Eigenwillige Moral - epd medien

04.02.2026 09:04

Die vier Freundinnen Inès, Doris, Christiane und Miriam fielen schon in der ersten Staffel der österreichisch-deutschen Koproduktion "Tage, die es nicht gab", durch ihre eigenwilligen Moralvorstellungen auf. Auch in der zweiten Staffel betrügen sie sich und andere.

"Tage, die es nicht gab" geht in die zweite Staffel

Major Elfriede Grünberger (Sissy Höferer, rechts) ist zwar eigentlich im Ruhestand, ermittelt aber trotzdem wieder wegen ungeklärter Todesfälle in Zollberg. Christiane (Franziska Hackl, links) hat ein Geheimnis.

epd Die vier Prosecco-Trinkerinnen aus Zollberg, der reichsten Salzburger Gemeinde, sind zurück. Mit mehr Geheimnissen, Nöten, Kämpfen, Enttäuschungen mit Männern und Kindern und der bleibenden Einsicht, dass sie sich im Leben zwar nicht auf sich selbst verlassen können, aber aufeinander. Dieses Mal kriselt es allerdings auch unter den Freundinnen vorübergehend, denn es gibt hier offenbar eine eigenwillige Moralskala.

Betrug zweiter Klasse, das sind Betrügereien, um sich materielle Vorteile zu verschaffen in einer Welt, in der die Reichen reich sind, weil sie keinen Anstand haben. Betrügereien erster Klasse, sind die, die sie einander verschwiegen, die aber bitter nötig sind. Etwa das, was Inès (Jasmin Gerat) an der Schule getan hat für ihren schwer drogenabhängigen Sohn Olivier (Etienne Halsdorf).

Ungeklärte Todesfälle

Milieu und Ambiente sind geblieben, die Ermittlungen sind neu. Wieder gibt es ungeklärte Todesfälle in Zollberg, wieder ermitteln Elfriede Grünberger (Sissy Höferer) und Lukas Leodolter (Tobias Resch) als ungleiches Duo mit staubtrockenem Sprachwitz, der gemeinhin auch als wienerisch bezeichnet wird, und unter Einsatz von sehr viel Kuchen und einigen Flaschen Wein.

Wieder gibt es acht Folgen, die sich trotz ständiger dramatischer Verschiebungen der hässlichen Gemengelagen und moralischen Zuordnungen bisweilen arg ziehen, denn hier wird Zeit mal gedehnt, mal mit Zeitsprüngen und Rückblenden gespielt, was zu gewollter Unübersichtlichkeit führt (Schnitt: Manuel Reidinger und Benedikt Rubey).

Zähe Kleinteiligkeit

Wieder und wieder wundert man sich über die zähe Kleinteiligkeit und die nicht abreißende Suada der Belanglosigkeiten und Wichtigkeiten. Wer sich darauf einlassen kann, wer in der Behandlung der Zeit in "Tage, die es nicht gab" besondere Raffinesse sehen kann, wird das als Meta-Ebene goutieren können. Man könnte aber auch meinen, dass sich hier Prätention zeigt, die mehr und Tieferes vorgibt, als Handlung und Charaktere hergeben. Eine Art Blendung, die den Hauptfiguren ebenfalls eingeschrieben scheint und diese gestalterisch reflektiert. Sind wir damit schon auf der Meta-Ebene der Metafiktion?

In der ersten Staffel, 2023 mit großem Zuschauerzuspruch ausgestrahlt, war der Tod des sadistischen Elitegymnasium-Schulleiters Paulitz (Harald Krassnitzer) Auslöser der Nachforschungen und Enthüllungen. Das "Sophianum", eine Art dunkles Hogwarts, war wichtiger Schauplatz. In der zweiten Staffel ist es eher mittelwichtiger Katalysator. Die vier Lebensfreundinnen Inès (Gerat), Doris (Diana Amft), Christiane (Franziska Hackl) und Miriam (Franziska Weisz), alle nun erwachsene Frauen mit Kindern und Männern, hatten als Schülerinnen auf diesem Gymnasium einen Überlebenspakt geschlossen und geschworen, ihre Kinder auf keinen Fall dem Gesinnungsterror und anderen schlimmen Erniedrigungen dieser Anstalt auszusetzen. Ein Versprechen, das sie brachen, denn natürlich gehen ihre Kinder auf diese Schule.

Gefühlte Zeit

In Staffel 1 stürzte sich Christianes Sohn mit tödlichen Folgen aus dem Fenster des Gymnasiums, drei Tage später starb Paulitz, der spektakulär eine Staudammmauer hinunterstürzte. Selbstmord? Das dachten die meisten drei Jahre lang, dann setzten die Ermittlungen ein, die zu einer Mörderin führten. Die erste Staffel endete mit Doris' Ausscheiden aus der Familienspedition, dominiert von der herrischen Chefin und Mutter (Jutta Speidel), mit Staatsanwältin Miriams Entlastung und der Entfernung ihres Mannes Joachim (Andreas Lust) aus dem Richteramt, mit Christianes Plan, aus Zollberg wegzuziehen und damit, dass Inès ihren Sohnes Olivier verstieß.

Was wann wie genau geschah, könnte in diesen Zeilen etwas durcheinandergeraten sein, denn eines der bestimmenden Gestaltungsmotive der Serie ist wie gesagt ein kreativer Umgang mit der chronologischen Sicht der Zeit als Ablauf von Geschehnissen. Christiane ist jedenfalls immer noch in Zollberg.

Die gefühlte Zeit mit ihrer Definition von Erinnerung als "Tage, die es nicht gab" - so besprechen es hier zwei Hauptfiguren beim Stelldichein in einer Klamm, die als visueller Ankerort nun den Staudamm der ersten Staffel ablöst - sorgt wieder für Verschleierung. Wer hat wann was gewusst, verborgen, verbrochen?

Eine Gefahr für alle

Klar ist: Im Haus von Doris, die nun Chefin eines Wasserversorgungsunternehmens ist, und ihres Mannes, des TV-Starkochs Sebastian (Rick Kavanian), findet Tochter Sarah (Niobe Eckert) in ihrem Zimmer die übel zugerichtete Leiche von Emily (Paulina Hobratschk), einer unerschrockenen neuen Mitschülerin. Jede und jeder hat wieder Geheimnisse, vielleicht bis auf den fitnessgestählten Arvid (Mads Hjulmand), den neuen Freund von Miriam, der ihrem Ex-Mann Joachim ein Dorn im Auge ist.

Emily war eine Gefahr für alle, deckte Lebenslügen auf, demonstrierte gegen Doris' Unternehmen, ließ sich mit Olivier ein, verdrehte Christianes Mann Filip (Stefan Pohl) den Kopf. Schriftstellerin Christiane hat übrigens ein neues Baby, das vielleicht passend Novella heißt. Einzig Inès' Mann Etienne (Wanja Mues) scheint sich nicht mit Emily beschäftigt zu haben.

Luxusleben macht nicht glücklich

Als die pensionierte Major Grünewald samt Kuchen anreist, um Leodolter zu unterstützen, der es inzwischen zum Bezirkszuständigen gebracht hat, nimmt der Ermittlungsteil des Lifestyle-Dramas Fahrt auf. Immer wieder treffen sich die vier Freundinnen zum "Jour Fixe", trinken Prosecco in Mengen, fühlen sich entweder nicht gesehen oder unter Wert verkauft, von ihren Männern hintergangen und von ihren Kindern enttäuscht.

Luxusleben macht eben nicht glücklich, im Gegenteil. Manches macht Spaß hier, vor allem das irrsinnig entspannte Spiel von Sissy Höferer und Tobias Resch. Vieles aber wird auf die Dauer von acht 45-minütigen Folgen fad. Es reicht eben nicht, den Wohlhabenden minutiös beim Reichsein und gewohnheitsmäßigen Betrügen zuzusehen.

infobox: "Tage, die es nicht gab", achtteilige zweite Staffel", Regie: Anna-Katharina Maier, Mirjam Unger, Buch: Mischa Zickler, Kamera: Josef Anton Mittendorfer, Sebastian Thaler, Produktion: MR Film (ARD-Mediathek/ORF/Degeto, seit 16.1.26, ARD, 4.2.26, 20.15-21.45 Uhr und 0.15-4.45 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 04.02.2026 10:04

Heike Hupertz

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KARD, KORF, Maier, Unger, Zickler, Hupertz

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