27.01.2026 08:34
Ein epd-Interview mit der Medienbischöfin Dorothee Wüst
Frau Wüst, Sie sind seit rund einem Jahr Aufsichtsratsvorsitzende des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik (GEP) und damit kurz gesagt Medienbischöfin der evangelischen Kirche. Ein Thema mit wachsender Brisanz: die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen in Medien. Glauben Sie selbst noch, was Sie in Medien lesen, hören und sehen?
Dorothee Wüst Zunächst mal schon. Und wenn man sich jüngste Untersuchungen anschaut, dann ist das Vertrauen der Deutschen zum Beispiel in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk deutlich höher, als es in manch öffentlicher Debatte dargestellt wird. Für mich ist die "Tagesschau" zum Beispiel eine seriöse Nachrichtenquelle. Der SWR ist eine seriöse Nachrichtenquelle, auch meine Tageszeitung. Ich habe nicht die Erfahrung gemacht, dass es irgendeinen Grund dafür gibt, warum ich diesen Medien misstrauen sollte. Fehler passieren, klar. Die müssen transparent gemacht werden. Aber das geschieht in aller Regel.
Dennoch verliert ein Teil der Menschen Vertrauen, nicht nur in Medien, sondern auch andere Institutionen wie die Kirchen. Womit erklären Sie sich das?
Meine Vermutung ist, dass die Corona-Pandemie ein großer Einschnitt war. Sie hat uns allen vor Augen geführt, wie schnell Verlässlichkeiten zerbrechen. Das hatte existenziellen Charakter. Da gab es einen Riss in der Vertrauenslandschaft, der jetzt in einer Multikrisensituation mit Kriegen, Klimakatastrophe und globalen Unsicherheiten noch tiefer geworden ist. Wenn irgendwann der Riss da ist, lässt er sich schwer kitten. Denn es entsteht eine eigene Bubble von Menschen, die sich in ihrem Misstrauen bestärken. Das ist nicht nur für die Medien eine Schwierigkeit. Das ist für unsere ganze Demokratie eine Gefahr.
Wir müssen früher mit Medienbildung anfangen.
Wir haben noch nicht über soziale Netzwerke gesprochen, über Internet-Plattformen, die diese Bubble bestärken, zu einer Beschleunigung beitragen, Hass und Desinformationen noch einmal vervielfachen. Steckt hier das eigentliche Problem?
Ich weiß nicht, ob die Plattformen im Zentrum des Problems stehen. Man sollte sie nicht dämonisieren. Aber sie sind sicherlich ein Teil des Problems, weil ich dort nicht sicher unterscheiden kann, ob ich eine Information bekomme, die wirklich sachlich korrekt ist, oder ob mir da eine Lüge serviert wird. Wir müssen stärker ein Bewusstsein dafür schaffen, dass nicht alles, was mir auf Instagram oder Facebook oder Twitter oder sonstwo begegnet, der Wahrheit letzter Schluss ist, sondern dass ich da vorsichtiger sein muss und lieber noch mal nachfrage. Und dabei denke ich nicht nur an die junge Generation.
Die öffentliche Debatte um ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche nach dem Vorbild Australiens ebbt nicht ab. Wie stehen Sie dazu?
Die Mutter in mir schreit ja, weil ich es problematisch finde, wie viel Zeit Kinder heute mit dem Smartphone verbringen und was sie dort zu sehen bekommen. Wir können das als Eltern nicht permanent kontrollieren. Eine Altersgrenze von 14 Jahren fände ich daher sinnvoll. Auf der anderen Seite würde wohl viel Energie reinfließen, in der Praxis Altersgrenzen zu unterlaufen, wie wir das heute bei explizit jugendgefährdenden Inhalten, bei Pornografie zum Beispiel, auch schon erleben. Dann ist ein Verbot wiederum wenig wert.
Von daher braucht es meines Erachtens beides: Rechtsregeln, die junge wie ältere Menschen davor schützen, dass sie auf Inhalte stoßen, die nicht vertretbar sind. Und wir müssen früher mit Medienbildung anfangen und diese deutlich ausbauen. Kinder sind schon längst zu Hause in dieser ganzen Welt der Netzwerke, bevor irgendeiner mal pädagogisch den Finger hebt.
Die EU hat da durchaus Fortschritte gemacht.
Tut die Politik genug zur Regulierung?
Die Frage ist: Wie komme ich gegen Konzerne an, die tatsächlich gar nicht in meinem Zugriffsbereich sind, sondern vor allem in den USA sitzen? Ich kann ja nur Regelungen treffen für meinen Bereich. Und da erlebe ich, dass die EU durchaus Fortschritte gemacht hat. Sicher wird man es nicht komplett regulieren können. Aber wir können mit den EU-Regeln zum Beispiel beim Datenschutz, beim Jugendschutz und Ähnlichem zumindest die schlimmsten Auswüchse eindämmen. Da sollte man dranbleiben.
Unzweifelhaft ein Verstärker bei den von Ihnen beschriebenen Entwicklungen ist Künstliche Intelligenz (KI). Welche Standards braucht es?
KI ist, und das muss man so nüchtern feststellen, nicht böse, und sie ist nicht gut, sondern sie ist einfach da. Die Frage ist, wie wir sie einsetzen, so dass sie einen Sinn erfüllt und kein Gefährdungspotenzial hat. Dafür muss man einige Dinge regeln, durch Selbstverpflichtungen und Standards von außen. Ein Standard muss zum Beispiel sein, dass das, was durch KI erstellt wurde, deutlich kenntlich gemacht wird.
Nutzen Sie selbst KI?
Ich finde sie nützlich, um bei einem Thema zu Assoziationen und Hintergrundinformationen zu kommen, nach denen ich sonst viel länger suchen müsste. Aber entscheidend bleibt: Die KI bleibt fehleranfällig, jede Information verlangt die Überprüfung durch einen Menschen. Das buchstäblich letzte Wort habe ich.
Haben Sie sich schon mal eine KI-Predigt entwerfen lassen?
Wüst: Ja. Aber selbst wenn ich der KI vorher Texte von mir gegeben habe, empfinde ich das, was herauskommt, fast wie eine Karikatur meines Stils. Was meine Persönlichkeit ausmacht, kann eine KI nicht kreieren. Das ist eine interessante Erfahrung.
Man kann nicht von heute auf morgen den Geldhahn zudrehen.
Neben der Debatte über Plattformen wird auch jene über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland sehr laut, meist sehr kontrovers und in Teilen unversöhnlich geführt. Sie selbst gehören dem Rundfunkrat des SWR an, haben daher genaue Einblicke. Machen die Sender genug, um effizienter zu werden und am Ende kostengünstiger zu wirtschaften?
Sie machen ihre Hausaufgaben, ja. Alle Sender haben eine Einsparvorgabe. Aber alle Medien, auch die privaten Rundfunkanbieter und Zeitungshäuser, stehen vor demselben Problem: Sie müssen neue digitale Angebote aufbauen, ohne dass sie die alten aufgeben können, so lange sie noch relevant sind. Lineare Sender und gedruckte Zeitungen wird es auch in den nächsten Jahren noch geben. Das macht die digitale Transformation so schwierig.
Ist der Rundfunkbeitrag auch langfristig der Weg in die Zukunft?
Darüber mag man streiten, auch über die Höhe. Aber wenn man die Finanzierung ändern will, kann man nicht von heute auf morgen den Geldhahn zudrehen. Unzweifelhaft ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk in unserem Land eine wichtige Stütze für die Demokratie, gerade durch seine Unabhängigkeit, die auch der Rundfunkbeitrag garantiert. Wenn ich nicht mehr will, dass er beitragsfinanziert ist, dann muss er immerhin die Chance haben, sich so aufzustellen, dass er die Beiträge nicht mehr braucht. An dem Punkt sind wir aber im Moment nicht.
Die Rundfunkpolitik ist auf das Zusammenwirken der Bundesländer angewiesen. Was erwarten Sie, wenn nach den Wahlen in diesem Jahr in einem oder mehreren Ländern die AfD an einer Regierung beteiligt sein sollte?
Die AfD hat klar erklärt, dass sie den beitragsfinanzierten Rundfunk ablehnt. Und da kann ich nur hoffen, dass die demokratischen Parteien stark genug sind, dagegen zu halten. Dass nach dem Zweiten Weltkrieg ein Rundfunk geschaffen wurde, der von Staats- und Lobbyinteressen unabhängig ist, ist für unsere Demokratie elementar.
In der evangelischen Publizistik wird es Veränderungen geben.
Sie sind, wie eingangs gesagt, Aufsichtsratsvorsitzende des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik. Was ist das überhaupt, evangelische Publizistik?
Ich definiere evangelische Publizistik von ihren Funktionen her. Sie hat zum einen die Aufgabe, konstruktiv in die Gesellschaft hineinzuwirken auf der Basis dessen, was christliche Überzeugung ist. Zum anderen soll sie kritisch konstruktiv auf die Kirche schauen. Das setzt Unabhängigkeit voraus, und das unterscheidet sie von kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit. Sie ist kein Instrument der Kirche, kein Sprachrohr. Sie hat einen eigenen Stellenwert, auch wenn sie kirchlich finanziert ist.
Wird sich die Kirche denn die evangelische Publizistik auch in Zukunft leisten können?
Ich glaube, dass wir es uns nicht leisten können, keine evangelische Publizistik mehr zu haben. Sie ist ein wichtiges Korrektiv und ein Ort, den wir ansonsten in unserer verfassten Kirche und eben auch in der weltanschaulich neutralen Medienlandschaft nicht haben. Wenn das verloren geht, geht ein ganz großer Wert verloren.
Eine andere Frage ist, in welcher Struktur und in welchem Ausmaß wir evangelische Publizistik in der Zukunft haben. Da wird es wie in allen anderen Bereichen der Kirche Veränderungen geben. Aber eines ist klar: Die evangelische Publizistik ist für uns als Kirche ein Wert an sich. Das setzt eine Finanzierung voraus, die eine gewisse Sichtbarkeit und Reichweite ermöglicht.
kfr
Zuerst veröffentlicht 27.01.2026 09:34
Schlagworte: Medien, Kirchen, Wüst GEP
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