Starke Emotionalisierung - epd medien

27.01.2026 09:45

In der Dokumentationsreihe "German Guilt" recherchieren der Presenter Thilo Mischke sowie Katja Riemann und Ronja von Rönne ihre Familiengeschichte zur Zeit des Nationalsozialismus. Das will nicht so recht gelingen, stellt René Martens fest.

ZDF-Doku-Reihe "German Guilt" mit Thilo Mischke

Reporter Thilo Mischke in den Arolsen Archives

epd "Ich glaube, wenn es Tinder gegeben hätte während des Hitler-Faschismus, dann wären es die Fotos gewesen, die er gewählt hätte für sein Tinder-Profil." Das sagt Thilo Mischke, Presenter und Co-Autor der ZDF-Produktion "German Guilt", als er zum ersten Mal Bilder seines Urgroßvaters und SS-Mannes Albert Zimmermann sieht. Im Zuge der Recherchen für diesen Film erfährt Mischke, dass sein Vorfahr zur Leibstandarte Adolf Hitler gehörte.

Grundsätzlich ist es nicht falsch, das Publikum anschaulich und niedrigschwellig über die NS-Zeit zu informieren. Allerdings stößt diese Vermittlungsform mitunter an ihre Grenzen - die Bezugnahme auf die Dating-Plattform ist in dem von Mischkes Firma PQPP2 produzierten Dreiteiler dafür nur ein Beispiel von vielen.

Drei Prominente recherchieren die eigene Familiengeschichte

In "German Guilt" recherchieren drei Prominente die Vergangenheit von Familienmitgliedern während des Nationalsozialismus. Neben Mischke selbst sind dies die Schauspielerin Katja Riemann und die Schriftstellerin Ronja von Rönne. "Der Versuch für das ZDF dieses Format zu produzieren, ist entstanden, als ich ein Foto meiner Großmutter mit einer KI animiert habe, sagt Mischke. Dieses Gestaltungsmittel wird im Film mehrfach eingesetzt, unter anderem bei einem Bild des Urgroßvaters, der bei der SS war. Das missglückt leider völlig, wirkt fast albern.

Auf der Negativseite noch schwerer ins Gewicht fällt der Einstieg in den Dreiteiler: Im schnellen Schnitt gehen nationalsozialistische Propagandabilder über in Aufnahmen abgemagerter Menschen oder nebeneinander liegender Leichen. Fotos, die offenbar nach der Befreiung der Konzentrationslager 1945 entstanden sind. Zu dieser Mischung aus Täter- und Opferbildern spricht Mischke in stakkatohaftem Stil: "Nazis. Holocaust. Totaler Krieg. 80 Jahre später scheint der Schrecken zu verblassen." Wer gleich zu Beginn Bilder von NS-Opfern als Material für eine Art Potpourri nutzt, kann kaum Vertrauen aufbauen.

Schwer zu ertragen

Auch keineswegs zu einem seriösen Eindruck tragen Formulierungen bei wie: "Wir kennen die Nazi-Elite. Aber was mit den jubelnden Massen? Gehörten meine Vorfahren auch dazu?" Mischke klingt hier, als wäre er der erste Filmemacher, der solche Fragen je formuliert hat. Ohnehin stellt er sich und den Zuschauern sehr gern Fragen ("Was ist los mit uns? Hat niemand mehr Lust auf Wahrheit?", "In welche Abgründe wird mich diese Recherche führen?").

Mischkes Sprache ist auch sonst schwer zu ertragen. Beliebte Off-Text-Phrasen des dokumentarischen Fernsehens kommen hier hoch dosiert zum Einsatz, völlig überstrapaziert wird etwa der Begriff "Reise", vor allem als Metapher ("emotionale Reise"). Auch von "Eintauchen" ist viel die Rede. "Ronja taucht in die Geschichte der Wehrmacht auf Kreta ein", heißt es an einer Stelle, als es um von Rönnes Urgroßvater geht, der als Soldat während der deutschen Besatzungszeit auf der Insel im Einsatz war.

Konkrete Archivarbeit

Hinzu kommt: Die Gespräche der Protagonisten treten oft auf der Stelle, insbesondere zwischen Mischke und Riemann. Dass die Großmutter der Schauspielerin während der Arbeit an "German Guilt" wieder "lebendig" geworden sei, ist mehrmals zu hören.

Inhaltlich gewinnt der Dreiteiler dort an Qualität, wo konkrete Recherchen und Archivarbeit im Fokus stehen - wenn Experten zu Wort kommen wie Ingo Harms, der für seine Forschung zur Medizingeschichte im Dritten Reich mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. In dem Dreiteiler unterstützt er Riemann bei ihren Nachforschungen. Mit Harms’ Hilfe findet sie heraus, dass ihre Großmutter zu den Opfern der Euthanasiemorde in der Heilanstalt Wehnen gehörte.

Freiheit und Menschenrechte

Für Einordnungen, auch mit Blick auf aktuelle gesellschaftspolitische Entwicklungen weltweit, hat Mischke den Publizisten Michel Friedman gewinnen können. Ihn interessiere, ob die "junge Generation" bereit sei, "Freiheit und Menschenrechte" einzufordern, sagt Friedman. Seine Äußerungen sind instruktiv wie stets, formal wirken die Interviewpassagen mit ihm aber wie ein Fremdkörper.

In den 1980er-, 1990er- und 2000er-Jahren kritisierten Forscher und Journalisten wiederholt die starke Dramatisierung und Emotionalisierung in Guido Knopps ZDF-Dokumentationen zum Nationalsozialismus. Verglichen mit "German Guilt", wirken Knopps Filme aber beinahe trocken. Andererseits: Für diejenigen, die sich bislang nicht mit dem Handeln ihrer Eltern oder Großeltern während des Nationalsozialismus auseinandergesetzt haben, ist es selbstverständlich nie zu spät, dies nachzuholen. Wenn "German Guilt" Zuschauerinnen und Zuschauer Impulse für eine solche Auseinandersetzung liefert, ist das positiv.

infobox: "German Guilt", dreiteilige Dokumentationsreihe mit Thilo Mischke, Regie und Buch: Thilo Mischke, Boris Quantram, Kamera: Florian Baumgarten, Fabian Beyer, Maja Dybuk, Leonard Schmidt, Produktion: PQPP2 (ZDF-Mediathek, seit 21.1.26)



Zuerst veröffentlicht 27.01.2026 10:45

René Martens

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Internet, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Dokumentation, Mischke, Martens, ema

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