Wie nicht von dieser Welt - epd medien

18.01.2026 10:15

Die Dokumentation "Bowie - Der letzte Akt" interessiert sich wenig für die Musik der Pop- und Stilikone, die vor zehn Jahren starb. Der komplexe und wandlungswillige Künstler David Bowie werde hier zu einer seherischen Schöpferfigur stilisiert, meint Stefan Hentz.

Dokumentation "Bowie - Der letzte Akt" bei Arte

David Bowie bei einem Konzert in der Frankfurter Festhalle am 14. Mai 1978

epd Vorneweg: Schon im Titel ist "Bowie - Der letzte Akt", der Dokumentarfilm des britischen Filmemachers Jonathan Stiasny, ein Etikettenschwindel. Der titelgebende letzte Akt, das Studio-Album "Blackstar", das David Bowie in der Gewissheit seines unmittelbar bevorstehenden Todes produziert und am 8. Januar 2016 veröffentlicht hatte, mag der Fluchtpunkt der abendfüllenden, paneuropäischen Koproduktion mehrerer Fernsehanstalten aus Anlass des zehnjährigen Jahrestages von Bowies Tod sein - sein Kern, die Musik des Albums, ist wie Bowies vielgestaltige Musik überhaupt aber nicht das eigentliche Thema des Films.

Breiten Raum räumt Stiasny stattdessen Bowies musikalischer Vorgeschichte ein, sein Film begradigt und sortiert die zahlreichen Wendungen und Drehungen der so komplexen wie wandlungswilligen Künstlerpersönlichkeit David Bowie. Zunächst einmal sind da die Bilder: ein spektakulär gut aussehender Mann, mal mit langen Locken, dann mit perfektem Undercut, glatt, wie nicht von dieser Welt, androgyn und rätselhaft mit den beiden ungleichen Augen und einem hoch beweglichen, schlanken Körper, mal futuristisch knapp gekleidet, dann wieder klassisch-elegant, hippiesk oder nah am flanellenen Geist der Generation X.

Außergewöhnliche Ausstrahlung

Eine Musikerbiografie ist eine Musikerbiografie. Stiasny bespielt die vertrauten Elemente des Genres, fährt eine Garde von Weggefährtinnen und Zeitzeugen auf, bedient sich in den einschlägigen Archiven um das Zeitkolorit der verschiedenen Phasen von Bowies Schaffen zu vergegenwärtigen: die naiven 60er, die bunten 70er, die breitschultrigen 80er und so weiter. Er nutzt das reichhaltige Material, das Bowie als einer der medial meistbeachteten Künstler der Popgeschichte in den fünf Jahrzehnten seines Schaffens hinterlassen hat.

Interessant ist weniger, was Stiasny ins Zentrum seines Narrativs rückt, als vielmehr welche Bilder, Episoden und Wendungen er ausblendet oder zur Seite schiebt, um sein Bild der Musikerpersönlichkeit David Bowie zu entwerfen, das in seiner klaren Schlüssigkeit und Geradlinigkeit gerade das verleugnet, was die außergewöhnliche Ausstrahlung und Wirkmacht von Bowie ausmacht. Nicht nur für deutsche Zuschauer dürfte es unerhört sein, dass seine Berliner Phase hier kaum erwähnt wird. Drogen oder die Schwierigkeiten, sie zu überwinden, bleiben ebenso im Schatten wie Neukölln und die Hansa-Studios, Iggy Pop, die Clubs der Mauerstadt und Bowies Spiel mit seiner androgynen Erscheinung und den Masken des Begehrens.

Korsett der Erwartungen

"Bowie - Der letzte Akt" erzählt eine im Grunde recht schlichte Version der Geschichte: Nach dem überwältigenden Erfolg mit "Let’s Dance" im Jahr 1983 fremdelte David Bowie mit dem Korsett von Erwartungen, das dieser mit sich gebracht hatte. Kurz: Sein Vexierspiel mit Identitätsmarken, die Abkehr vom Konzept des authentischen Künstlers, das im Zentrum von Bowies nachhaltiger Faszinationskraft im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit von Kunst steht, schmilzt zu einer klischeehaften Gegenüberstellung von Künstler und Öffentlichkeit, Kreativität und Kommerz.

In diesen Zeiten, in denen sich die Faszination für die Weiten des Universums in Visionen einer möglicherweise fortschreitenden Kolonisierung verwandelt haben, zieht sich Bowies beharrliches Interesse an der metaphysischen Dimension des Universums von "Space Oddity" über "Life on Mars" nun bis in sein Abschiedsalbum "Blackstar". Von teleskopischen Ausblicken ins Weltall (oder ihrer elektronischen Nachempfindung), lässt Stiasny den Blick seines Kameraauges in das Zentrum eines Schwarzen Loches schweifen, das sich in einen schwarzen Stern verwandelt. Black Star: der Schöpferfigur David Bowie werden damit seherische Kräfte zugeschrieben.

infobox: "Bowie - Der letzte Akt", Dokumentation, Regie und Buch: Jonathan Stiasny, Kamera: Michael Cimpher, Harvey Glen, Michael Grippo, Produktion: Rogan Productions (Arte/WDR/BR/Channel4/DR/NTR, 16.1.26, 21.45-23.15 Uhr, Arte-Mediathek bis 15.4.26)



Zuerst veröffentlicht 18.01.2026 11:15

Stefan Hentz

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KArte, KWDR, Dokumentation, Bowie, Stiasny, Hentz

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