Wenn die Tote lächelt - epd medien

08.02.2026 10:10

In der neuen Folge der "Ingo-Thiel"-Reihe ermittelt Heino Ferch als Soko-Leiter in einem Fall ohne Spuren, Motiv oder Identität der Toten. Der Krimi schwankt zwischen winterlicher Melancholie und Venedig-Klischees. Trotz starker Ansätze verliert "Die Frau ohne Gesicht" die erzählerische Spannung, die einst das Markenzeichen dieser Reihe war, meint Heike Hupertz.

Neue Folge der ZDF-Krimireihe "Ingo Thiel"

Ingo Thiel (Heino Ferch) am Tatort

epd Die siebte Folge der Ermittlerkrimi-Reihe "Ingo Thiel" beginnt stimmungsvoll. Eine Frau läuft in fahler Wintersonne anscheinend unbeschwert barfuß am Strand. Am Ende wird Soko-Leiter Ingo Thiel (Heino Ferch) nach langwieriger, zäher und frustrierender Arbeit seines Teams an ebendiesem Strand stehen, genau wie zwei der Verdächtigen, von denen einer der Mörder ist. Ingo Thiel wird die Frau beobachten, die sich schließlich umdrehen und ihm ein zartes Lächeln der Dankbarkeit schenken wird, bevor sie davongeht, denn sie ist tot.

Sie ist die Ermordete, die Thiels Soko so lange Zeit beschäftigt hat. Er wird ihr mit einem halben, einem schiefen Lächeln antworten. Wieder wird er einen Fall durch Beharrlichkeit, Kombinationsgabe und Intuition gelöst haben, und durch konfrontative Härte im entscheidenden Moment. Einen Fall, der zunächst unlösbar schien, weil die Spuren im Sand verliefen.

Von einer Stimmungsszene zur nächsten

Dieses Mal hatte er es, anders als in vergangenen Folgen der seit 2017 bei Arte und im ZDF mit größeren Abständen ausgestrahlten Reihe, nicht mit tausenden Hinweisen zu tun, die von allerhand Spezialisten akribisch abgearbeitet werden mussten, bevor bei ihm, dem Chef, alle Fäden zusammen liefen. Fäden, die er in die Hand nahm und daraus in Vorträgen fürs Team ein dichtes Rekonstruktionsnetz knüpfen konnte. Diesmal hatte Thiel es mit einem unbekannten Opfer zu tun, das niemand identifizieren konnte. Ermittlungsansätze fehlten ebenso wie erkennbare Motive oder Hebelpunkte.

Von der ersten Stimmungsszene geht es zur nächsten. Morgendliche Novemberdunkelheit, eine abgelegene Landstraße im Wald, belegt mit Kopfsteinpflaster. Eine junge Frau im Auto, ein Schlag. Später sieht man sie im Auto in der Waschanlage, Rotes mischt sich mit dem Wasser Richtung Abfluss. Kein Dialog, erzählt wird über die Bilder. Der Ton und die "Farbe" dieses Krimis werden sich noch mehrfach ändern, bevor die letzte Szene das Ganze umklammert wie den finalen Versuch, ästhetische wie erzählerische Stimmigkeit in "Die Frau ohne Gesicht" zu bringen. Was nicht gelingt.

Als 2017 die erste "Ingo Thiel"-Folge ausgestrahlt wurde, war sie etwas Besonderes. Der "True-Crime"-Genre-Spielfilm steckte in den Kinderschuhen. In dieser Premiere mit dem Titel "Ein Kind wird gesucht" ging es um den wahren "Fall Mirco" und die mühseligen Ermittlungen, die zu seiner Lösung führten. Die Grundlage war das Sachbuch "Soko im Einsatz" des inzwischen verstorbenen echten Soko-Ermittlers Ingo Thiel. Besonders war in "Ein Kind wird gesucht" die realistisch wirkende, kleinteilig und frustrierend dargestellte Teamarbeit der Kripo, vom ebenfalls verstorbenen Regisseur Urs Egger mit präzisem Blick in Szene gesetzt.

Spurensuche in Venedig

Ferch, der lange keine ungebrochenen Heldenfiguren mehr spielt, konnte und kann man die dem echten Thiel nachgesagte verbissene Haltung gut abnehmen. Nun aber schreiben wir das Jahr 2026, und "True Crime" ist keine Neuigkeit mehr. Im Gegenteil, die Mode (oder Pest) der "True-Crimisierung" hat viele fiktionale Spannungsformate erfasst. Das allein würde die individuelle Stärke der "Ingo-Thiel"-Reihe nicht schmälern, höchstens ihre Vorreiter-Rolle herausstellen. Was aber Christine Hartmann hier bereitet, ist leider insgesamt weder spannend noch unterhaltsam noch in sich stringent.

Wochen nach dem Unfall der vom Unglücksort geflohenen Frau finden Arbeiter die nackte weibliche Leiche mit entstelltem Gesicht. Keine Vermisstenanzeige passt, kein DNA-Treffer ergibt sich, aber es gibt Reifenspuren verschiedener Fahrzeuge, die die Tote wie in Übertötungsabsicht mehrfach überrollt haben. Später finden Waldarbeiter glücklicherweise Kleidung, unter anderem eine besondere Lederjacke, die in Venedig verkauft wurde.

Ab in die "Serenissima" im Winter. Thiel tritt im italienischen Ableger von "XY ungelöst" mit einer dramaturgisch überagierenden Moderatorin Gloria Livore (Clelia Sarto) auf, ist sauer ob des "Kasperletheaters" und beißt bei einer Boutiquenverkäuferin auf Granit. Zum Glück ist Livores Mann Chef der Finanzpolizei. Alberto Livore (Anton Algrang) vernimmt nun nicht nur persönlich verschiedene Wissensträger und Verdächtige, er stellt auch Spurenträger her, rückt Übersichten über Finanzströme heraus und lässt die nach und nach vollzählig angerückte Soko im beeindruckenden Palazzo-Treppenhaus der Behörde Quartier beziehen. Alles ohne ein einziges offizielles Ersuchen.

Handlung voller Unwahrscheinlichkeiten

Man sieht Postkartenimpressionen von Venedig, klischeehafte Szenen, in denen die jetzt identifizierte Künstlertochter der Toten, Antonia (Janina Fautz), das Bild ihrer Mutter zerfetzt, oder den Ex-Mann der Toten, Stefano (Michele Cuciuffo), der sein Weinglas an der Wand zerschmettert.

Da auch "Die Frau ohne Gesicht" nach einer wahren Geschichte gebildet ist, muss man die Unwahrscheinlichkeiten der Handlung wohl glauben, die Ungelenkheit mancher schauspielerischer Darbietung entschuldigt das jedoch nicht. Am meisten aber leidet diese unzulängliche Folge daran, dass Stefan Krohmer im vergangenen Jahr mit "Spuren" einen fiktionalen "True-Crime"-Mehrteiler vorgelegt hat, der das Genre neu definiert und vermutlich für lange Zeit die Benchmark sein wird. Für den Mehrteiler gab es in diesem Jahre eine Grimme-Preis-Nominierung.

infobox: "Ingo Thiel - Die Frau ohne Gesicht", Regie und Buch: Christine Hartmann, Kamera: Peter Nix, Produktion: Lailaps Films (ZDF, 9.2.26, 20.15-21.45 Uhr und in der ZDF-Mediathek)



Zuerst veröffentlicht 08.02.2026 11:10

Heike Hupertz

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Hartmann

zur Startseite von epd medien