18.02.2026 07:55
Warum die Serie "Heated Rivalry" so viele Fans hat
epd Normalerweise werden Liebesgeschichten so erzählt: Ein Blick, eine Geste, und man ist verliebt. Was danach kommt, ist reine Magie: Ohne viel zu reden, versteht man sich blind. Beide haben dieselben Bedürfnisse, Wünsche und Erwartungen. Natürlich auch beim Sex. Die Gesten werden langsam und liebevoll inszeniert. Die Blicke sind tief und bedeutungsschwanger. Auch da: Reden, gar explizit über das Begehren, die Vorlieben - das stört nur bei dem Zauber, den Menschen, die füreinander bestimmt sind, von Anfang an fühlen. Soweit die Ideologie.
Ganz anders erzählt, realistischer, ist die kanadische Serie "Heated Rivalry" über zwei rivalisierende Profi-Eishockeyspieler, die sich ineinander verlieben. Seit dem 6. Februar ist die Serie des Regisseurs Jacob Tierney mit sechs Folgen bei HBO Max Deutschland zu sehen. Ästhetisch hat sie durchaus cineastische Anklänge: Zu Beginn fühlt man sich an "Eyes Wide Shut" erinnert, es gibt mitunter minutenlange Szenen, die ohne einen Schnitt auskommen. Weltweit hat die bemerkenswerte Serie eine große Fangemeinde und wird als popkulturelles Phänomen gehandelt.
Bei "Heated Rivalry" beginnt die Liebesgeschichte mit Sex. Ohne viel Hoffnung auf "etwas Großes". Was in vielen Szenen heraussticht, weil es für romantische Serien nicht selbstverständlich ist: "Consent ist King", wie es so schön heißt. Explizit sprechen die Hauptdarsteller Shane Hollander (Hudson Williams) und Ilya Rozanov (Connor Storrie) darüber, was man im Bett schon kennt, machen oder ausprobieren will. Es gibt kein Drängen, kein Überreden. Hat man sich darüber verständigt, geht’s zur Sache. Die Sex-Szenen zwischen Shane und Ilya sind in der Haltung sexpositiv und elektrisierend: Obwohl man bis auf nackte Oberkörper oder Beine gar nicht viel zu sehen bekommt, ist es vor allem die Intimität zwischen den beiden Hauptdarstellern, die außergewöhnlich gut gespielt ist.
"Das Große", also die romantische Liebe, kommt erst nach und nach, da gehen Jahre ins Land, andere Partner und Partnerinnen (Ilya ist bisexuell) kommen und gehen. Knapp vier Folgen lang schauen wir den beiden bei ihrer Affäre zu, und da werden selbst die Sex-Szenen etwas redundant. Bis zu der überraschenden Wende, als aus den Casual-Sex-Partnern Liebende werden. Regisseur Jacob Tierney inszeniert den Sex zwischen Shane und Ilya als eine besondere Form der Kommunikation zwischen zwei Menschen. "Heated Rivalry" ist also weder Soft-Porno, noch folgt die Serie den klassischen Regeln eines romantischen Dramas mit viel Kitsch.
Tierney hat eine Liebesgeschichte umgesetzt, in der das Publikum dabei zusehen darf, wie sich zwei Menschen miteinander auf Augenhöhe entwickeln: Aus Ilya und Shane werden emotional reife und verfügbare Beziehungsmenschen, die sich verletzlich zeigen und persönliche Krisen teilen. Das bedeutet für beide aber keinen Angriff auf ihre Männlichkeit oder das, was wir gemeinhin darunter verstehen. Sie können Gefühle zeigen, fürsorglich sein - und dabei zugleich verdammt hot. Kein Wunder, dass die Serie besonders bei Frauen gut ankommt, sind es doch vor allem sie, die in heterosexuellen Beziehungen die emotionale Arbeit leisten.
In sozialen Netzwerken hat das dazu geführt, dass die Serie Gegenstand zahlreicher Memes geworden ist - oft mit dem Tenor, dass heterosexuelle Männer nun Angst haben, ihre Partnerinnen an schwule Eishockey-Spieler zu verlieren. Wenn die Serie nur bei einem männlich sozialisierten Menschen Gewissheit darüber erreicht, dass Gefühle zu zeigen nicht an der Männlichkeit kratzt - es wäre viel gewonnen.
Dass auf die Serie mit Humor reagiert wird, spiegelt die Komik und den Witz derselben wider: Das übergeordnete Thema ist ernst (Homophobie und Ausgrenzung) und die Liebesgeschichte ist wahrhaftig erzählt, aber über den Dialogen liegt oft auch eine ambivalente Leichtigkeit und Verspieltheit. Die Serie will uns sagen: Das Leben hat seine Herausforderungen, aber nicht alles ist schwer - oder muss es zumindest nicht bleiben. "Heated Rivalry" will das Leben und die Liebe feiern - und das ist verdammt tröstlich.
Auch in Russland hat die Serie eine große Anhängerschaft. Dort wird sie illegal gestreamt. Ilya ist Russe, und in einer Szene beschreibt er eindrücklich, dass er, wenn er sich outen würde, niemals mehr nach Russland, wo seine Familie lebt, zurückkehren könnte. Ilya geht zwar selbstbewusst um mit seiner Bisexualität, muss die gesellschaftlichen Erwartung an ihn in Russland - eben nicht offen mit seiner Sexualität umzugehen - aber hinnehmen. Shane dagegen, Kanadier, aufgewachsen in einer liberalen Familie, kämpft eher gegen seine eigenen Dämonen.
Die Rolle des Shane ist zudem sehr divers konzipiert: Er ist asiatisch-kanadischer Herkunft und gilt als Vorbild für Jugendliche mit Migrationshintergrund, die eher selten in dem strukturell und historisch "weißen" Sport Eishockey zu sehen sind. Zudem hat er autistische Züge. Wie Hudson Williams dies verkörpert und woran man seine Neurodiversität erkennt - auch darüber gibt es viele Diskussionen in den sozialen Netzwerken und Feuilletons.
Es scheint, der Erfolg der Serie ist auch dem Umstand geschuldet, dass sehr viele, sehr unterschiedliche Menschen mit je eigenen Lebensmodellen daran anknüpfen können. Alle eint, dass die Fortsetzung der Serie mit Spannung erwartet wird. Zuletzt wurde verkündet, dass es eine zweite Staffel geben soll.
Copyright: epd-bild/Heike Lyding
Darstellung: Autorenbox
Text: Elisa Makowski ist Redakteurin von epd medien.
Zuerst veröffentlicht 18.02.2026 08:55
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Streaming, Kanada, Sport, gay, Sex, Liebe, Drama, Makowski, ema
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