Experimenteller Schluss - epd medien

16.02.2026 09:02

Die Dokumentation "Hybrider Angriff - Wie Putin Europas Osten destabilisiert" ist eine aufwendige Produktion mit vielen guten Einfällen und kleinen Schwächen, meint René Martens.

Arte-Dokumentation "Hybrider Angriff"

epd Waleri Gerassimow ist Oberbefehlshaber der russischen Truppen im Krieg gegen die Ukraine. Aber Gerassimow ist nicht nur eine zentrale Figur in einem konventionellen Angriffskrieg, er ist auch Experte für hybride Kriegsführung. In seiner Eigenschaft als Chef des Generalstabes der russischen Armee erläuterte er 2013 in einem Beitrag für eine russische Militärfachzeitschrift, wie man mit "Spezial-Operationen" und durch die Stärkung einer "inneren Opposition" auf "gegnerischem Territorium eine permanente Einsatzfront aufbaut". Gerassimow plädiert in dem Beitrag auch für eine "Informationsbeeinflussung, deren Formen und Methoden ständig weiterentwickelt werden sollen".

Zu Beginn seiner Dokumentation "Hybrider Angriff - Wie Putin Europas Osten destabilisiert" geht Regisseur Konrad Szolajski auf diesen Artikel ein. Sein Film zeigt, wie Russland in den vergangenen Jahren im früheren sowjetischen Machtbereich Sabotageakte und Desinformationskampagnen nach den Vorgaben des obersten Militärführers umgesetzt hat.

Aufwendige Produktion

"Hybrider Angriff" ist ein sehr aufwendiger Film: Produktionsfirmen und Sender aus sechs Ländern sind beteiligt. Er ist angelegt als Mischung aus Roadmovie und Gesprächsfilm: Regisseur Szolajski und die ausführende Produzentin Małgorzata Prociak reisen unter anderem durch Polen, Tschechien und Bulgarien. Sie treffen Investigativjournalisten, die zu hybriden Attacken russischen Ursprungs recherchiert haben, sprechen mit einer Reihe mutmaßlicher russischer Einflussagenten und interviewen zahlreiche einst hochrangige Politiker. Ein Großteil der Interviews wurde 2023 geführt; fertiggestellt wurde die Dokumentation im Jahr 2024.

Der im schlechten Sinne nachhaltigste Angriff, den Szolajski schildert, war 2014 die von russischer Seite eingefädelte Veröffentlichung von teilweise politisch kompromittierenden Gesprächen zwischen Ministern der damaligen europafreundlichen Regierung in Polen. Die Politiker waren in einem Restaurant abgehört worden. Der "Newsweek Polska"-Redakteur Grzegorz Rzeczkowski sagt in dem Film, die Abhöraffäre habe dazu beigetragen, dass bei der darauffolgenden Wahl die konservative und europaskeptische PIS an die Macht gekommen sei.

Große Bögen

Frappant ist, wie sehr die russlandfreundlichen Gruppierungen in den verschiedenen osteuropäischen Ländern an rechte Organisationen in Deutschland erinnern. In Tschechien hetzen Corona-Impfgegner jetzt gegen Geflüchtete aus der Ukraine. Und bei einer prorussischen Demonstration in Bulgarien folgt auf ein Bekenntnis zum Kampf gegen die "Gender-Ideologie" schnell die Parole "Nato raus".

Am erhellendsten sind die kleinen und auch größeren Bögen, die einige der interviewten Politiker schlagen. Der bulgarische Ex-Präsident Rossen Plewneliew erläutert, warum es zwölf Jahre gedauert hat, bis wegen eines Anschlags auf ein Waffendepot einer bulgarischen Firma, die ein wichtiger Lieferant für die ukrainische Armee war, ein Haftbefehl gegen sechs russische Staatsbürger erlassen wurde.

Und die heute 88-jährige Vaira Vike-Freiberga, von 1999 bis 2007 Staatspräsidentin Lettlands, erkennt in Russlands hybrider Kriegsführung alte Muster: Die heutigen Strategen arbeiteten ähnlich wie die Geheimpolizei der Zaren und wie der sowjetische KGB, sagt sie.

Szene zu gestellt

Dass die Kamera nah dran ist an den Machern Szolajski und Prociak, tut dem Film in der Regel gut. Dieses Stilmittel verleiht ihm eine gut dosierte Lebendigkeit, die das Thema hybride Kriegsführung nicht zwingend hergibt. Wenn sich die beiden darüber unterhalten, was sie gerade herausgefunden haben, wirkt das aber sehr gestellt.

Um auf die Gefahr des Einsatzes von Deepfakes in der hybriden Kriegsführung hinzuweisen, entscheiden sich Szolajski und Prociak am Ende dafür, eine Künstliche Intelligenz ein Video erstellen zu lassen. Es zeigt einen Wladimir Putin, wie er die "große tapfere Nation" der Ukraine um "Vergebung" für den von ihm verantworteten Krieg bittet und seinen Rücktritt verkündet. So bekommt der Film einen experimentellen Schluss, der gut aufgeht.

infobox: "Hybrider Angriff - Wie Putin Europas Osten destabilisiert", Dokumentation, Regie und Buch: Konrad Szolajski, Kamera: Michael Slusarczyk, Produktion: ZK Studio (Arte/NDR, 3.2.26, 22.55-00.15 Uhr sowie in der Arte-Mediathek bis 3.5.26)



Zuerst veröffentlicht 16.02.2026 10:02 Letzte Änderung: 16.02.2026 10:24

René Martens

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), Internet, KArte, KNDR, Dokumentation, Szolajski, Prociak, Martens, ema, NEU

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