09.01.2026 11:20
ARD-Hörspiel "Landnahme" von Christoph Hein
epd Zu Beginn werden wir Zeuge, wie der Held dieses Stückes erfolgreicher Unternehmer in einem kleinen sächsischen Dorf wird und damit zugleich Präsident des dortigen Karnevalsvereins. Wir sind im Jahr 1992. Dann eine Rückblende: Die Ankunft des jungen Bernhard Haber und seines Vaters kurz nach Kriegsende in dem kleinen sächsischen Dorf. Sie sind Flüchtlinge auf der Suche nach Unterschlupf, der Junge und sein Vater. Begleitet werden die ersten Jahre von Erfolgsmeldungen der gerade im Aufbau steckenden DDR: Wiederaufbau der Industrie und des Bergbaus mit Hilfe "unserer Freunde", der Sowjetunion: neue Straßen, Häuser mitsamt ihrem Komfort und dergleichen.
So wird der Zeitraum abgesteckt, den diese Geschichte umfasst. Es ist die Geschichte eines Aufstiegs, der zugleich eine Tragödie ist. Im Mittelpunkt Bernhard Haber, der sich zusammen mit dem Vater gegen die Dorfgemeinschaft zu behaupten hat, die über die Ankunft der beiden "Pollacken" aus Schlesien alles andere als erfreut ist. Erbarmungslos werden die Ankömmlinge, die "wie die Heuschrecken" ins Dorf eingefallen seien, dort untergebracht, wo gerade Platz ist, in der Scheune des Bauern Griese, in der ehemals Zwangsarbeiter hausen mussten. Doch trotz aller Misshelligkeiten macht man sich an die Arbeit. Zum Erstaunen der Dorfbewohner gelingt es Bernhards Vater, eine Tischlerwerkstatt aufzubauen, die nach anfänglichem Zuspruch seitens der Bevölkerung später dennoch einer Brandstiftung zum Opfer fällt.
Hier schon werden die Grundzüge einer Dorfgemeinschaft in all ihrer Aufgeregtheit und Zerrissenheit sichtbar. Verbohrt die Alten, offener die Jungen. Allen steckt noch das gerade erst überstandene Kriegsschicksal in den Knochen. Gleichzeitig ist man dabei, sich anzupassen an die neuen Verhältnisse: Man ist sich einig, dass es jetzt nicht mehr "Breslau" sondern "Wroclaw" heißt. Doch es gibt auch einige Wenige, die sich damit nicht zufriedengeben, die auch Verständnis für das Schicksal der Neuankömmlinge aufbringen. Die jungen Leute vor allem, sie verstehen Bernhard und seinen Vater, sympathisieren mit den Beiden.
Erzählt wird das Stück von Bernhards ehemaligen Schulkameraden abwechselnd aus fünf Perspektiven. Da ist Thomas, der sich Bernards Schulzeit widmet mit allem, was sich da so ereignet: die Ankunft der Familie Haber, Aufbau der Tischlerwerkstatt, die von einem missgünstigen Konkurrenten in Brand gesetzt wird, Bernhards Hund, der eines Tages tot auf der Straße liegt.
Marion erzählt aus späterer Sicht von ihrem Liebesverhältnis mit Bernhard, einer Beziehung, die bei der Dorfgemeinschaft - "lass die Finger von dem Pollacken"- nicht auf Sympathie stößt. Man befreundet sich, träumt von der Zukunft, dann der erste Kuss mit nachfolgendem Liebesakt. Doch dann die Wende: Marion muss miterleben, wie sich Bernhard in die Politik einmischt. Wie er die Bauern des Dorfes in die sich gerade gebildete Genossenschaft hineintreibt. Damit ist er Marion zu politisch, kommt als Bräutigam nicht infrage, sie macht Schluss mit ihm.
Dritter Erzähler ist Peter, der Bernhard einige Jahre nach der Schulzeit wiederbegegnet, der inzwischen als Inhaber einer Autowerkstatt ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden ist. Peter, dem es finanziell nicht so gut geht, entschließt sich, in den Betrieb einzusteigen, um zu erleben, dass es hier auch um Fluchthilfe geht. Er wird dabei erwischt und kommt für einige Zeit in den Knast. Aus späterer Sicht macht er Bernhard Vorwürfe. Der sei doch nur Parteibonze geworden, um sich an den Dorfbewohnern dafür zu rächen, dass sie ihn damals, als sie als Flüchtlinge angekommen seien, "wie Dreck behandelt" hätten.
Vierte Erzählerin ist Katharina, Bernhards Schwägerin. Sie hat damals Bernhard verführt, um Rieke, Katharinas Schwester und Bernhards spätere Frau, eifersüchtig zu machen. Beide schlafen miteinander, sie wird schwanger. Dann platzt bei einem Zusammensein von Rieke und Bernhard die Nachricht herein, Bernhards Vater habe sich umgebracht. Bernhard bezweifelt das, er ist überzeugt, dass er mit einer Drahtschlinge erdrosselt worden sei. Katharina kommt hinzu, begegnet Rieke, es kommt zu einer Eifersuchtszene und zum Ende der Beziehung beider.
Sigurd, der fünfte Erzähler, inzwischen Geschäftspartner von Bernhard, widmet sich dem Entstehen von dessen neuer Existenz als Automechaniker. Er schätzt seine Arbeit, ohne Vorbehalte gegen sein Flüchtlingsdasein zu haben. Bernhard ("Einigen in der Stadt gefällt meine Werkstatt nicht") sieht es allerdings anders. Immer noch hat er seine Ablehnung durch die Dorfbevölkerung vor Augen und verdächtigt sie, seinen Vater umgebracht zu haben. Am Ende klärt sich alles auf: Bernhards Vater hat sich nicht umgebracht, er wurde tatsächlich Opfer eines Mordes. Der Täter wird gefasst, es gibt Anstifter, Mitglieder des dörflichen Kegelclubs.
Damit endet die mit großer Klarheit und Prägnanz erzählte Geschichte, eine Geschichte, die die Menschen zum Thema macht und in beiden Teilen Deutschlands spielen könnte. In ihrer Offenheit gegenüber dem Thema Flüchtlinge bricht sie gleichsam ein schon länger in der literarischen Öffentlichkeit vorhandenes Tabu. Denn immer wieder begegnen wir hier der Scheu, vorbehaltlos vom Schicksal der Vertriebenen zu erzählen, ohne die andere Seite, also die Opfer und ein Verstricktsein der möglichen Mitläufer einzubeziehen.
Die Machart des Hörspiels, das hin- und herspringt zwischen Erzählern und Handlung, macht es nicht immer leicht, dem roten Faden zu folgen. Seltsam kühl sind die Figuren, keine Charaktere, eher Fälle, mit denen kollektives Verhalten exemplifiziert werden soll. Die Bearbeitung von Laila Stieler und die Regie von Kai Grehn folgen dem Roman, indem sie einen ständigen Wechsel von inneren Monologen und gespielten Szenen erschaffen. Einblendungen offizieller Verlautbarungen schaffen einen Hintergrund dazu, der uns, ohne Partei zu ergreifen, die politische Entwicklung der DDR eindrucksvoll vor Augen führt.
infobox: "Landnahme", zweiteiliges Hörspiel, Regie: Kai Grehn, Buch: Christoph Hein, Berarbeitung: Laila Stieler (ARD-Audiothek/RBB, seit 17.12.25, Radio3, 4.1.25, 16.00-17.00 Uhr und 11.1.25, 19.00-20.00 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 09.01.2026 12:20
Schlagworte: Medien, Radio, Kritik, Kritik.(Radio), KRBB, Hörspiel, Grehn, Stieler, Hein
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