Die Blaupause - epd medien

28.01.2026 09:09

Die sogenannten Protokolle der Weisen von Zion gelten als Ursprung moderner Verschwörungserzählungen. Der Dokumentarfilmer Felix Moeller beschreibt die "Weltkarriere" dieses Lügengespinstes in feinen, manchmal lyrischen Bildern, lobt Barbara Sichtermann.

Arte-Dokumentation "Weltkarriere einer Lüge"

Französisches Buchcover einer obskuren Schrift aus dem zaristischen Russland

epd Wie diese Schrift entstanden ist und von wem sie stammt, weiß man immer noch nicht. Als älteste Ausgabe der "Protokolle der Weisen von Zion" gilt ein russisches Exemplar aus der Zarenzeit, französische Vorlagen für Plagiate aus den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts wurden in einer Pariser Bibliothek gefunden, eine weitere der Authentizität verdächtige Fassung ist wieder eine russische von 1905. Aber wer diese obskure Schrift wirklich verfasst hat, ist unbekannt.

Seit mehr als 100 Jahren fragt sich die lesende Welt: Sind die "Protokolle" echt in dem Sinne, dass da wirklich jüdische Verschwörer ihre Pläne zur Welteroberung dargelegt haben, oder sind sie eine Fälschung, ersonnen und geschrieben, um Judenhass anzufachen? Letzteres gilt heute als höchstwahrscheinlich, und dennoch ist das Machwerk immer noch eine Blaupause zur Begründung und Verbreitung von Antisemitismus, bis dato übersetzt in 30 Sprachen.

Feine, aparte Bilder

"Wenn wir unsere Herrschaft errichten, werden wir jeden in Fesseln legen, der es wagt, uns Widerstand zu leisten", so steht es dort geschrieben. Da muss man sich doch zur Wehr setzen. So dachte Adolf Hitler, dem die "Protokolle" zupass kamen, so dachte Henry Ford, und so denken heute noch Elon Musk und der Rapper Kollegah und auch die Hamas, in deren Gründungscharta die "Protokolle" zitiert werden. Es ist sogar so, dass diese Blaupause erst in unserer Zeit so richtig zur Geltung kommt, weil sie erst jetzt in einem Medium zirkulieren kann, das genau zu ihr passt: dem Internet.

Über die "Weltkarriere" dieses Lügengespinstes hat jetzt Felix Moeller eine in feinen, aparten, manchmal lyrischen Bildern und Arrangements daherkommende Dokumentation gedreht. Es ist ein Film gegen den Glauben an Verschwörungsmythen, gegen die Funktionalisierung einer weltweit geglaubten und verbreiteten Lüge und gegen die Dummheit der Menschen. Der Bochumer Historiker Michael Hagemeister sagt: "Die Protokolle geben in den Hirnen der antisemitischen Menschen genau das wieder, was (deren Meinung zufolge) Juden denken und planen, und da spielt es keine Rolle, was Juden wirklich denken, sondern sie (die Protokolle) passen!"

Eine Hetzschrift, die tötete

Da zeigen uns zum Teil bekannte Archivaufnahmen geifernde Nazigrößen, die mit stark rollendem R von der "Ausrottung des Judentums" brüllen, dann verblasst das Bild, während der Ton weitergeht und immer schriller wird. Derweil tritt ein anderes, im selben traurigen Schwarzweiß gefilmtes Motiv auf den Bildschirm: eine lange Reihe erschöpfter Menschen, die Davidsterne an ihren Mänteln und mittelgroße Handkoffer tragen. Jeder weiß heute, wohin dieser Weg sie führen wird. Die "Protokolle" waren nicht einfach eine anonyme Schmähschrift, die eine jüdische Weltverschwörung beweisen sollte, sondern sie waren eine Hetzschrift, die tötete.

Die Pointe in den sogenannten Protokollen ist nicht einmal das Konzept der insgeheim vorzubereitenden Weltherrschaft der Juden, sondern die inständige Bitte der Völker der Welt an die Juden, doch die Herrschaft jetzt zu übernehmen - denn zuvor ist als Folge der jüdischen Zersetzungsarbeit überall in der Welt das Chaos ausgebrochen. Die Menschen ersehnten eine Ordnung, und sei sie von Juden gestiftet. Auf dem Bildschirm erscheint unvermittelt das Antlitz von Hannah Arendt.

Wunderbar unheimlich

Die Philosophin hat, so erfahren wir, herausgearbeitet, dass der Staat, den die "Weisen von Zion" angeblich errichten wollten, große Ähnlichkeit mit der realen Staatsform hatte, in die die Nazidiktatur sich kleidete: Patriarchalismus, Beschwörung der Volksgemeinschaft, strenge Zensur aller Stimmen und Medien, die auf die öffentliche Meinung einwirken. Diese Ähnlichkeit könnte auch Hitler schließlich aufgefallen sein. Während er in seiner "Kampfzeit" immer wieder begeistert von den "Protokollen" als ein die jüdische Perfidie entlarvendes Werk sprach, hörte er, einmal an der Macht, plötzlich damit auf. Er erwähnte sie nicht mehr. Goebbels übrigens glaubte nie an ihre Echtheit.

Außer dem Historiker Hagemeister kommentieren noch Jakob Baier, Politikwissenschaftler aus Bielefeld, die Berliner Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel und andere. Der Film arbeitet mit wunderbar unheimlichen Bildern, die zum Teil KI-generiert sind. Er ist so harmonisch montiert, dass man sich, dem düsteren Inhalt zum Trotz, beim Schauen wie gewiegt fühlt.

Dem Dokumentaristen Felix Moeller ist ein kleines Kunstwerk gelungen. Am Schluss tritt die jüdische Studentin Hanna Veiler auf, sie gehört zum Vorstand der Jüdischen Studierendenunion Deutschland und steht in diesem Film dafür, dass die Sache mit den "Weisen von Zion" und den angeblichen finsteren Absichten des Weltjudentums noch keineswegs ausgestanden ist. Im Gegenteil, eine neue Runde fängt, wie jeder sehen kann, gerade erst an.

infobox: "Weltkarriere einer Lüge. Die Protokolle der Weisen von Zion", Dokumentation, Regie und Buch: Felix Moeller, Kamera: Franck Emmanuel Bastien, Daniel Schönauer, Christine Streichsbier, Produktion: Blueprint Film (Arte/RBB, 26.1.25, 23.35-0.25 Uhr und in der Arte-Mediathek)



Zuerst veröffentlicht 28.01.2026 10:09

Barbara Sichtermann

Schlagworte: Medien, Kritik, Kritik.(Fernsehen), Sichtermann

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