14.01.2026 08:20
RBB-Hörspiel "Mama Mega" von Ava Tabita Yul
epd Es soll niemand behaupten, es gäbe für Frauen im Kapitalismus nicht ausreichend Aufstiegsmöglichkeiten. Bea, eine Podcasterin, sagt im Hörspiel "Mama Mega" von Ava Tabita Yul, sie habe sich spielend hochgearbeitet: von der "Mutti" über die "Mummy" und "Supermum" bis hinauf zur "Mega-Mum". Eine "Mega-Mum" erledigt mit Ruhe und Gelassenheit den Haushalt, die Kinder und den Job - "und natürlich hat sie auch noch ein aufregendes Sozial- und Sexleben".
Das können Marlis und Liv nicht von sich behaupten. Sie scheitern an den bekannten hohen Ansprüchen, denn anders als die Gaming-Podcasterin Bea und ihre Kollegin Twi leben sie im Realen. Mit sehr analog kotzenden Kindern, ständiger Übermüdung und Partnern, die keine Hilfe sind. Während Bea und Twi ihrer Hörerinnenschaft besonders das Zombie-Update "Mama Mega Zompire - Dark Side of the Womb" empfehlen, mit ordentlich Splatter-Potenzial, schleppen sich Marlis und Liv mit ihren postpartalen Depressionen und Mordfantasien zu Therapeutin Dr. Wu (Ursula Werner). Die aber empfiehlt ihnen genau das: Sie sollen "Mama Mega" spielen, sich virtuell austoben.
In "Mama Mega" ist es möglich, Schreibabys per Klick ruhigzustellen und binnen drei Sekunden zu wickeln; man kann kochen und gleichzeitig bügeln (einfach die Pfanne als Bügeleisen verwenden), das Kind bewegen und gleichzeitig den Boden wischen (indem das Baby zum Wischmop wird). Anders als im Realen wird hier die kreative Effizienz mit ihren Kollateralschäden nicht bestraft, sondern belohnt: in Form von "Schlafdiamanten". Endlich bekommen die überlasteten Mütter die verdiente Ruhe, jedenfalls irgendwann, wenn sie genügend Punkte gesammelt haben und dazu kommen, sie wirklich einzulösen. Immer diese verdammte Wirklichkeit.
In Wirklichkeit ist Ava Tabita Yul ein Pseudonym. Die Autorin ist Psychologin und war nach Angaben des Henschel Theaterverlags viele Jahre als Therapeutin und Begleiterin von geflüchteten Jugendlichen tätig. "Mama Mega", ihr erstes Theaterstück, habe sie in enger Zusammenarbeit mit einer Hebamme recherchiert und geschrieben. Beraten worden sei sie außerdem von fachkundigen Gamerinnen. "Mama Mega" ist der erste Teil einer Trilogie zum Thema Frauengesundheit und Gynäkologie. Dunja Arnaszus hat "Mama Mega" als Hörspiel für den RBB inszeniert, wie die Vorlage verzichtet auch das Hörspiel auf psychosoziologischen Ernst.
Nebenbei wird spielend das Patriarchat abgekanzelt, mit Nina Kronjäger als abgeklärter Erzählerin und Fiona Metscher und Eva Löbau als Marlis und Liv mit ruhig sich entfaltendem Wahnsinn. Ursula Werners warme, fürsorglich zuhörende Art kontrastiert mit den krassen Geschehnissen im Virtuellen und den hyperventilierenden Podcasterinnen Bea und Twi, gespielt von Birte Schnöink und Flavia Lefèvre. Ein Panoptikum graduellen Durchdrehens.
Mit womöglich doch recht konkreten, fatalen Folgen. Was, wenn das Hirn sich ans virtuelle, schnell belohnte Handeln gewöhnt? Schwappt das irgendwann ins Reale, oder entgleitet jeder Sinn fürs wirklich Notwendige? Obwohl es am Schluss sogar zurück ins Neolithikum geht, wo noch Matrilinearität und -lokalität geherrscht haben sollen und Männer ebenfalls nur sporadisch anwesend waren (als nächtliche Besucher), liefern Yul und Arnaszus keinen Debattenbeitrag zu den Gefahren des Gamings, sondern eine kurzweilige Auslotung der Abgründe mütterlichen Empfindens.
infobox: "Mama Mega", Hörspiel, Regie und Bearbeitung: Dunja Arnaszus, Buch: Ava Tabita Yul (ARD-Audiothek/RBB, seit 13.1.26, Radio3, 2.11.25, 16.03-17.00 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 14.01.2026 09:20
Schlagworte: Medien, Radio, Kritik, Kritik.(Radio), KRBB, Hörspiel, Arnaszus, Yul, Lutz
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