19.02.2026 07:45
Ein epd-Interview mit Natalie Müller-Elmau
Der Reformstaatsvertrag für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist im Dezember in Kraft getreten. Darin steht: "In Abstimmung mit den beteiligten öffentlich-rechtlichen Veranstaltern sollen Inhalte des Vollprogramms 3sat in das Vollprogramm Arte und dessen Telemedienangebote (…) überführt werden." Was bedeutet das genau für 3sat?
Natalie Müller-Elmau: Im Grunde wurde der Ball an die Sender zurückgespielt, die darüber jetzt befinden müssen. Wir als 3sat haben vor gut einem Jahr eine Art Candy-Storm aus Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft sowie der Branche erfahren. Und wir haben das Gefühl, dass das bei der Politik zu einem Einsehen geführt hat. Vielleicht erinnern Sie sich an die Pressekonferenz, bei der Ministerpräsident Alexander Schweitzer gesagt hat, die Fusion ist vom Tisch. 3sat sendet also und wir sind guter Dinge. Aktuell verhandeln die Intendanten über das sogenannte Körbe-Modell und wir werden zu gegebener Zeit erfahren, was dabei herauskommt.
Sie sind guter Dinge, obwohl Sie nicht wissen, ob es 3sat nach 2033 noch geben wird als Fernsehkanal? Das Körbe-Modell bedeutet ja auch, dass Spartenkanäle abgeschafft werden sollen.
Wir stecken mitten im digitalen Wandel, dem wir uns mit großem Engagement stellen. Wer weiß, was 2033 ist, wie sich dann die Medienlandschaft darstellt. Wir gehen erst einmal davon aus, dass wir auch linear weitersenden. Dennoch ist die Digitalisierung auch für uns ein großes Thema, an dem wir stark arbeiten und natürlich sind wir auch mit den Kolleginnen und Kollegen von Arte im engen Austausch. Das waren wir übrigens schon immer. Wir sehen uns komplementär aufgestellt und versuchen, Dinge gemeinsam zu ermöglichen.
Ohne 3sat würden viele deutschsprachige Stimmen aus Kultur und Wissenschaft an Wahrnehmung verlieren.
Sie müssen jetzt also abwarten, was die Intendanten entscheiden ...
Ich glaube, das Feedback war eindeutig. Man hat gesehen, dass ein deutschsprachiger Kultursender seine Berechtigung hat und gesehen wird. Wir haben das Jahr 2025 mit einem Rekordmarktanteil von 1,5 Prozent abgeschlossen, das war der beste Marktanteil in der Sendergeschichte. Wir erreichen jeden Tag über fünf Millionen Menschen allein in Deutschland, hinzu kommen noch Österreich und die Schweiz.
Werden die Kooperationen mit Arte jetzt intensiviert? Gibt es Gespräche oder Überlegungen gemeinsame Sendereihen zu starten oder ein Magazin wie die "Kulturzeit" auch bei Arte zu machen?
Wie gesagt, wir sind im guten Austausch, aber wir sind ein deutschsprachiger Drei-Länder-Sender und Arte hat die deutsch-französische Ausrichtung mit der europäischen Perspektive. Ich glaube, in der Diskussion damals ist von unseren Partnern wie von Roland Weißmann, dem ORF-Generaldirektor, sehr klargemacht worden, wie wichtig die deutschsprachige Perspektive von 3sat als unverzichtbare Plattform für Kunst und Kultur und den politischen Diskurs in Europa ist. Ohne 3sat würden viele deutschsprachige Stimmen aus Kultur und Wissenschaft deutlich an Wahrnehmung verlieren.
Die Humorfarbe ist uns besonders wichtig.
Die Partnersender sind SRG und ORF. Es gab vor einem Jahr auch Gerüchte, die Schweizer SRG wolle sich aus 3sat zurückziehen. Wie sicher ist das Schweizer Engagement angesichts der sogenannten Halbierungsinitiative, über die es im März eine Volksabstimmung in der Schweiz geben soll? Was wird aus 3sat, wenn die SRG noch mehr sparen muss?
Wir sind in sehr engem Austausch mit den Schweizer Kolleginnen und Kollegen. Wir müssen abwarten, was die Schweizer Bürger entscheiden. Insgesamt ist die SRG jedoch ein sehr engagierter und starker Partner von 3sat, der auch für die Schweiz wichtig ist. Schweizer Filmemacherinnen und Filmemacher produzieren ausgesprochen gern für 3sat, weil der Sender ganz andere Verbreitungsmöglichkeiten mit viel größerer Resonanz bietet. Und die Schweizer Perspektive bereichert 3sat enorm. Ich persönlich bin beispielsweise großer Fan des Schweizer SRF-Korrespondenten Christof Franzen, der dort gerade als Journalist des Jahres ausgezeichnet wurde. Er hat für uns grandiose, sehr persönliche Reportagen über Russland und seine Nachbarn oder auch aus Ostdeutschland gemacht. Es ist erstaunlich, dass Christof Franzen als "neutraler" Schweizer tatsächlich ganz anders ins Gespräch kommt, auf viel offenere Menschen trifft. Und es freut mich, dass diese andere Perspektive auch von unserem Publikum goutiert wird. Die Dokumentation "Weiterleben in Putins Russland" hatte 800.000 Zuschauer bei 3sat. Das ist großartig für uns und wäre in der Schweiz eine Rekord-Reichweite.
Bei 3sat sind auch Sendungen zu sehen, die in der Schweiz oder in Österreich sehr beliebt sind wie "Willkommen Österreich" oder die Serie "Tschugger" aus der Schweiz. Warum zeigen Sie nicht noch mehr solche Sendungen?
Gerade die Humorfarbe ist uns besonders wichtig und wir bauen diese auch aus. Als ich vor sieben Jahren bei 3sat angefangen habe, habe ich festgestellt, dass Humor eigentlich nicht grenzüberschreitend ist, aber ich habe den Eindruck, dass sich da was bewegt. Beispielsweise der österreichische "Kabarettgipfel" erzielt inzwischen auch in Deutschland tolle Quoten bei 3sat. Vielleicht ist es ein positiver Globalisierungseffekt, dass wir Deutschsprachigen inzwischen immer mehr gemeinsam lachen können.
Untertiteln Sie solche Sendungen, damit alle sie verstehen?
Die Schweizer Partner untertiteln ihre Sendungen in 3sat, wenn notwendig, und in der Primetime arbeiten sie auch teilweise mit Voiceover. Wir bekommen viele Reaktionen von Leuten, die sagen: Bitte kein Voiceover, da dadurch der Charakter verändert wird, andere hingegen lesen nur ungern 45 Minuten durchgängig Untertitel.
Bei uns wurde der Etat nicht gekürzt.
Haben Sie manchmal das Gefühl, dass ARD und ZDF die Kultur an 3sat auslagern? Im Ersten oder im Zweiten sehe ich kaum noch gute Kulturdokumentationen.
Über das Hauptprogramm müssen andere reden. Als ZDF-Mitarbeiterin kann ich sagen, dass ich eine ungeheure Rückendeckung für 3sat empfinde. Für das ZDF ist 3sat als Kultur- und Wissenschaftssender enorm wichtig. Und auch mit Björn Wilhelm, dem Programmdirektor des BR, der für 3sat in der ARD zuständig ist, ist die Zusammenarbeit sehr wertschätzend. Was ich aber sagen kann: Es gibt zwar nirgends mehr Geld, aber bei uns wurde der Etat nicht gekürzt.
Laut dem Bericht der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten, der 2024 veröffentlicht wurde, lag ihr Etat damals bei etwas mehr 80 Millionen Euro, demnächst soll er auf knapp 90 Millionen Euro steigen. Sie haben gesagt, Sie arbeiten an der weiteren Digitalisierung. Ist es überhaupt sinnvoll, eine eigene Plattform aufzubauen oder wäre es nicht besser, hier von Anfang an mit Arte zu kooperieren?
Wir gehen erst einmal davon aus, dass wir in sieben Jahren noch linear senden. Der Tod des Linearen wird ja schon lange prognostiziert, aber auch heute triggert jede lineare Ausstrahlung eine Nutzung im Streaming. Die 3sat-Mediathek wird in diesem Jahr technisch vollumfänglich an das ZDF-Streaming-Portal angeglichen. Das ist für uns der nächste Schritt hin zur Plattform für öffentlich-rechtliche Kultur- und Wissenschaftsinhalte. Schon heute kuratieren wir die 3sat-Mediathek sehr gezielt für unsere Zielgruppe und verstehen uns für dieses Publikum als Einstieg in die öffentlich-rechtliche Programmvielfalt. Ein weiterer Vorteil des kompletten Beitritts zum öffentlich-rechtlichen Streaming-Portal ist, dass wir dann auch die Empfehlungssysteme und Algorithmen komplett nutzen können. Alles wird immer unübersichtlicher und wir bieten durch unsere konsequente Kuratierung Orientierung für unsere Zielgruppe.
Die Vielfalt macht uns aus, auch im Linearen.
Wäre es dann nicht sinnvoll, dass 3sat das Kulturportal ZDF Kultur übernähme?
Wir leben von der Vielfalt. Wir haben einen breiten Kulturbegriff. Wir müssen nicht zwischen ernster Kultur und Unterhaltung unterscheiden. Gesellschaftliche Phänomene werden bei uns genauso als Kultur wahrgenommen wie wissenschaftliche Dokumentationen. Wir haben sowohl die Klassik als auch das "Theatertreffen" mit herausragenden Inszenierungen, aber auch die Taylor-Swift-Dokumentation im Programm. Diese Vielfalt macht uns aus, auch im Linearen. Unsere Programmplaner haben eine große Meisterschaft entwickelt, die Menschen durch eine geschickte Programmplanung durch verschiedene Themen zu führen.
Arte soll nach dem Willen der Medienpolitik eine europäische Kulturplattform aufbauen. Engagieren Sie sich da auch?
Wir können, wenn wir uns an den richtigen Stellen zusammentun, einiges möglich machen, was einer von uns alleine nicht könnte.
Wir kooperieren mit Universitäten, fördern junge Filmemacher.
Kommen wir auf die Partner in der Kultur zu sprechen. Wir erleben in der Kultur derzeit ziemliche Kahlschläge, überall werden die Etats gekürzt. Gerade freie Initiativen wissen nicht mehr, wie sie sich finanzieren sollen. Ich vermute, 3sat ist da momentan sehr wichtig, damit die Kulturszene sichtbar bleibt, aber Sie können auch nicht all das auffangen, was ausfällt.
Nein, das können wir nicht. Wir haben unsere Schwerpunkte. Wir sind beim Dokumentarfilm stark engagiert, beim Kurzfilm, beim Theater und bei der Literatur. 3sat ist der ausstrahlende Sender der "Tage der deutschsprachigen Literatur", dem Bachmann-Wettbewerb. Wir sind fast die Einzigen, die den künstlerischen Autoren-Dokumentarfilm unterstützen. Die Nachwuchsförderung liegt uns am Herzen. Wir vergeben bei größeren Festivals Preise und kooperieren mit Universitäten, fördern junge Filmemacher. Beispielsweise mit unserer Reihe "KlassiXS", in der Studierende der Filmuniversität Babelsberg, Klassiker neu erzählen. Da entstehen faszinierende Kurzfilme, wie "Kruste" von Jens Kevin Georg auf der Basis von "Die Verwandlung" von Franz Kafka, für den er 2024 den Studenten-Oscar gewonnen hat. Ein anderes Beispiel für unsere Nachwuchsförderung ist unsere vielfach ausgezeichnete dokumentarische Kurzfilmreihe "Docu Me". Ich treffe immer wieder junge Filmemacher, die mir sagen: Ohne 3sat wäre es für sie deutlich schwerer.
3sat macht acht große Dokumentarfilme im Jahr ...
... als Kino-Koproduktionen für unseren wöchentlichen Dokumentarfilm-Sendeplatz. Dazu kommen noch weitere in Kurz- und Langform als Auftragsproduktionen oder Lizenz. Wie beispielsweise die "Die Unbeugsamen"-Reihe von Torsten Körner.
Wir stecken fast alles ins Programm, es gibt wenig Overhead.
Wie laufen die Kooperationen mit den Hochschulen?
Wir arbeiten mit der Hochschule für Film und Fernsehen in München, der Kunsthochschule für Medien (KHM) in Köln und der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Hierbei geht es - abgesehen von "KlassiXS" - ausnahmslos um den dokumentarischen Kurzfilm. Unsere Redakteure aus der Dokumentarfilmredaktion im ZDF begleiten dort Seminare und geben Hilfestellungen: Wie schreibe ich ein Drehbuch oder ein Exposé so, dass ich durchdringe.
Da arbeiten Sie mit dem ZDF zusammen?
3sat ist im ZDF komplett in die Strukturen des Hauses integriert. Sie kennen unseren Etat. Wir stecken fast alles ins Programm, es gibt wenig Overhead. Die Programme, die das ZDF für 3sat herstellt, werden grundsätzlich von den Hauptredaktionen des ZDF gemacht. Die 3sat-Sendung "Bosetti Late Night" kommt beispielsweise von der Hauptredaktion Show, die "Nano"-Wissenschaftsdokumentationen oder den Talk mit Alena Buyx und Stephanie Rohde betreut die Hauptredaktion Geschichte und Wissenschaft redaktionell für uns. Und unser großes Kulturangebot produziert die ZDF-Hauptredaktion Kultur für 3sat. "Nano" und die "Kulturzeit" sind Partnermagazine, die wir vom ZDF mit den Partnern ARD, ORF, SRF hier in Mainz realisieren. Sie sehen, wir sind innerhalb des ZDF schlank aufgestellt.
3sat ist ein gutes Beispiel, wie öffentlich-rechtliche Zusammenarbeit glücken kann.
Arbeiten Sie auch mit dem Kleinen Fernsehspiel des ZDF zusammen bei der Nachwuchsförderung?
Auch hier arbeiten wir Hand in Hand und schieben uns quasi die hoffnungsvollen Filmemacher hin und her, fördern sie gemeinsam.
Funktioniert die Zusammenarbeit mit der ARD genauso gut wie mit dem ZDF?
Wir müssen zum Glück nicht mit allen neun ARD-Anstalten reden, der BR hat die Koordination für 3sat innerhalb des ARD-Verbunds, daher reden wir nur mit dem BR, das macht es leichter. 3sat ist aus meiner Sicht ein gutes Beispiel, wie öffentlich-rechtliche Zusammenarbeit glücken kann.
Ich glaube, allen ist noch einmal klar geworden, was sie an uns haben.
Fühlen Sie sich als 3sat gestärkt durch den neuen Medienstaatsvertrag?
Am Ende ist es wahrscheinlich eine Stärkung, weil es eine Standortbestimmung provoziert hat. Als das Körbe-Modell aufkam, hatten wir nicht damit gerechnet, dass Sender, die den Kern des Auftrags erfüllen, überhaupt Thema sind. Das hatte uns wirklich überrascht. Aber letztendlich hat es etwas ausgelöst, ich habe den großen Rückhalt, den wir aus Kultur, Wissenschaft, der Branche und letztlich auch von unserem Publikum erfahren haben, erwähnt. Ich glaube, dadurch ist allen noch einmal klar geworden, was sie an uns haben.
Wie wird 3sat in fünf Jahren aussehen?
Das Digitale wird deutlich wichtiger sein. Ich glaube, dass wir durch unsere Drei-Länder-Inhalte und unseren klaren Fokus auf Kultur und Wissenschaft für das öffentlich-rechtliche Streaming-Netzwerk von großem Wert sein werden. Auch unsere gelernte Vielstimmigkeit kann in diesen Zeiten, in denen vieles auseinanderdriftet, für unsere Mutterhäuser bereichernd sein. Wir liefern den anderen Blick. Der Moderator Gert Scobel nannte den Auftrag von 3sat immer "Unterhaltung mit Erkenntnisgewinn". Ich bin fest davon überzeugt, dass wir damit genau richtig liegen.
dir
Zuerst veröffentlicht 19.02.2026 08:45
Schlagworte: Medien, Fernsehen, 3sat, Kultursender, Reformstaatsvertrag, Interview, Müller-Elmau, Roether
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