13.01.2026 08:15
ZDF-Reportage "The Chinese Dream"
epd Der vielleicht schönste Satz in dieser Reportage kommt von Wang Di, einem 30-jährigen Mann, der leidenschaftlich gern skatet. Er wolle "keine Arbeitsmaschine werden, sondern eine interessante Seele", sagt er. Seine kleine Bar dient denn auch weniger seinem Lebensunterhalt, sondern ist vor allem ein Treffpunkt für seine Freunde und ihn. Auch der verträumte 25-jährige A Diao, der studierte und danach in einem Finanzunternehmen arbeitete, merkte schnell, dass das nicht seine Lebensform ist. Er kehrte in sein kleines Heimatdorf Bangan zurück - völlig abgelegen, aber mit 5G-Netz -, weil er in der Natur sein möchte. Er verdient etwas Geld mit Social-Media-Videos über sein Landleben.
In die Natur gezogen hat es auch die beiden Freundinnen Xiao Deng und Guo Guo, die in einem winzigen Dorf eine Bäckerei betreiben. Im Livestream machen sie Werbung für ihre Bäckerei und das benachbarte Hotel, um gestressten Großstädtern Erholung anzubieten.
Andere junge Leute versuchen, ganz pragmatisch mit einem Job als Essenslieferantin oder mobiler Imbissbetreiber über die Runden zu kommen. Denn das Kriseln der chinesischen Wirtschaft bekommen vor allem die jungen Chinesen zu spüren, die es trotz Studium und Ausbildung schwer haben, einen auskömmlichen Job zu finden. Selbst nach offiziellen Statistiken ist jeder Fünfte inzwischen arbeitslos. Das Hangeln von Job zu Job gehört für viele zum Alltag.
Auch wenn es aus deutscher Sicht schwerfällt, ein Wirtschaftswachstum zwischen drei und fünf Prozent als Krise zu bezeichnen - gemessen am chinesischen Boom der vergangenen Jahrzehnte ist das wenig. Der offizielle "Chinese Dream" der Staatsführung ist es, dass die Volksrepublik bis 2049 Weltspitze sein soll: wirtschaftlich, politisch, militärisch. Doch dazu gehören auch Menschen, die das ehrgeizige Ziel umsetzen: die junge Generation.
In ihrer zweiteiligen Reportage gehen die beiden ZDF-Korrespondentinnen Elisabeth Schmidt und Miriam Steimer der Frage nach, wie die Generation der 20- bis 40-Jährigen das sieht, welche Lebensziele und Träume sie haben. Und obwohl die Reportage zwangsläufig einige Tabu-Themen ausklammern muss (wie Systemkritik, politische und soziale Kontrolle oder LGBTQ-Themen), die Dreharbeiten behördlich kontrolliert wurden und die Interviews keinen Anspruch auf Repräsentativität erheben, ergibt sich doch ein hochinteressanter Einblick in das Land und eine Generation, die in vielem anders ist und anders träumt als ihre Eltern, für die stete Arbeit und die Zukunft ihrer Kinder das wichtigste waren.
Immer noch geht - jedenfalls in den großen Firmen in Großstädten wie Shenzhen - die Regelarbeitszeit von 9 bis 21 Uhr, sechs Tage die Woche. Doch viele der hier Interviewten wollen mehr Zeit für sich und ihr Privatleben, ihre Hobbys: mehr chillen, weniger Stress. Die Geburtenrate ist inzwischen mit 1,0 Kindern pro Frau eine der niedrigsten weltweit - angesichts einer finanziell unsicheren Zukunft und der Diskriminierung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt wollen viele keine Kinder haben.
Während manche eher idealistisch ihre Träume verwirklichen, wie die 23-jährige Er-Ma, die Kunst studieren will und sich mit ihrem Lehrer Liu Wie auf die Eignungsprüfung vorbereitet, oder Joy, der seinen Traum von der eigenen Postpunk-Band gegen den Willen und die Verbote seiner Eltern verwirklichte, träumen andere einfach von viel Geld: so wie die Jetset-Gäste auf der Yacht von Lin Qinbing, die als 28-Jährige bereits drei Unternehmensgründungen hinter sich hat und heute ihren Reichtum auf Künstliche Intelligenz gründet. Dennoch verbindet sie alle, dass ihnen persönliche Freiheit und ihre Individualität sehr wichtig sind. Dinge, an die ihre Eltern kaum dachten.
Den beiden Autorinnen ist es mit Empathie und Sensibilität gelungen, dass ihre Gesprächspartner ihnen vertrauten, sie in ihre Privatsphäre hineinließen und manchmal bemerkenswert offen sprachen. So wie die 29-jährige Zhou Zhou, die zwei- bis dreimal die Woche zusammen mit anderen Frauen Vereinsfußball spielt und für mehr Gendergerechtigkeit kämpft.
Auch gestalterisch ist die Reportage sehenswert: die Kamera fängt nicht nur die Persönlichkeit der Interviewten oder großartige Landschaften ein, sondern streift auch scheinbar nebensächliche, dennoch sprechende Details. Strukturiert ist der Zweiteiler chronologisch im Stundentakt, der Name jedes Drehorts wird mit der jeweiligen Uhrzeit eingeblendet, zusammen mit einer Karte, die die Lage des Orts in China markiert. Das schafft über einen klaren Rhythmus hinaus eine gute Orientierung.
Offen bleibt, ob der Wille zu mehr persönlicher Freiheit und individueller Verwirklichung eine Grundtendenz dieser Generation ist oder ob diese jungen Menschen, die den Traum Xi Jinpings von der dominanten Supermacht China nicht mitträumen, die Ausreißer sind.
infobox: "The Chinese Dream - 24h junges China", zweiteilige Reportage, Regie und Buch: Elisabeth Schmidt, Miriam Steimer, Kamera: Mehmet Ulutas, Jannis Vieting, Leif Stange (ZDF-Mediathek seit 7,1,26, ZDF, 7. und 8.1.26, jeweils 22.15-23.00 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 13.01.2026 09:15
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Reportage, China, Schmidt, Steimer, Steglich
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