Plakative Heldenreise - epd medien

23.01.2026 09:29

In der ZDF-Serie "The Kollective" kämpft ein junges Recherche‑Team gegen die Mächtigen der Welt. Der Verschwörungsthriller erzählt von idealistischen Journalisten, die dunkle Machenschaften rund um Coltan-Minen im Kongo und russische Einflussnahme aufdecken.

ZDF-Serie "The Kollective"

Lucas (Gijs Blom), Aaron (Felix Mayr), Delia (Céline Buckens) und Etienne (Grégory Montel, v.l.) sorgen mit ihrer Arbeit als "The Kollective" in ganz Europa für Aufsehen

epd Fünf gegen den Rest der Welt: In der sechsteiligen Serie "The Kollective" kämpft ein überwiegend junges Team von Journalistinnen und Journalisten unerschrocken gegen mächtige Gegner und deckt am Ende Pläne auf, die westliche Demokratien in ihrer Existenz gefährden könnten. Eine Heldinnen- und Heldenreise voller Idealismus, angelehnt an reale Vorbilder wie das investigative Recherche-Netzwerk Bellingcat mit Sitz in Amsterdam. Produzentin ist Femke Wolting von der niederländischen Firma Submarine, die auch den mit einem Emmy ausgezeichneten Dokumentarfilm "Bellingcat - Truth in a post-truth World" verantwortete.

Verpackt ist die sympathische Botschaft als zuweilen abenteuerlicher Verschwörungsthriller, bei dem Tempo und Spannung eindeutig den Vorzug vor Plausibilität erhalten. Ausgangspunkt ist ein Flugzeugabsturz in der Demokratischen Republik (DR) Kongo, wo Kinder und Erwachsene unter den Augen von brutalen Wächtern in Coltan-Minen schuften. Die Verhältnisse in den Minen spielen in der Folge allerdings keine Rolle mehr, wohl aber die Frage, wer die Kontrolle über die für Smartphones, Elektroautos und andere Produkte wichtigen Erz-Minen erlangt.

Verdächtige Todesumstände

Ein britischer Investigativ-Journalist, der brisantes Material über den Abbau des Coltan-Erzes im Gepäck hatte, kommt bei dem Flugzeugabsturz ums Leben. Die verdächtigen Umstände seines Todes rufen das "Kollective"-Team auf den Plan, das dem Publikum gleich mal verheißungsvoll als "die Stars unter den unabhängigen Journalisten" vorgestellt wird. Mit dieser Schmeichelei versucht jedenfalls Maya, gespielt von der prominenten Britin Natasha McElhone ("Solaris", "Californication"), das Team für eine Zusammenarbeit mit dem Medienkonzern Globecom zu gewinnen. Weil sie ihre Unabhängigkeit bewahren wollen, lehnt das die Mehrheit der "Kollective"-Mitglieder ab, weshalb sich Joshua (Gregg Sulkin) alleine auf den Weg nach Zentralafrika macht - und am Ende der ersten Folge in die Hände finsterer russischer Agenten gerät.

Auch in den folgenden fünf Episoden sind die Rollen im klassischen Kampf Gut gegen Böse klar verteilt. Nicht dass man daran zweifeln müsste, dass Moskau mit zweifelhaften Methoden um Einfluss in Afrika bemüht ist, dass unliebsame Politiker vergiftet werden und Agenten nicht vor Mord und Folter zurückschrecken. Aber Russland tritt in dieser fiktionalen Darstellung als einzige Macht im Ressourcen-Rennen um seltene Erden auf. Die Konkurrenz aus Europa, China und den USA bleibt gnädiger Weise außen vor. Und korrupte Politiker gibt es in dieser Serie nur im Kongo.

Bezug zur Kolonialgeschichte

Immerhin wird ein Bezug zur Kolonialgeschichte angedeutet, denn der politische Hoffnungsträger in der DR Kongo heißt in der Serie Lusamba. Und weil der sich für die Verstaatlichung der Coltan-Minen einsetzt, ist der Verweis auf Patrice Lumumba offenkundig. Der sozialistische Politiker und erste Premierminister des unabhängigen Kongo war 1961 ermordet worden. Verwickelt darin waren die Regierung der ehemaligen Kolonialmacht Belgien und der US-Geheimdienst CIA.

Auch kurios: Zwar signalisiert die Serie überdeutlich, dass der Kalte Krieg mit Russland wieder auflebt, aber vom Krieg gegen die Ukraine ist kein einziges Mal die Rede. Trotz der Freiheit, die man sich in der Fiktion nehmen darf, irritiert diese Leerstelle - zumal Delia (herausragend: Céline Buckens) und Aaron (Felix Mayr) vom "Kollective"-Team in den letzten beiden Folgen mehrfach nach Russland reisen und Kontakt zur Opposition knüpfen.

Wie sie sich in geheimen Unternehmen und militärischem Sperrgebiet Informationen beschaffen, ist zwar bisweilen hanebüchen, aber für solide Spannung reicht es allemal. Das gilt insbesondere für die vierte und fünfte Folge, als Delia und Aaron einen russischen Überläufer und seine Tochter in Lettland treffen und als russische Agenten in Nantes die Tochter des "Kollective"-Mitglieds Etienne (Grégory Montel) bedrohen, um die Veröffentlichung eines brisanten Artikels in letzter Sekunde zu verhindern.

Simples politisches Weltbild

Während Wortführerin Delia und Aaron für die gefährlichen Recherchen vor Ort zuständig sind und dabei nebenbei auch etwas Romantik ins Spiel bringen, sind Etienne und der junge Lucas (Gijs Blom) die IT-Genies des Kollektivs, die am Computer blitzschnell Wunderdinge vollbringen. Visuell tauchen die Figuren förmlich in die virtuelle Welt ein, was ausgesprochen schick aussieht. In Sachen Action sticht eine rasante Szene zu Beginn der zweiten Folge heraus, als die Polizei ein Motorrad mit zwei Männern durch den Slum von Kinshasa jagt.

So vermag "The Kollective" dem Genre des Geheimdienst-Thrillers einige Ehre machen. Aber das war's dann auch. Zu simpel das politische Weltbild, zu plakativ die Dialoge, die ein Ringen mit journalistischen Standards und dem eigenen Ethos nur formelhaft abarbeiten. Auch der angedeutete Konflikt zwischen dem unabhängigen Recherche-Kollektiv und dem von Maya repräsentierten Medienkonzern wird weitgehend verschenkt. Bis zum Schluss fragt man sich, wie das Kollektiv Reisen und Recherche eigentlich finanziert und ob es am Ideal der Unabhängigkeit wirklich festhält. Denn mit Maya von Globecom arbeitet das Team immer wieder zusammen.

Die 2017 gegründete öffentlich-rechtliche "European Alliance", bestehend aus France Télévisions, der italienischen Rai und dem ZDF, hat nach eigenen Angaben bereits mehr als zehn Serien auf den Weg gebracht, darunter "Der Schwarm", "In 80 Tagen um die Welt" und "Mirage - Gefährliche Lügen". Ein echter Knüller war bisher nicht darunter. Daran ändert auch "The Kollective" wenig.

infobox: "The Kollective", sechsteilige Serie, Regie: Assaf Bernstein, Randa Chahoud, Buch: Leonardo Fasoli, Maddalena Ravagli, Edward Hemming, Francesco Baucia, Emiliano Ligas, Cristiana Regini, Produktion: Submarine (ZDF/France Télévisions/Rai, ZDF-Mediathek seit 23.1.26, ZDFneo, ab 15.2.26, jeweils sonntags in Doppelfolgen, 20.15-21.55 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 23.01.2026 10:29

Thomas Gehringer

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Gehringer, Serie

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