Der große Außenseiter - epd medien

15.01.2026 13:10

In der Dokumentation "Outsider Freud" unternimmt der israelische Dokumentarfilmer Yair Qedar eine filmische Reise durch Leben und Werk des Erfinders der Psychoanalyse. Die visuell eindrucksvolle Dokumentation arbeitet mit Traumbildern.

Dokumentation "Outsider. Freud" bei Arte

Die berühmte Couch von Sigmund Freud im Freud Museum in London

epd Sigmund Freud ist einer der großen geistigen Beweger des 20. Jahrhunderts, sein Name weltbekannt, er war Arzt, Neurologe, Autor und Erfinder der Psychoanalyse. Mit seinen Ideen hat er Gegner auf den Plan gerufen, die auch heute noch Einfluss haben, aber dahinter oder darunter ist seine Psychoanalyse als wissenschaftliche Institution, als Theorie und Therapie immer noch am Leben. Versteht sich, dass man wissen möchte, wer der Mensch Sigmund Freud eigentlich war; auf diese Frage gab und gibt es viele Antworten: Biografien, Briefsammlungen, Biopics. Der israelische Dokumentarfilmer Yair Qedar hat einen neuen Zugang ausprobiert: Er hat einen Film über Freud gedreht, der seinen Protagonisten als Außenseiter porträtiert, als Sonderling, der durch die Umstände dazu gemacht wurde.

Als Junge, Mann und Mensch hätte Freud ein ganz gewöhnlicher, freundlicher, humorvoller Mensch sein wollen, konnte es aber nicht, weil er als Jude im kaiserlichen Wien des 19. Jahrhunderts zum Außenseiter verdammt war.

Der Sohn ist verstört

Die Mittel, zu denen der Filmemacher greift, ähneln Freuds eigener Methode. Bekanntlich setzte der Schöpfer der Psychoanalyse beim Versuch, die Seele zu ergründen, viel auf die Interpretation von Träumen. Und Träume evoziert Qedar mit seiner Bildsprache den ganzen Film hindurch. So entsteht eine sozusagen werkimmanente Nähe zu Freud. Und der Betrachterin wird bewusst, dass der Film als Kunstform visuell, dramaturgisch und die Schnitttechnik betreffend viel mit dem Traum gemeinsam hat, vielleicht sogar als Versuch der ersten Filmemacher gesehen werden kann, den Traum zu imitieren. Die Bezeichnung der ersten großen Studios in Amerika als "Traumfabrik" wäre dann nicht nur eine metaphorische.

Zurück zu Freud: Der 1856 geborene Sigmund wuchs in einem bürgerlichen Haushalt auf, der Vater war ein mäßig erfolgreicher Geschäftsmann, der Sohn sollte und wollte es zu etwas bringen. Ein Schlüsselerlebnis aus frühen Kindertagen: Der kleine Sigmund läuft an der Hand des Vaters durch die Straßen Wiens. Ein Antisemit kommt vorbei und schlägt dem Vater unter Verwünschungen den Hut vom Kopf. Der Vater bückt sich und hebt den Hut auf. Er schimpft und schlägt nicht zurück, er geht einfach weiter. Der Sohn ist verstört: Warum hat der Vater sich nicht zur Wehr gesetzt?

Warum fühle ich mich so "anders"?

Qedar bringt Auszüge aus Briefen Freuds zum Vortrag, während er eine Traumsequenz zeigt, in der eine Eisenbahn über bunte Teppiche und Blumenwiesen und durch schäumendes Wasser fährt. Die Briefe gingen einst an Freuds Kollegen Wilhelm Fließ, seine Schülerin Marie Bonaparte, seine Frau Marta, seine Tochter Anna. Tenor: Warum fühle ich mich so "anders"? Und: Es ist wohl so, dass alle Menschen "anders", dass alle auf ihre Weise Außenseiter sind. Keiner ist einfach.

Freud hat Medizin studiert und sich auf Neurologie spezialisiert, er hätte ein gefragter Arzt im schönen Wien sein können, stattdessen schrieb er die "Traumdeutung", in der zu lesen steht, dass wir alle "queer", bei ihm heißt das "polymorph pervers" sind, zumindest unseren Anlagen zufolge. Das 1899 erschienene Buch hatte zunächst geringen Erfolg, langfristig aber enormen Einfluss. Es wird heute immer noch gedruckt und gelesen, 125 Jahre später. Wenn es um Sexualität geht (aber auch sonst) sind wir alle Heuchler, sagte Freud. Er sagte das von seiner Außenseiterposition aus, nur von dort aus hat er das sagen können. Niemand hörte es gerne, aber alle spürten, dass er recht haben könnte.

Ich wollte Illusionen zerstören.

Eine ganze Riege amerikanischer, britischer und isrealischer Freud-Interpretatoren und -Spezialistinnen, zum Beispiel der Psychiater Georg Makari oder der Analytiker Adam Phillips, auch Kuratoren des Freud-Museums kommentieren Qedars Thesen und Fundstücke. Dazu sieht man ausgesucht schöne und rare Bilder. Eigens für diese Produktion wurde ein Verfahren entwickelt, welches es gestattet, das nicht mehr erhaltene Arbeitszimmer von Freud zu reanimieren.

Man hört Freud-Zitate, die man zu kennen glaubt, die aber jetzt noch einmal ins Mark treffen, so etwa: "Die Absicht, dass der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten." Dabei hatte doch die psychoanalytische Therapie-Methode sehr wohl zum Ziel, den Patienten glücksfähig zu machen. Sollte es am Ende alles umsonst sein? Wahrscheinlich hätte Freud sogar Ja dazu gesagt. Ein weiteres Diktum von Freud, das der Film zitiert, lautet: "Ich wollte Illusionen zerstören."

Paradoxien und Widersprüche

So klug er auch war, er unterschätzte die Nazis und ihre Gewaltbereitschaft. Seine Schülerin Marie Bonaparte musste in letzter Minute die Emigration organisieren, die Familie Freud landete in London, wo Sigmund Freud 1939 starb.

Der Film "Outsider. Freud" ist ein fein ziseliertes, aufklärendes Werk, das mit Paradoxien und Widersprüchen arbeitet und das daher in der heutigen Welt, die ein Denken in klaren Oppositionen ("Wir - Die") bevorzugt, besonders wichtig ist. Man fragt sich am Schluss unwillkürlich, welche Illusion es wohl wäre, die der große Außenseiter heute zerstören würde. Vielleicht die, dass wir irgendwann lernen werden, unsere Aggressionen auf dem Wege von Übereinkünften zu unterdrücken?

infobox: "Outsider. Freud", Dokumentation, Regie und Buch: Yair Qedar, Kamera: Uri Ackermann, Michael Schindegger, Adam Vardy, Produktion: Laila Films (Arte/RBB/ORF/KAN, 7.1.26, 21.40-22.35 Uhr und in der Arte-Mediathek)



Zuerst veröffentlicht 15.01.2026 14:10

Barbara Sichtermann

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KArte, KORF, Quedar, Dokumentation, Sichtermann

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