03.02.2026 10:55
Der Dokumentarfilm "Der Plünderer" auf Arte/BR
epd Der Kunstraub der Nazis ist ein in den Medien häufig aufgegriffenes Thema. So erzählt der starbesetzte Hollywoodfilm "The Monuments Men" von einer US-Einheit, die von NS-Schergen requirierte Kunstschätze aufspürte. Auch die Affäre um Cornelius Gurlitt, in dessen Sammlung sich Nazi-Beutekunst befand, wurde prominent verfilmt von Dominik Graf. 80 Jahre nach Kriegsende sollte dieses Thema eigentlich keine großen Überraschungen mehr bergen. Doch mit seinem Porträt des - nicht zufällig - eher unbekannten NS-Kunsträubers Bruno Lohse schlägt der preisgekrönte britische Filmemacher Hugo McGregor ein Kapitel der NS-Geschichte auf, das ein bislang ungeahntes Ausmaß des Geschäfts mit erbeuteten Gemälden aus jüdischem Besitz verdeutlicht.
Ausführlich zu Wort kommt der US-amerikanische Provenienzforscher Jonathan Petropoulos, der mit seinem Buch "Plunderer: The Life and Times of a Nazi Art Thief" von 2024 maßgeblich dazu beitrug, dass die komplex verzweigten Geschäfte des im Verborgenen agierenden Kunsträubers überhaupt ans Licht kamen. Es war, so verdeutlicht der Film, ein Anruf von Hermann Göring, der das Leben des bis dahin völlig bedeutungslosen Kunsthistorikers Lohse prägte. Der mächtigste Mann neben Hitler ernannte ihn 1941 zum stellvertretenden Direktor der nationalsozialistischen Kunstrauborganisation "Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg" (ERR) in Paris.
Als rechte Hand des Reichsmarschalls wurde Lohse, der vor Kriegsausbruch "ein Niemand" war, zum eigentlichen Organisator der systematischen Plünderung kostbarer Gemälde aus jüdischem Privatbesitz. Beklemmende Anekdoten verdeutlichen, wie dieser akribische Schreibtischtäter das Aufspüren, Katalogisieren und Abtransportieren bedeutender Bilder mit derselben industriellen Effizienz verrichtete, wie die Massenvernichtung von Menschen in KZs betrieben wurde. Es wurde "die gleiche Methode wie beim Holocaust" angewandt.
Um die weitreichenden Folgen dieser Methode transparent zu machen, verknüpft der Film eine Analyse des Kunstmarktes nach dem Zweiten Weltkrieg mit Einzelschicksalen. Zu Wort kommen dabei unter anderem die Juden Simon und Mary Goodman, deren holländischer Großvater Friedrich wertvolle Gemälde unter anderem von Cranach, Botticelli und Baldung Grien an Nazis "verkaufen" musste. Der Zug in die Freiheit, der ihm als Gegenleistung versprochen wurde, fuhr aber nicht nach Florenz, sondern nach Theresienstadt: auch an dieser Verquickung von Kunst und Gas hatte Lohse Mitschuld.
Bislang kaum dargestellt wurden zudem jene wirtschaftlichen Dynamiken, die durch den Kunst-Raubzug ausgelöst wurden. Da die Nazis Erzeugnisse der Moderne bekanntlich als "entartet" brandmarkten - deren Werke aber einen erheblichen Marktwert hatten -, nutzte Lohse sie, um beispielsweise einen den Nazis genehmen alten Meister gegen fünf Matisses zu verschleudern. Da Händler diese modernen Gemälde für ein Vielfaches weiter veräußern konnten, wurde so der Kunstmarkt weitgehend verzerrt. Da, wie der Film verdeutlicht, eine Vielzahl bedeutender Museen in den USA erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden, konnte Lohse deren Hunger nach bedeutenden europäischen Gemälden als unsichtbarer Vermittler stillen. Durch ein Netz von Stiftungen tarnte er diese Geschäfte so perfekt, dass erst durch gegenwärtige Provenienzforschung einige Spuren bis zu ihm verfolgt werden konnten.
Eingerahmt wird der Film von einem Tonbandgespräch sowie einem gefilmten Interview, das Petropoulos mit dem Kunsträuber führte, der erst 2007 im biblischen Alter von 95 Jahren verstarb. Es verdichtet sich so das Bild eines selbstgefälligen Untoten, der in einem Schweizer Banksafe Dutzende von Meisterwerken hortete. Petropoulos‘ Erinnerungen werden mit dezenten Cartoons illustriert, die zeigen wie Lohse - der "großen Wert auf seinen Doktortitel" legte - sich als Pseudo-Aristokrat mit Chauffeur inszeniert.
Auf die Frage nach seiner Verantwortung singt Lohse auf Französisch "Je ne regrette rien". "Der Plünderer" ist ein unaufgeregter, akribisch argumentierender Film, der einen fassungslos zurücklässt.
infobox: "Der Plünderer", Dokumentarfilm, Buch und Regie: Hugo McGregor, Kamera: Axel Baumann, Kev Robertson, Patric Acum u.a., Produktion: Living Memory Produktions/The Wnet Group (Arte/BR, 27.1.26, 21.50-22.35 Uhr und in den Mediatheken)
Zuerst veröffentlicht 03.02.2026 11:55
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), DKArte, KBR, McGregor, Riepe, Dokumentarfilm, ema
zur Startseite von epd medien