Radikale Neubildnerin - epd medien

17.01.2026 10:00

Die Arte-Reihe "Giganten der Kunst" zielt auf leicht konsumierbare Informationen über große Künstler und ihr Leben. Das Porträt "Frida Kahlo" setzt die mexikanische Künstlerin aber auch in den Kontext ihrer Zeit.

Arte-Dokumentation "Frida Kahlo"

Frida Kahlo 1946 in New York in einem typischen mexikanischen Huipil, fotografiert von Nickolas Muray

epd Was verbindet bildende Künstler wie Rembrandt oder Michelangelo mit Vincent van Gogh und Caspar David Friedrich, Gustav Klimt und Frida Kahlo? Wenig bis nichts, könnte man zunächst meinen. Auf den zweiten Blick offenbart sich ihre schöpferische Einzigartigkeit. Künstler werden seit jeher gern als Genies beschrieben. Vom Geniekult zehren häufig Fernseh-Dokumentationen über Kunst, beziehungsweise über "große" Künstler. Das gilt auch für die Arte-Reihe mit dem merkwürdigen, aber folgerichtigen Titel "Giganten der Kunst", in der die oben Genannten porträtiert werden.

Das Publikum interessiert sich, so meinen wohl die Kulturverantwortlichen in den Sendern, für die Menschen und ihr Leben, je dramatischer, desto besser. Solcher Biografismus speist sich aus dem Erbe der bürgerlichen Kunstbetrachtung, die schon im 19. Jahrhundert zur gefälligen Zerstreuung neigte. Mittlerweile sind wir bekanntlich im 21. Jahrhundert angelangt und zum verbindenden Element der oben genannten Künstler gehören auch die Summen, die ihre Werke auf dem internationalen Kunstmarkt erzielen: ihr Marktwert.

Eine Ausnahmeerscheinung

Das bislang teuerste jemals versteigerte Bild einer Künstlerin, so erfährt man in dieser Folge der Arte-Reihe, stammt von der mexikanischen Malerin Frida Kahlo. In der Reihe der bisher von Arte und ZDF unter diesem Titel porträtierten bildenden Künstler wirkt sie wie das mathematische Quadrat einer Ausnahmeerscheinung. Weil sie die einzige Frau ist (was hätte der Alternativtitel "Gigantinnen der Kunst" wohl noch zutage fördern können?) und weil sie die einzige außereuropäische Geniegestalt in der Reihe ist.

Die Dokumentation hat die bei Arte übliche Länge von 53 Minuten, eine knappe Stunde. In der Qualität sind diese Filme unterschiedlich, meist aber folgen ihre Autoren dem Formatierungsschema F und dem Programmauftrag der Unterhaltung mit Kulturneigung, sowie dem Primat der Oberflächlichkeit. Die Filme aus der Reihe "Giganten der Kunst" wurden auch in gekürzter Form (44 Minuten) als "Terra X"-Filme im ZDF und bei 3sat gezeigt. Eingedampft für den mühelosen Konsum, präsentieren die "Terra X"-Varianten häppchengerechte Vermittlung für Leute, die gern mitreden, sich aber nicht unbedingt auskennen wollen. Entsprechend beliebt ist das Format.

Liebe, Schmerz, Tragik

In der etwas längeren Version für Arte scheint die Darstellung Frida Kahlos zunächst alle Vorurteile zu bestätigen, die man gegen Kunstpräsentation im Fernsehen haben kann, aber das wird sich im Verlauf des Films positiv ändern. Zunächst ist zu konstatieren, dass die einzige Frau der Reihe "Giganten der Kunst" erst einmal nicht als Genie aus eigenem Recht präsentiert wird, wie es bei Rembrandt und Konsorten geschieht, sondern als außergewöhnlich reaktive Person. Gleich das zweite Bild zeigt die 1907 in Mexiko Stadt geborene Künstlerin eng angeschmiegt an ihren Ehemann Diego Riviera, mit dem sie zweimal verheiratet war.

Liebe, Schmerz, Tragik, Eifersucht, radikale Selbstentblößung und Darstellung von Tabus. Man wird schnell eingestimmt, das Klischee von der Schmerzensfrau scheint umstandslos bedient zu werden. Die Darstellung scheint sich ihrem Gegenstand zu ergeben, entfernt sich von der Analyse. Der Off-Text bemüht sich, das überbordend farbige, mysteriöse, volkskunstgeprägte Bildmaterial, die Fotos und heutigen Szenen auf Märkten und Totenfesten Mexikos inhaltlich noch zu überbieten. Gesprochen wird der Text von Udo Wachtveitl, dessen Stimme angenehm vermittlungsgeneigt bleibt.

Ein Missverständnis

"Tragödien" treffen auf "Unsterblichkeit", "Dramen" bestimmen Frida Kahlos Leben, der Verkehrsunfall, bei dem sich eine Eisenstange durch ihren Unterleib bohrt, ihre Krankheiten, ihre Bewunderung für die Kunst Rivieras (der ihre Kunst seinerseits bewunderte), der Film folgt den ausgetretenen biografischen Pfaden. Aber nicht nur.

Zu dem vorhandenen Bildmaterial werden auch noch animierte Grafiksequenzen eingeschoben, in denen eine gezeichnete Frida träumt oder ihren Unfall erlebt, aber der Film erforscht in seiner knappen Stunde auch kulturelle und politische Einflüsse. Er entwirft nicht nur das Bild der feministischen Ikone, er kontextualisiert es auch (bemüht allerdings das Klischee, dass sie "ihrer Zeit voraus" war). Und er erklärt, dass das zeitgenössische Interesse der Surrealisten und Pariser Künstler an Frida Kahlo (die diese wiederum unerträglich fand in ihrem Habitus) als Missverständnis angesehen werden muss.

Politische Dimension

Hierzu tragen vor allem die Expertinnen bei. Insbesondere die Kunsthistorikerin Helga Prignitz zeigt spannende neue Facetten und führt den Film hin zu einem wahren Krimi, der Recherche nach dem im Puschkin-Museum in der Sowjetunion verschollenen Bild "Der verwundete Tisch". Eine "Beleidigung Puschkins" und "grauenhafte Kunst" sei dieses Bild, sollen damals russische Empfänger der sogenannten Mexiko-Spende darüber gesagt haben. Der Verbleib ist bis heute nicht geklärt.

Sehr interessant sind auch die modehistorischen Beleuchtungen und die politische Dimension von Kahlos Kunst, die unter anderem traditionelle Kleidungsstücke der mexikanischen Kulturen im Zug der rebellischen Umwälzungen in Mexiko sichtbar machte. Ihre Bilder beschäftigen sich mit traditionellen Vorstellungen von beseelter Natur und dem im mexikanischen Volksglauben sehr präsenten Tod.

Die lebensbestimmende Beziehung von Kahlo zu Riviera erhält angemessenen Raum, aber nicht mehr. Und der Film korrigiert das Bild von Kahlo als irgendwie naiver, rein gefühlsgesteuerter Person. Er stellt dar, dass sie eine sehr gebildete, ihre Mittel und Motive äußerst bewusst einsetzende Malerin war - und gleichzeitig eine radikale Neubildnerin. All dies und die sorgfältig aufbereitete Fülle des Archivmaterials macht "Frida Kahlo - Giganten der Kunst" mit kleinen Einschränkungen zu einem sehenswerten Filmporträt.

infobox: "Frida Kahlo - Giganten der Kunst", Dokumentation, Regie und Buch: Gunnar Megner, Kamera: Olaf Bitterhoff, Produktion: Bilderfest (Arte/ZDF, 18.1.26, 16.20-17.15 Uhr, Arte-Mediathek bis 9.2.26)



Zuerst veröffentlicht 17.01.2026 11:00

Heike Hupertz

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KArte, KZDF, Dokumentation, Megner, Hupertz, Kahlo, Kunst

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