04.02.2026 08:02
Ein epd-Interview mit Gudrun Engel
Wie hat sich für Sie und das ARD-Studio in Washington seit dem Beginn der neuen Amtszeit von Trump die Berichterstattung aus den USA verändert?
Gudrun Engel: Es ist sehr intensiv. Es ist sehr fordernd und anstrengend. Es gibt sehr viel mehr Unsicherheiten, auf uns kommen neue Herausforderungen zu, die sich nicht nur auf die Inhalte beziehen, auf die wir uns ja eigentlich konzentrieren wollen.
Wie steht es um den Zugang zu den Briefings im Weißen Haus für die Berichterstattung?
Wir haben eine stehende Akkreditierung, das nennt sich "hard pass". Ich habe als Studioleiterin einen Zugang, außerdem unsere Chefproducerin und ein Kameramann. Wir haben aber im Laufe des Jahres neue Kolleginnen und Kollegen bekommen, vor allem im Audiobereich, die keinen Zugang bekommen haben. Das ist ein bisschen wie in Moskau: Diejenigen, die eine Akkreditierung haben, behalten sie, aber wir kriegen keine neuen dazu. Man hat uns schon mehrfach damit gedroht, dass wir den Zugang verlieren könnten, weil man die Plätze braucht für neue Medien, also für Podcaster oder andere Kollegen, die neu dabei sind. Es gibt viele Fernsehsender, die früher nie aus dem Weißen Haus berichtet haben wie Lindell TV, ein Online-Sender eines Millionärs und Trump-Unterstützers, oder andere private Sender. Bei Pressekonferenzen bekommt jetzt manchmal ein Influencer die erste Frage. Deswegen braucht man die Plätze und sagt uns, dem sogenannten Establishment, dass man uns eventuell die Plätze wegnimmt.
Wird Ihnen auch gedroht: Wenn Sie nicht in unserem Sinne berichten, nehmen wir Ihnen die Akkreditierung weg?
Nein, das haben wir noch nicht gehört. Das ist subtiler.
Es gibt eine sehr große Solidarität unter Kolleginnen und Kollegen, aber auch eine gewisse Hilflosigkeit.
Der Umgang des Präsidenten Donald Trump mit Journalisten und vor allem mit Journalistinnen ist berüchtigt. Er nennt die Medien "Fake News" und hat Journalisten häufig beleidigt oder gemaßregelt. Ist Ihnen persönlich das auch schon passiert?
Nein. Aber wenn man im Raum anwesend ist, wenn es passiert, macht das was mit einem. Es gibt eine sehr große Solidarität unter den Kolleginnen und Kollegen, aber auch eine gewisse Hilflosigkeit. Wir versuchen gegenzuhalten, wir sind solidarisch, aber wenn so eine Attacke kommt, dass jemand "Piggy" genannt wird oder dass gesagt wird, "you’re ugly, not only on the inside, your character, you're ugly outside (…)", das ist einfach nur unangenehm und macht einen ratlos. Man wird übrigens nicht nur von Donald Trump so beschimpft, seine Sprecherin ist auch nicht besser.
Wie äußert sich die Solidarität, von der Sie gesprochen haben?
Ich bin Mitglied im White House Press Corps, wir sind über diese Fragen in engem Austausch. Als die Kollegen der Nachrichtenagentur Associated Press den Zugang zum Oval Office verloren haben, weil sie den Golf von Mexiko nicht "Golf von Amerika" nennen wollten, haben wir uns überlegt, ob wir sagen, wir gehen als Medien geschlossen nicht zur nächsten Pressekonferenz, wir machen einen Boykott. Aber wir haben uns entschlossen, das nicht zu tun. Denn wir haben gesehen, dass Sender wie Bibel TV und die Influencer trotzdem hingehen und wir Trump damit in die Karten spielen würden. Wir würden genau das tun, was er will. Er hätte dann den Anlass zu sagen: Schaut euch das an, die berichten jetzt sogar, ohne dass sie da sind.
Es ist verrückt, wie sich in der Gesamtheit der Gesellschaft die Wahrnehmung verschoben hat.
Das ist klassisches Mobbing…
Bullying ist wieder salonfähig, seit Trump wieder im Amt ist. Das richtet sich gegen jeden, nicht nur gegen die Medien. Die Verrohung von Sprache, das öffentliche Beschimpfen von Menschen, das Herabwürdigen erleben wir seit einem Jahr. Wir sind als etablierte Medien "the enemy oft he people", das ist hart in einer Demokratie, aber wir erleben ja auch, dass er Migranten als "Müll" bezeichnet oder als "Tiere". Wir sind nur eine Gruppe unter vielen. Es ist verrückt, wie sich in der Gesamtheit der Gesellschaft die Wahrnehmung verschoben hat.
Medien als "Feinde des Volkes". Gibt es Protestnoten, wenn einzelne Journalisten beleidigt werden?
Regelmäßig. Wir hatten kürzlich den Fall eines britischen Journalisten, der von Sprecherin Karoline Leavitt angegangen wurde. Über die White House Correspondents' Association gibt es regelmäßig Hinweise, dass wir uns dagegen verwahren, dass Zugänge beschränkt werden. Es gibt eine weitestgehende Solidarität unter den Kollegen, wir machen regelmäßig Eingaben, in denen wir darauf hinweisen, dass wir diese Art der Behandlung ablehnen.
Wir diskutieren regelmäßig, ob da eine Schere im Kopf entsteht.
Beim Pentagon haben vor einigen Monaten fast alle Journalisten aus Protest gegen neue Regeln des Verteidigungsministeriums ihre Büros verlassen.
Ja, da haben die Medien nicht mitgemacht. Sie wollten drastische Einschränkungen bei Zugängen, Quellen und der Berichterstattung nicht mittragen. Donald Trump kann zwar entscheiden, dass er den Verteidigungsminister Pete Hegseth jetzt Kriegsminister nennt, aber wir machen da nicht mit. In der Berichterstattung ist er immer noch der Verteidigungsminister und das Pentagon ist das Verteidigungsministerium. Wir diskutieren natürlich in unseren Redaktionskonferenzen regelmäßig darüber, ob sich durch den Druck etwas verändert, ob da eine Schere im Kopf entsteht. Aber wir haben nicht den Eindruck. Wir haben unsere journalistischen Standards, wir haben Haltung und Rückgrat und wir haben die Unterstützung von unseren Sendern zu Hause.
Was hat denn die Aktion der Journalisten bewirkt, als sie das Pentagon verlassen haben? Die Regierung ist deswegen nicht zurückgerudert. Sind Sie jetzt von bestimmten Informationen abgeschnitten?
Wir als ARD waren ohnehin selten im Pentagon, weil das bis zu dem Zeitpunkt, als die Militäroperationen losgingen, nicht so sehr im Fokus war. Für uns ist der Fokus das Weiße Haus und der Kongress. Insgesamt spielt es aber natürlich der Regierung in die Hände, dass alle gegangen sind. Jetzt haben sie Maduro über Nacht aus Venezuela verschleppt und sagen, sie erwägen einen Schlag im Iran… Solche Dinge werden jetzt nicht mehr eng von Journalisten im Verteidigungsministerium vor Ort begleitet. Der Zugang zu Informanten ist dadurch schwieriger geworden. Wenn man im Pentagon ist und dort über die Flure geht, findet man leichter Informanten. Es ist im Pentagon nicht mehr möglich, das Ohr auf die Schiene zu legen, im Kongress oder im Weißen Haus funktioniert das aber noch. Gemischte Bilanz.
In unserer Berichterstattung haben wir nichts verändert.
Trump schüchtert die Medien auch mit seinen Klageandrohungen ein. Haben Sie den Eindruck, dass die US-amerikanischen Medien sich davon beeindrucken lassen und in seiner zweiten Amtszeit zurückhaltender berichten?
Bei den meisten Nachrichtensendern oder Nachrichtenportalen habe ich nicht das Gefühl. Da habe ich eher den Eindruck eines "Jetzt erst recht". Als auf der offiziellen Seite des Weißen Hauses die "Pranger-Seite" für Medien eingeführt wurde, haben alle gesagt, sie wollen da drauf. Da waren natürlich erst einmal nur Amerikaner und die BBC drauf, die eher im Fokus ist, weil sie auf Englisch berichtet. Für die Amerikaner spielen wir als deutsches Medium nicht so eine große Rolle, die wollen vor allem zu ihren Wählerinnen und Wählern sprechen. Aber ich habe den Eindruck, dass alle das mit großer Gelassenheit tragen und sagen, es ist eher ein Qualitätsmerkmal, wenn sie etwas gemacht haben, das die Administration so aufbringt, dass sie an den Medien-Pranger gestellt werden. Für die Nachrichtenmedien würde ich das also ausschließen. Anders ist das im Entertainment-Bereich - denken Sie an Jimmy Kimmel oder die Angriffe von Trump auf Jimmy Fallon. Da wird dann gesagt, da überprüfen wir doch mal die Lizenz der Anbieter.
"Galerie der Schande" nennt die Regierung die Seite, die sie da eingerichtet hat. Hat die Klage von Trump gegen die BBC auch bei den ausländischen Medien noch einmal für Beunruhigung gesorgt? Lassen Sie Ihre Berichte jetzt noch sorgfältiger überprüfen, möglicherweise auch von Juristen, bevor Sie auf Sendung gehen?
Ich bin ja fast täglich live auf dem Sender und bei meinen Aufsagern muss ich unter enormem Zeitdruck die richtige Einschätzung und den richtigen Ton treffen. In unserer Berichterstattung haben wir nichts verändert, wir hatten schon immer sehr hohe Standards. Wir haben bei unseren Zulieferungen für "Tagesschau" und "Tagesthemen" ein Sechs-Augen-Prinzip. Bei Dokus hatten wir schon immer eine juristische Begleitung, aber vielleicht sind wir an der einen oder anderen Stelle noch eine Spur aufmerksamer.
Meine Aufgabe ist, zu sagen, was ist und nicht zu sagen, wie ich es finde.
Sind Sie selbst in der Live-Berichterstattung vorsichtiger geworden? Verkneifen Sie sich manchmal den einen oder anderen Kommentar?
Nein. Ich bin bekannt dafür, dass ich sehr direkt und sehr klar formuliere. Meine Aufgabe ist zu sagen, was ist, und nicht zu sagen, wie ich es finde oder was andere denken sollen. Meine Aufgabe ist, zu erklären, zu analysieren und einzuschätzen.
In der ersten Amtszeit von Trump hatte der frühere Kommunikationsberater von Donald Trump, Steve Bannon, die Devise ausgegeben: "Flood the zone with shit." In den vergangenen Monaten konnte man beobachten, dass es Trump in seiner zweiten Amtszeit noch besser gelingt, die Medien mit ständig neuen Themen und manchmal wirklich abstrusen Dekreten beschäftigt zu halten.
Wenn ich auf die vergangenen Wochen schaue, haben wir über den Iran berichtet, über Venezuela, über Grönland… Ich habe aber nicht darüber gesprochen, dass es einen "travel ban" gibt für 75 Länder, von denen 15 an der Fußball-WM im Sommer teilnehmen. Wie soll das gehen? Ich habe nicht darüber gesprochen, dass es eine Anklage gibt gegen den Notenbankchef und eine Solidaritätsadresse von zwölf internationalen Notenbankchefs. Für mich ist die große Herausforderung im Moment, jeden Morgen zu überblicken, was für meine Zuschauer, meine Userinnen im Netz relevant ist, um in diesem Irrsinn an Themenflut das zu transportieren, was man idealerweise in Europa, in Deutschland wissen sollte. Die große Herausforderung ist nicht, was lasse ich weg, damit ich niemanden erzürne. Die große Herausforderung ist: Was lasse ich weg, ohne dass etwas Wichtiges hinten runterfällt. In der ersten Amtszeit hat es eine Weile gedauert, bis das Prinzip "Flood the zone…" gut funktioniert hat. Aber als es dann lief, wurde es konkret für die zweite Amtszeit als Strategie benannt.
Wenn man hier fünf Jahre lebt, hat man ganz anderen Zugang zu Quellen.
Das US-amerikanische Heimatschutzministerium hatte im September vorgeschlagen, die Visa für Journalisten zu verkürzen. Bisher wurden die Visa für fünf Jahre vergeben, künftig sollen sie auf 240 Tage verkürzt werden. Was ist aus diesem Vorschlag geworden?
Den Vorschlag gibt es nach wie vor und wir halten da die Ohren offen. Es gab verschiedene Initiativen, es gab einen Brief der Intendanten, wir sind in engem Austausch mit dem Auswärtigen Amt und der Deutschen Botschaft. Die Gefahr, dass das kommt, ist real. Das hätte für uns massive Auswirkungen auf die Berichterstattung auf verschiedenen Ebenen. Wenn man hier fünf Jahre lebt, hat man natürlich ganz anderen Zugang zu Quellen. Wenn man länger hier ist, kann man viel besser Kontakte knüpfen und Zusammenhänge herstellen. Und es hat noch einen Effekt auf einer anderen Ebene: Wir sind ein großes, bunt gemischtes, diverses Team. Manche ziehen mit ihrer ganzen Familie hierher. Wenn man nur für acht Monate irgendwo hingeht, zieht man nicht eine vierköpfige Familie um. Wer soll uns einen Mietvertrag geben für acht Monate? Inhaltlich wäre es ein Desaster, aber es gibt auch logistische Herausforderungen, denen wir uns dann stellen müssten. Es gab mehr als 16.000 Einsprüche gegen diesen Vorschlag, aber wir wissen aus dem US-Außenministerium und auch aus dem Ministerium für Homeland Security, dass die Administration nach wie vor an diesem Plan festhalten möchte. Die Wahrscheinlichkeit, dass es so kommt, ist also groß. Das beunruhigt uns natürlich.
Die Regierung von Trump führt oft die Meinungs- und Pressefreiheit im Mund. Der amerikanische Vizepräsident J. D. Vance hat im vergangenen Jahr auf der Münchner Sicherheitskonferenz den Europäern Defizite in Sachen Meinungsfreiheit vorgeworfen. Doch wie sich die US-Regierung verhält, ist ein massiver Angriff auf die Pressefreiheit. Gibt es einen Hebel, über internationale Organisationen oder Menschenrechtsorganisationen zu protestieren? Könnten die amerikanischen Medien klagen, wenn sie von Informationen abgeschnitten oder ferngehalten werden?
Wie gesagt: Die Grundhaltung ist, dass wir etablierten Medien "the enemy of the people" sind, aber das ist nicht nur ein amerikanisches Problem. Meinungsfreiheit wird in den USA noch viel weiter gefasst als in Deutschland, aber die Definition von Meinungsfreiheit liegt im Auge des Betrachters. Ich glaube nicht, dass sich die Haltung dazu ändern wird. Ich glaube auch nicht, dass jemand Einfluss darauf hat. Aber Donald Trump ist kein Ideologe. Ihm geht es darum, wie er sich selbst inszenieren kann. J. D. Vance, Pete Hegseth oder Stephen Miller, der Homeland Security Advisor - das sind Ideologen. Wenn wir mit Blick auf die Frage, was nach Trump kommt, auf J. D. Vance gucken, halte ich ihn für noch gefährlicher. Ich denke, es gibt in der Administration andere Menschen, die sehr viel strategischer als Trump ein Interesse daran haben, die Medien zu behindern oder auszuschalten.
infobox: Gudrun Engel (46) leitet seit Juli 2022 das ARD-Studio in Washington. Davor arbeitete sie beim WDR als Reporterin für "Tagesschau" und "Tagesthemen" sowie das "ARD-Morgenmagazin" und den "Weltspiegel". Von 2019 bis 2022 war sie Korrespondentin im ARD-Europastudio Brüssel mit den Schwerpunkten Europäische Union und Nato.
dir
Zuerst veröffentlicht 04.02.2026 09:02
Schlagworte: Medien, USA, Berichterstattung, Engel, WDR, ARD, Engel Roether
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