg Seeßlen hat für uns 2017 - anlässlich der Veröffentlichung von "Twin Peaks: The Return" - beschrieben, wie "Twin Peaks" die Fernsehserie neu definierte und das Genre beeinflusste. Der Text erschien erstmals in epd medien 19/17, wir veröffentlichen ihn in leicht gekürzter Fassung.

Wie "Twin Peaks" die Fernsehserien veränderte

Cooper (Kyle MacLachlan, r.) und Dämon Bob (Frank Silva) in der letzten Folge der zweiten Staffel

epd "There is a story behind that." So beginnt die "Log Lady" ihre Einführung zu ihrer Person und zur Stadt Twin Peaks in der Pilotfolge der Serie "Twin Peaks". Damit verrät sie das Prinzip des ganzen für damalige Begriffe gewaltigen Erzählwerks, für das ein Mordfall und die Anwesenheit eines teilschamanischen Detektivs allenfalls eine von vielen Zugangsformen bedeutet. Was immer geschieht, es steckt eine Geschichte dahinter, und dahinter steckt wieder eine Geschichte und dahinter wieder eine und wieder eine.

Und jede Geschichte sieht von der aus betrachtet, die hinter ihr steckt, wieder anders aus. Manche dieser Geschichten haben die Form dessen, was man im gewöhnlichen Leben den "Traum" nennt. Aber kein Traum in "Twin Peaks" bleibt ohne Folgen für die anderen Geschichten, und jede Geschichte könnte ihrerseits wieder als Traum einer anderen angesehen werden.

Abgedrehter Alptraum

In Twin Peaks also gibt es keine Leute wie in einer gewöhnlichen Kleinstadt-Serie oder einer gewöhnlichen Kriminalhandlung, sondern ineinander geschachtelte Geschichten, die eben kein vollständiges Ganzes (das "Wir" der Kleinstadt) und keine vollständige Lösung ergeben. Am Ende wissen wir zwar, wer der Mörder ist, aber dahinter steckt ja wieder eine Geschichte, und sehr bewusst endet die Serie nicht mit der Auflösung des kriminalistischen Rätsels, was nicht wenige Zuschauer ihr dann doch ein bisschen übel genommen haben.

Was "Twin Peaks" auszeichnet und bis heute einzigartig macht, auch wenn noch so vieles vom "neuen Erzählen" in den Kabelfernseh-Serien sich sehr eindeutig auf das große Vorbild bezieht, das ist auch unwiederholbar, nämlich die Begegnung einer sehr, sehr eigenwilligen Seh- und Bildweise, wie sie von den Filmarbeiten von David Lynch bekannt war, mit einer merkwürdigen soziologischen und politisch-ökonomischen Genauigkeit.

Letzter Generationenkonflikt

"Twin Peaks" ist ein reichlich abgedrehter Alptraum, voller Surrealismen und Symbolismen, die genausogut etwas bedeuten können, wie sie auch reines poetisches und manchmal sogar herzlich albernes Spiel sein können. "Twin Peaks" ist aber zur gleichen Zeit ein unbestechlich perfide-realistisches Abbild der amerikanischen Provinzgesellschaft in den Zeiten der ersten großen Deregulation, ein Panoptikum der Gewinner und Verlierer, der Lebenden und Untoten des Neoliberalismus zu der Zeit, als man dieses Wort noch nicht so inflationär gebrauchte.

Und es ist das Abbild eines gnadenlosen, sollte man sagen: letzten Generationenkonflikts. "Twin Peaks" ist ein Labyrinth mit mehreren Ein- und Ausgängen, wobei man sich bei den Ausgängen nicht so sicher sein kann: Man kann, nur zum Beispiel, das Geschichten-Geflecht sehen - als eine besondere Station in der Heldenreise des David-Lynch-Helden, von der Verdammnis zur Erlösung bis zur, vermutlich, noch tieferen Verdammnis.

Die Auflösung des Subjekts

In den Filmen, die David Lynch nach "Twin Peaks" drehte, ist dieser Held tatsächlich abhanden gekommen, spukt nur noch in den Köpfen aufgelöster Frauen und derangierter Biografien: "Twin Peaks" ist nämlich auch - das poetische Dokument einer Auflösung des Subjekts. Das Lynch-Motiv schlechthin. Doch während es sich in seinen Filmen normalerweise als Groteske und Tragödie ereignet, wird es hier in epischer Breite und zahlreichen Facetten ausgebreitet.

Dass Twin Peaks eine Stadt ist, in der es normal ist, verrückt zu sein, sagt nur wenig darüber aus, dass hier das Subjekt mehr oder weniger verzweifelt versucht, seine eigene Dissoziation aufzuhalten oder wenigstens zu verstehen. Was bleibt, ist die Manie, die Ambition, der Sadismus, der Fetisch.

infobox: Die Pilotfolge der ersten Staffel von "Twin Peaks" wurde am 8. April 1990 beim amerikanischen Sender ABC ausgestrahlt, 35 Millionen Zuschauer verfolgten damals in den USA die Sendung, das entsprach einem Marktanteil von 33 Prozent. Die erste Staffel bestand aus acht Folgen, die zweite aus 22. "Twin Peaks: The Return" bestand aus 18 Folgen, die Staffel wurde in den USA ab Mai 2017 beim Kabelsender Showtime gesendet. In Deutschland hatte die erste Staffel am 10. September 1991 bei RTL (damals noch RTL plus) Premiere, die zweite Staffel am 29. Oktober 1991. RTL plus sendete nur 13 Folgen der zweiten Staffel, die letzten neun Folgen liefen bei Tele 5 unter dem Titel "Twin Peaks - Das Geheimnis geht weiter" im Januar und Februar 1992. "Twin Peaks: The Return" wurde ab Mai 2017 bei Sky Deutschland gesendet. Alle Folgen stehen bis zum 19. Dezember in der Arte-Mediathek.

Dass manche Geschichten traurig sind und andere komisch, davon kündet ebenfalls die "Log Lady" am Beginn.

Was also in "Twin Peaks" verloren geht, ist nicht nur die Gewissheit des Genres (Mystery? Crime? Melodrama? Comedy? Frontier Drama? Detective Story? Horror? Backwood Story? Thriller? Teenage Delinquence? Retro? Soap Opera?), sondern auch die emotionale Tonart.

Weder gehen die Melancholie und die Groteske eine neue Gemeinschaft ein, noch folgen sie aufeinander; sie sind, oft in einer einzigen Einstellung, in einer Geste, einem Ausdruck, auf gleich intensive Weise gegenwärtig. Zur großen eigenen Verwunderung kann man Schmerz und Gelächter ebenso gleichzeitig erfahren wie wahres Gefühl und künstliche Erscheinung.

Ästhetischer Rausch

"Twin Peaks" ist nicht nur die Wiedergabe einer Recherche - die Suche nach dem Mörder, die zugleich die Suche nach dem Bösen ist - sondern auch ein Versuch über die Trauer und die Arbeit, die mit ihr verbunden ist.

Wahrscheinlich ist in Twin Peaks mit Laura Palmer die Zukunft gestorben. Der Tod von Laura Palmer ist so viel mehr als die schicke, skandalöse Leiche am Beginn eines "Tatort"; er ist der radikale Bruch, er ist eben das, was niemals hätte geschehen dürfen. (Einem solchen Bruch begegnen wir oft in David Lynchs Arbeiten, nicht nur in seinen Filmen, sondern auch in seinen Zeichnungen und Collagen: Etwas ist geschehen, was eine Rückkehr zur Ordnung nicht mehr möglich macht.) Der Tod von Laura Palmer ist das Zentrum einer imaginären, negativen Religion.

"Twin Peaks" ist ein ästhetischer und narrativer Rausch. Eine Trance wird erzeugt, in der es weniger darum geht, einer Geschichte zu folgen, als vielmehr einen Zustand zu genießen. Einen Zustand, der sich über den Pilotfilm und die 29 Folgen in zwei Staffeln zwar leicht verändert (in der zweiten Staffel lässt der innovative Elan nach Meinung vieler Kritiker ein wenig nach), der aber vollkommen die Aufmerksamkeit absorbiert.

Anachronismus der Ausstattung

"Twin Peaks" konstruiert ein für das Fernsehen neues Sehen, insofern alles subjektive Wahrnehmen und Empfinden in der Handlung verspiegelt und verdoppelt ist. In diesem Echoraum der populären Kultur vermeint man beständig sich selbst zu begegnen, als einem Herumirrenden unter anderen Herumirrenden. Als einem, der immer wieder den eigenen Erwartungen zum Opfer fällt.

Der ästhetische Rausch entsteht auch durch den Anachronismus der Ausstattung. Gegenwärtiges und Nostalgisches, Realismus und Zitat kreisen umeinander, und so wie FBI-Agent Dale Cooper die Szene gleich mit einem Zitat von W.C. Fields betritt, scheinen viele Figuren einem Rollenspiel mit Hollywood- und TV-Charakteren zu entsprechen.

Abschweifungen und Retardierungen

Mit "Twin Peaks" kehrt die Fernsehserie zu einer Erzählweise zurück, die lange vergessen, verachtet, verdrängt war, nämlich zur Kolportage. Im Gegensatz zum großen Roman und im Gegensatz zum seriellen Erzählen der ewigen Wiederkehr immergleicher dramatischer Module entsteht die Kolportage sozusagen organisch, korallenriffartig aus einigen wenigen Vorgaben, aus lauter Abschweifungen, Ausschmückungen, Retardierungen.

Wenn ein Konflikt auftaucht, kann man ihn auf die Hauptlinie zurückführen, ebenso gut aber kann man ein paar neue Figuren auftauchen lassen, neue Schauplätze eröffnen oder Nebengeschichten einfügen.

Zersetzung der Erzählung

Im Gegensatz zu einem "Spielfilm" und im Gegensatz zu einer klassischen Serie, sei es nach dem Prinzip der abgeschlossenen Episode, sei es nach dem Cliffhanger-Prinzip, hat "Twin Peaks" weder einen wirklichen Anfang noch ein wirkliches Ende. "Twin Peaks" könnte immer weitergehen und es würde immer weiter an der dramaturgischen und Subjekt-Gewissheit nagen, wie David Lynch 1992 mit dem an die Serie anschließenden Kinofilm, "Twin Peaks: Fire Walk with Me", zeigte, der weder Fortsetzung noch Vorgeschichte, weder Spin-off noch Lückenfüller war, sondern eine weitere innere Zersetzung der Erzählung.

Selbst Menschen, die sich an "Twin Peaks" als medialen Zustand (eine Art Bildmeditation) gewöhnt hatten, zeigten sich dem Film gegenüber empört oder enttäuscht. Da nämlich durfte man einen ganz anderen Argwohn entwickeln: Dass "Twin Peaks" auch ein unverschämter Ansatz dazu war, sich über uns lustig zu machen.

Ein Kunstwerk

Die Missachtung der Erzählprinzipien und der Charakterzeichnung nach gewohnten Modellen löst in "Twin Peaks" indes auch einen Flash der ästhetischen Befreiung aus. Statt der Repräsentation herrscht hier das Empfinden eines Kunstwerkes, das nach eigenen Gesetzen funktioniert und den Betrachter unwiderstehlich in sich hineinzieht. Hier ist einfach alles möglich, aber sobald es dargestellt wird, ist es Teil einer Komposition, Teil einer Installation, die nur funktioniert, wenn wir zum Mitgehen bereit sind.

Alle Geschichten aus "Twin Peaks", wieder zitieren wir die "Log Lady", so unterschiedlich sie auch sein mögen, sind geheimnisvoll. Das will mehr heißen als dass die Menschen sich nicht "berechenbar" verhalten und alle ihre düsteren Seiten haben, von denen sie nur einen Bruchteil offenbaren.

Negative Schöpfungsgeschichte

Die Lösung des kriminalistischen Rätsels ist nicht mehr, wie im Detektivroman als Kind der Aufklärung und seinen vielen auch audiovisuellen Derivaten, zugleich die Klärung des Geheimnisses. Im Gegenteil. Je mehr man hier von den Menschen und ihren Beziehungen erfährt, desto rätselhafter werden sie.

Nicht nur einige Geschichten und Charaktere in "Twin Peaks" sind komisch, die Anlage der Figuren, die immer zugleich Mensch und Maske sind, zielt auf einen grotesken Reigen. Es ist eine große Parodie auf die Versuche, sich einen Reim auf die Welt zu machen (was im Übrigen auch in den Dialogen immer wieder aufscheint).

"Twin Peaks" ist eine negative Schöpfungsgeschichte. Mal mehr, mal weniger erfahren wir in den einzelnen Folgen, dass es hier immer auch um eine religiöse Passion geht. Nach dem großen Bruch zerfällt die Beziehung der Menschen zur Transzendenz in die Konstruktion des Bösen und die Hoffnung auf Gnade. Aber am Ende, als wir dem Täter ganz nahe sind, im Tanz, wissen wir nicht mehr genau, wie man das eine vom anderen unterscheiden kann.

Wie ein Caravaggio-Gemälde

Der Mord an Laura Palmer ist eine böse Tat des inzestuösen Begehrens, eine Folge der fundamentalen moralischen Deregulation, gewiss, er ist aber auch ein religiöser Akt, ein Opfer, das abwesende Götter provozieren soll, eine traumhafte Verschmelzung. Die Frage, ob Laura Palmer zu retten wäre, das verlorene Mädchen der Gemeinde, wenn nicht als Mensch so doch als Seele, ist der Spiegel der Frage, ob die Gemeinschaft der Menschen zu retten wäre, es ist die Frage nach dem Opfer und seinem Sinn.

"Twin Peaks" ist letztendlich eher ein Gemälde als eine Narration. Die vielen Geschichten fügen sich zu keiner Meta-Geschichte, aber zu einem Bild. Und die Elemente des Bildes lösen sich wiederum in Geschichten auf. Dieses Bild bezeichnet die Schönheit des Grauens ebenso wie das Grauen der Schönheit. Es ist so unlesbar wie präsent, mit Farben und Licht in den Exzess getrieben, wie bei Caravaggio. Jede Einstellung ließe sich einrahmen und jede Einstellung scheint dazu gedacht, den Rahmen zu sprengen.

Kulturhistorischer Glücksfall

Es geht, um die "Log Lady" noch einmal abschließend zu zitieren, in "Twin Peaks" um die Geheimnisse des Lebens oder auch um die Geheimnisse des Todes. Das geht nicht, ohne dass das Tabu verletzt wird. Ebenso wie man "Twin Peaks" als Meisterwerk aller seiner Autoren und Co-Autoren, allen voran David Lynch und Mark Frost, aber auch von vielen Regisseurinnen und Regisseuren der einzelnen Episoden, Kameraleuten, Schauspielern, Komponisten und so weiter betrachten kann, kann man es auch als kulturhistorischen Glücksfall ansehen.

Die Menschen damals waren bereit für "Twin Peaks", und das war keine Kleinigkeit. Es war der Beginn der 90er Jahre, der Abschied vom letzten großen Aufbruch im Pop. "Twin Peaks" ist nicht zuletzt eine Darstellung von Jugend im Zustand ihrer Abschaffung.

Twin Peaks ist eine kleine Stadt, umgeben von Wäldern. Und was da passiert, wird uns in den Vorspann-Bildern klar: die industrielle Vernichtung des Paradieses. Die Holzverarbeitende Industrie schändet den Wald und weckt seine Dämonen. Aber in diesem Vorspann wird auch deutlich, dass Twin Peaks nichts anderes ist als ein (weiblicher) Körper. Das Rostbraun wird zur Leitfarbe; Maschine und Blut (auch das kennen wir aus Lynchs Arbeiten), das Holz und der Fluss. Das alles ist, komplett natürlich erst mit der Titelmelodie von Angelo Badalamenti, so ungeheuer suggestiv, dass es vielleicht für immer den Charakter von Serien-Vorspännen verändert hat.

Überforderung des Zuschauers

"Twin Peaks" überfordert seine Zuschauer von den ersten Einstellungen an. Es bleibt nur eine nerdhafte Überinterpretation oder eine kultische Verehrung gegenüber der Fülle von Zitaten (oder vermeintlichen Zitaten), Anspielungen und Verweisen. Aber zugleich sind alle Figuren so über-codiert, so mit Macken und Eigenheiten behaftet wie in einem Comic Strip, dass man sie auch als reine Grand-Guignol-Oberflächen goutieren kann. Das funktioniert auch über einen Schauspielstil, den man nicht wirklich realistisch nennen kann. So sind, nur zum Beispiel, oft Aktion und Reaktion zueinander verzögert, der Selbstausdruck der Figuren nimmt stets wesentlich mehr Raum ein, als es für bloße "Handlung" notwendig wäre. Keine Figur versteht sich von selbst. Verwunderung ist die verbreitetste Haltung zueinander in "Twin Peaks".

Aber zur gleichen Zeit spürt man den Kontroll- und Konformitätszwang der Kleinstadt: Jeder kennt jeden, und keiner versteht den anderen. Fremdheit und Intimität stehen nebeneinander. Das Grauen steigt aus der Vertrautheit auf.

Seltsam rauschen die Wälder

So laufen nebeneinander: die schmutzigen Geschäfte der Herren und Herrinnen von Twin Peaks, der gefährliche Lebenshunger der Teenager, die emotionale Verstörung und Versteinerung der Mittelstandsfamilien, das seltsame Rauschen, das durch die Wälder geht, die Geschichte einer Geheimgesellschaft in den Grenzregionen zu Kanada, die "Black Lodge", die möglicherweise einer Mythe der native americans entspricht, die Aktionen und Aussagen der Menschen am Rande, die Bemühungen einer kleinen Sheriff-Crew, einschließlich eines übersensiblen Deputy mit leichten Anklängen an Stan Laurel und einer eifrigen Sekretärin mit Erklärmanie. Und natürlich Agent Cooper, der seine Erlebnisse, Überlegungen und Beobachtungen in Berichten an eine gewisse "Diane" formuliert.

Zur Wirkung der Serie gehört es, dass jede Folge einen Tag an Erzählzeit umfasst. Es gibt Dinge, die in der Handlung weiterlaufen, und andere, die sich gleichsam nur für diesen einen Tag ereignen. Es ist der sonderbare Traum der Postmoderne: Alle Medien der Erzählung, das Subjekt, der Raum und die Zeit werden selbst zum Thema.

Twin Peaks mit den Augen von Agent Cooper zu sehen, das ist wie gesagt nur eine der Möglichkeiten, die seltsame Stadt mit ihren seltsamen Bewohnern in Betracht zu ziehen. Cooper selbst ist eine der sonderbarsten Figuren. Ein Agent, der auf seine Träume hört und den Schuldigen vermittels Steinwürfen auf leere Flaschen zu ermitteln versucht. Einer, der eine kindliche Begeisterung nicht bloß für Kirschkuchen und verdammt guten Kaffee äußert, sondern auch über die ungeheure Anzahl von Bäumen in der Umgebung der Stadt. Ein Mann mit einem kindlichen Blick auf die Welt, der aber gerade dadurch in der Lage ist, manches von dem zu sehen, was den anderen verborgen bleiben muss. Oder einer, der am allerwenigsten "wirklich existiert". Es ist ein Blick von außen, der zugleich auch besonders rücksichtslos sein kann. Nicht ganz von dieser Welt. Und nicht von ihr zu lösen.

Die Serienwelt sah nach "Twin Peaks" anders aus als vorher.

Natürlich kann man aufzählen, wie viele Serien der unterschiedlichsten Genres von "Twin Peaks" beeinflusst sind, welche Elemente aufgenommen wurden: die skurrilen Figuren, das Zeitfenster, der Umgang mit mysteriösen Orten, Gegenständen und Figuren, deren Funktion nie vollständig aufgeklärt werden - bis hin zum "Garmonbozia", dem nährenden und womöglich halluzinogenen Maisbrei, der verbunden mit "pain and sorrow" der dämonischen Seite von Twin Peaks zugeordnet ist, und nach dem mittlerweile eine Band ebenso benannt ist wie eine elektronische Soundmaschine -, die Zitathaftigkeit der Figuren und Namen, die Mischung von Erzähltraditionen und Grundstimmungen, die Verbindung detektivischer Recherche und übersinnlicher Wahrnehmung, die offensive und kontrapunktische Verwendung von Musik und vieles mehr.

Aber ebenso kann man diese Serien, die "Twin Peaks" zu folgen versuchen, als Restaurationsversuche ansehen, als Angebote, die durch "Twin Peaks" vollkommen aufgelöste Ordnung des Erzählens wenigstens teilweise wieder zu errichten. Wie dem auch sei: Die Serienwelt sah nach "Twin Peaks" anders aus als vorher.

infobox: 25 Jahre nach dem Ende der zweiten Staffel setzte David Lynch die Serie mit "Twin Peaks - The Return" fort. Er führte bei allen 18 Folgen Regie und konnte auf einen Großteil des ursprünglichen Casts zurückgreifen. Lynch akzentuiert in der dritten Staffel sehr deutlich, dass in dem Ort an der kanadischen Grenze der ewige Kampf von Gut gegen Böse tobt - gesteuert von übernatürlichen Mächten. Der Regisseur macht es seinem Publikum alles andere als leicht: Wer nicht die ersten beiden Staffeln und den Kinofilm "Twin Peaks - Fire Walk With Me" im Kopf hat, kann nur schwer einen Zugang finden. Es gibt unzählige versteckte Informationen aus den Vorgängern, die plötzlich wichtig werden. "Twin Peaks - The Return" blieb das letzte Großwerk des im Januar 2025 gestorbenen Lynch.



Zuerst veröffentlicht 07.01.2026 09:10 Letzte Änderung: 08.01.2026 10:33

Georg Seeßlen

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Serien, Twin Peaks, Lynch, Seeßlen, NEU

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