19.01.2026 08:40
Dokumentationen zu den USA unter Trump von ARD und ZDF
epd Zu den zahlreichen Anordnungen, die Donald Trump im ersten Jahr seiner zweiten Amtszeit als US-Präsident erlassen hat, gehört - kein Scherz! - das "Dekret zur Wiederherstellung der Duschfreiheit". Trump war die Begrenzung des Wasserdrucks aus Energiespargründen ein Dorn im Auge. Das Weiße Haus postete im April 2025 nach der Unterzeichnung stolz: "Make America’s Showers Great Again." Loriot hätte sich das nicht schöner ausdenken können. Verständlicherweise hat Tim Evers, Autor des für die ARD produzierten Films "Trump & us", darauf verzichtet zu recherchieren, wie es heute tatsächlich um die amerikanische Duschfreiheit bestellt ist.
Das Lachen über solcherlei Realsatire ist allerdings auch den meisten Satirikerinnen und Satirikern vergangen. "Was für eine Maske sollen wir ihm noch vom Gesicht reißen?", fragt Maren Kroymann. Trumps Politik scheint sich von Woche zu Woche zu radikalisieren. Evers konnte noch den Angriff auf Venezuela samt Festnahme und Entführung von Staatschef Maduro miteinbeziehen und ist damit ein Stück weit aktueller als "Trumps Amerika", eine Produktion der Beetz Brothers für ZDF und Arte, die einen anderen Schwerpunkt gewählt hat.
Beide Filme ergänzen sich trotz unvermeidlicher Überschneidungen. Während Evers vor allem aus der europäischen Perspektive auf das vergangene Jahr blickt, schildert der Film von Gaston Saša Koren, Ira Beetz und Dietrich Duppel eher die Entwicklungen innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft. Dabei konnten zwar weder der Schlag gegen Venezuela noch die jüngste innenpolitische Eskalation nach der Erschießung von Nicole Good durch einen Beamten der Einwanderungsbehörde ICE in Minneapolis berücksichtigt werden. Aber das ändert nichts an der Substanz, denn Trump und seine Maga-Bewegung haben 2025 reichlich Belege für einen radikalen Politikwechsel geliefert.
Dem Titel "Trumps Amerika" entsprechend, kommen in diesem Film nicht nur Expertinnen oder Journalisten zu Wort, unter ihnen auch ZDF-Korrespondent Elmar Theveßen, sondern auch Menschen, die sich gegen die Regierungsmaßnahmen wehren, die Proteste und kostenlose Gesundheitsversorgung organisieren oder vor Gericht klagen. Darunter sind auch Angehörige vom Volk der Miccosukee, die sich gegen den Ausbau des Abschiebegefängnisses Alligator Alcatraz in Florida wehren.
Begleitet wird auch Aftyn Behn, eine Politikerin der Demokraten, die in Tennessee von Haustür zu Haustür geht, um für ihre Kandidatur als Kongress-Abgeordnete zu werben - obwohl sie nach zahlreichen Drohungen um ihr Leben fürchtet. Es braucht viel Mut, um sich in "Trumps Amerika" dem Rechtsruck entgegenzustellen.
Dass es in den USA keinen Widerstand gäbe, widerlegt das Autoren-Trio, ohne allerdings auf die große Politik in Washington und die aktuelle Schwäche der Demokratischen Partei einzugehen. Der Film endet vergleichsweise optimistisch mit den "No Kings"-Demonstrationen am 18. Oktober, bei denen rund sieben Millionen Menschen in zahlreichen Städten auf die Straße gingen. Das abstoßende KI-generierte Video, bei dem der Präsident aus einem Düsenjäger Fäkalien auf die Demonstranten spritzt, bleibt dem Publikum erspart.
Nicht so bei "Trump & us", denn Autor Tim Evers nimmt sich mehr Zeit, um auch die Kommunikationsstrategien des "Trumpismus" zu offenbaren, zu denen etwa ein unaufhörliches Bombardement mit einfachen Botschaften ("flooding the zone with shit") in den sozialen Netzwerken gehört. Die Welt wird mit dreisten Lügen und diffamierender Hetze in vermeintlich unterhaltsamen Clips geflutet. Insofern hat Trumps Fäkalien-Video neben der Tatsache, dass es sinnbildlich für den Niedergang von Kultur und Anstand steht, tatsächlich ikonischen Wert.
Evers analysiert darüber hinaus das schwer angeschlagene transatlantische Verhältnis - nicht ohne den notwendigen Schuss Selbstkritik an der europäischen Uneinigkeit und Schwäche. Er bezieht in Gestalt der Journalistin Sevgil Mussaieva die ukrainische Perspektive mit ein. Aufschlussreiche Aussagen liefern vor allem die "Handelsblatt"-Korrespondentin Annett Meiritz und auch der ehemalige Siemens-Chef Joe Kaeser. Nile Gardiner von der Heritage Foundation offenbart die Denkweise von Trumps konservativen Stichwortgebern - ein legitimes Interview, das auch die Verbindung zur europäischen Rechten verdeutlicht. Eher überflüssig ist dagegen der Auftritt von Österreichs Ex-Kanzler Sebastian Kurz.
Amerika geht unter.
Auffällig ist Evers' Versuch, das viele Menschen bedrückende Thema unterhaltsam zu präsentieren - mit pointierten, manchmal auch arg flapsigen Kommentaren aus dem Off, mit ironisch eingesetzten Musikschnipseln wie "Lose Control" von Teddy Swims oder "Wrecking Ball" von Miley Cirus und auch mit einigen visuellen Effekten, in denen die Welt auseinanderfällt oder buchstäblich Kopf steht. Kann man so machen, hilft aber nichts: Das Gefühl, den Piloten einer dystopischen Serie zu sehen, bleibt.
Das Video von ICE-Beamten, die eine ausländische Studentin mit Kopftuch auf offener Straße angreifen und abführen, erinnert an den christlich-fundamentalistischen Gottesstaat Gilead aus "The Handmaid’s Tale". Die wie die Serien-Protagonisten nach Kanada geflohene US-amerikanische Osteuropahistorikerin Marci Shore lässt sich zu einer apokalyptischen Warnung hinreißen: "Amerika geht unter. Lasst euch nicht in den Abgrund reißen. Es ist vorbei." Das mag übertrieben sein, aber die Midterms-Wahlen im November erscheinen schon jetzt wie eine schicksalhafte Abstimmung über die Zukunft. Womöglich nicht nur der USA.
infobox: "Trump & us - Wie er unsere Welt verändert", Dokumentation, Regie und Buch: Tim Evers, Kamera: Oliver Gurr, Anastasia Krysko, Stuart McOmie u. a., Produktion: Looks Film (ARD/RBB/WDR/NDR, 12.1.26, 20.15-21.45 Uhr und als dreiteilige Serie in der ARD-Mediathek); "Trumps Amerika - Macht, Wandel, Widerstand", Dokumentation, Regie und Buch: Gaston Saša Koren, Ira Beetz, Dietrich Duppel, Kamera: Stefan Stechow, Martin Bochmann, René Dame u. a., Produktion: Beetz Brothers (Arte/ZDF, 13.1.26, 20.15-21.45 Uhr, Arte-Mediathek bis 11.4.26)
Zuerst veröffentlicht 19.01.2026 09:40
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KARD, KZDF, Trump, Dokumentation, Evers, Koren, Beetz, Duppel, Gehringer
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