Sackgassen und lose Enden - epd medien

02.02.2026 08:45

In "Winterlied" im Deutschlandfunk will der Autor und Regisseur Jochen Langner zwei Erzählstränge miteinander verbinden. Aber am Ende geht es vor allem um ihn selbst: Wo auch immer man hinreist, sich selbst hat man immer dabei.

Hörspiel "Winterlied" im Deutschlandfunk

epd "Die Zeit faltet sich." Dieser Satz fällt immer wieder in "Winterlied”, einem Hörspiel, das man auch guten Gewissens als Feature bezeichnen könnte. Autor und Regisseur Jochen Langner bezeichnet damit eine Situation, in der Vergangenheit und Gegenwart an einem Ort aufeinandertreffen und miteinander verbunden scheinen.

Die Vergangenheit, das ist in diesem Fall die Geschichte von Langners Vater, der im Zweiten Weltkrieg als sehr junger Mann in der Luftwaffe ein Teil der Nazi-Invasion Osteuropas wird und die Jahre 1942 bis 1950 in russischer Kriegsgefangenschaft in Sibirien verbringt. Der Vater hat über diese Zeit nie gesprochen und starb, als Langner noch ein Kind war. Die wenigen Informationen, die Langner hat, stammen von seiner inzwischen ebenfalls verstorbenen Mutter, die das "laute Schweigen” ein wenig eindämmen konnte.

Krieg in der Ukraine

Mit Archiv-Nachforschungen und Reisen an die wenigen Orte, an denen er seinen Vater über alte Fotos platzieren kann, versucht sich der 1971 geborene Schauspieler und Regisseur der "Erinnerungslandschaft” zu nähern: War sein Vater ein Luftaufklärer oder Teil einer Sturzkampfbomber-Gruppe? War er an der Ermordung von über 10.000 Juden im belarussischen Babrujsk beteiligt oder zumindest Zeuge davon?

Die Gegenwart, das ist der Krieg in der Ukraine. Ein Krieg, der geografisch zum Teil in den gleichen Gebieten stattfindet, wie der Russlandfeldzug der Nazis, und der angrenzende Länder mit in seinen Orbit zieht: Polen als Lebensort für viele geflüchtete Ukrainerinnen und Ukrainer. Belarus als gleichermaßen ehemalige Sowjetrepublik, in der die Demokratiegeschichte und das Verhältnis zu Russland aber einen anderen Weg genommen haben. Langner beschreibt, dass er, vielleicht wegen seinem Vater, immer eine Verbundenheit zu den europäischen Ländern östlich von Deutschland gespürt hat. Dort hat er Theater- und Hörspielprojekte umgesetzt und Freundschaften geschlossen.

Identität und Vergangenheit

Für "Winterlied” hat Langner vier Frauen gefunden, die mit ihm über ihre Erfahrungen in ihren Heimatländern und ihren Umgang mit Identität und Vergangenheit sprechen. Cynthia, eine Belarussin und Theater-Kollegin, und Lydia, eine Ukrainerin, leben im Exil in Warschau. Maryna stammt ebenfalls aus Belarus und arbeitet als Journalistin und Politikberaterin in Berlin. K. ist Russin, lebt ebenfalls in Deutschland, zieht sich aber nach einem Gespräch aus persönlichen Gründen aus Langners Projekt zurück und taucht in "Winterlied” nur als Schatten auf. "Das ist vermutlich sehr symbolisch”, kommentiert Lydia.

Was Cynthia, Lydia und Maryna zu erzählen haben, ist so wertvoll wie jede persönliche Geschichte, die den abstrakten Zahlen und Nachrichtenmeldungen aus Kriegsgebieten und Diktaturen ein menschliches Gesicht gibt. Langner montiert die Berichte gut zusammen und arbeitet Gemeinsamkeiten heraus. Etwa, dass alle drei Frauen Russisch als Muttersprache haben und es daher auch mit ihren Kindern sprechen, obwohl sie die Sprache gleichzeitig als imperialistisches Werkzeug des Aggressors begreifen.

"Erzwungenes Schweigen"

Oder das belarussische Kupalinka-Lied, in dem die Zeile "Wo ist deine Tochter?” vorkommt. In den Jahren 2020 und 2021 wurde es zu einer Hymne der belarussischen Proteste gegen das Regime. Heute scheint es auf die im Exil lebenden Frauen zu verweisen, die ein neues Verhältnis zu Heimat und zur Vergangenheit entwickeln müssen. "Mein Körper ist mein Zuhause”, sagt Cynthia, die aus Angst vor Verhaftung aus Belarus geflohen ist. Und dass sie sich selbst dazu zwingt, über ihre Erfahrungen zu sprechen, um dem "erzwungenen Schweigen” entgegenzuwirken, das sie um sich herum spürt.

Dieser Umgang mit dem Schweigen - dem eigenen und dem der Eltern - ist einer der wenigen echten Berührungspunkte zwischen den beiden Erzählsträngen in "Winterlied”. Alle anderen haben lediglich eine geografische Nähe gemeinsam. Am Ende geht es vor allem um ihn selbst.

Sich selbst hat man immer dabei

Das gibt Langner am Ende von "Winterlied” auch zu. Er steht auf dem Parkplatz eines Aldi-Supermarkts in Wrocław. Mit Blick auf ein Straßenschild, das in verschiedene Richtungen zeigt, sagt er: "Alles bleibt undeutlich und verweist auf mich, nicht auf meinen Vater.” Wo auch immer man hinreist, sich selbst hat man immer dabei.

"Winterlied” ist somit auch ein Stück über Sackgassen und lose Enden. Alle Nachforschungsanträge klären die Geschichte von Langners Vater nicht auf. Und das Nebeneinanderstellen von Erfahrungen aus dem gleichen geografischen Gebiet verweist kaum auf größere Zusammenhänge, auch wenn der Autor sich das erhofft haben mag.

Was bleibt sind stattdessen Momente von Mitmenschlichkeit, die im Hier und Jetzt verbindend wirken: Cynthia und Lydia, die auf einem Verandadach des Kulturpalastes Münzen einsammeln und die Schönheit des sonnigen Himmels betrachten. Oder der Pole Edward, der den Autor spontan an den Ort fährt, an dem einst der Luftwaffenstützpunkt des Vaters lag - und der ungefragt berichtet, dass sein eigener Vater auch nie vom Krieg erzählen wollte.

infobox: "Winterlied", Dokumentarhörspiel, Regie und Buch: Jochen Langner, Dramaturgie: Sabine Küchler (DLF, 24.1.26, 20.05-21.20 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 02.02.2026 09:45

Alexander Matzkeit

Schlagworte: Medien, Radio, Kritik, Kritik.(Radio), KDLF, Hörspiel, Winterlied, Langner, Matzkeit, ema

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