20.02.2026 08:45
Deutsche Krimiserie "Banksters" bei HBO Max
epd Keine zehn Filmminuten sind vergangen, als der Protagonist verhaftet wird. Yusuf Arslan (Eren M. Güvercin), 18-jähriger Berliner Bank-Azubi, kann bei einem Flutlicht-Fußballspiel gerade noch einen Foulelfmeter verwandeln, bevor die Polizei zugreift. Der ungeheuerliche Vorwurf: Der schmächtige Junge mit den wachen Augen soll für eine Reihe von Banküberfällen verantwortlich sein. Da der Zuschauer ihn zu diesem Zeitpunkt schon im Kinderzimmer mit 20.000 Euro in verschieden großen Scheinen hat hantieren sehen, erscheint der Verdacht allerdings nicht aus der Luft gegriffen.
"Banksters", die erste deutsche Originalserie des hierzulande noch recht neuen Streaminganbieters HBO Max, zieht ihre Spannung nicht aus der Frage, ob, sondern wie, mit wem und warum Yusuf Geldhäuser ausgeraubt hat. Und natürlich aus dem Rätsel, wer ihn womöglich verraten hat.
Mittels Rückblenden ("18 Monate vor der Verhaftung") blättert Drehbuchautor Bernd Lange die Vorgeschichte auf, tastet sich immer näher an das frei nach wahren Ereignissen erzählte Geschehen heran. Folge für Folge stellt er die Mitglieder der Banker-Gangster-Bande vor, erhellt ihr Beziehungsgeflecht, ihre Motivation und die einzelnen Taten. Und so sehr die Regisseure Gregor Schnitzler und Cüneyt Kaya dabei auf Actioneinlagen, Slow Motion und treibenden HipHop setzen, so sehr erweisen sich die sechs 45-minütigen Folgen doch auch als fesselnde Charakterstudien, als Drama um Herkunft, Identität und soziales Standing.
Da ist zum einen Yusuf selbst. Der jahrgangsbeste Abiturient mit der Durchschnittsnote 0,9 hat entdeckt, dass sein Baba Mohamed (Numan Acar), ein guter Koch, aber lausiger Geschäftsmann, mehr als 120.000 Euro Schulden angehäuft hat. Weil er dadurch zu Recht den familiären Zusammenhalt gefährdet sieht - Mutter Hanna (Britta Hammelstein) zieht aus, als sie davon erfährt -, schlägt der Hochbegabte ein Studienstipendium aus und beginnt eine Lehre zum Bankkaufmann. Als er dabei feststellt, dass sein für den Vater ausgearbeiteter Umschuldungsplan kein Gehör findet, er aber stattdessen türkischen "Landsleuten" Bausparverträge andrehen soll, ist er reif für die schiefe Bahn. "Das ganze System ist abgefuckt", stellt Yusuf fest, "auf legalem Weg komm ich nicht weiter".
Bei der Ausbildung trifft er auf den Bankersohn Malte (Merlin von Garnier), hinter dessen Aufschneider-Fassade sich ein Stotterer verbirgt, der mit kleinen Kreditkartenbetrügereien gegen die Demütigungen seines übermächtigen Vaters (Andreas Pietschmann) aufbegehrt. Und er stößt mit dem Hobby-Passfälscher Steven (Michelangelo Fortuzzi) zusammen, dessen Vater bei der Bundesdruckerei gearbeitet hat, bevor er an Bauchspeicheldrüsenkrebs verstarb und Stevens Mutter depressiv zurückließ. Die drei Außenseiter beschließen, sich zusammenzutun und ihr erworbenes Fachwissen über bankinterne Abläufe kriminell auszuschlachten. Zu diesem Ausgangstrio stößt später noch Melanie (Maria Dragus) - einfach, weil sie "mal was fühlen" will.
Man mag die menschelnde Motivationslage dieser Nerds mit Herz plakativ finden; man könnte der Produktion auch unterstellen, auf die Fangemeinde der Gangsterserie "4 Blocks" zu schielen, deren Vorgeschichte W&B Television im Herbst mit dem Achtteiler "4 Blocks: Zero" ebenfalls für HBO Max aufbereiten wird. Aber solche Einwände werden weggefegt von einem für sich einnehmenden Figuren-Ensemble und einem bestechend frischen Cast.
Anna Bardavelidze glänzt als Yusufs loyale Schwester Selda, die sich, während ihr Bruder in Untersuchungshaft sitzt, "draußen" um alles Nötige kümmert. Momo Ramadan, Sohn des hier als Executive Producer firmierenden Kida Khodr Ramadan, ist eine Schau als Yusufs kleiner Bruder, der als Einziger in der Familie in dessen Machenschaften eingeweiht war. Und Zoe Fürmann bringt als Maltes Schwester Charlotte, die sich zu Yusuf hingezogen fühlt, noch eine Prise Romantik in die Geschichte.
Eine tragikomische Note steuert dagegen das ermittelnde Polizisten-Duo bei: Der latent rassistische Kripo-Mann Kramer (David Ruland) hat sich derart in den Plan verbissen, Yusuf "weichzukochen", dass ihm der Blick für entscheidende Details verbaut ist, und die ihm zur Seite gestellte Kollegin (Lisa Hrdina) hat zwar eine ausgeprägtere Kombinationsgabe, kann sich aber gegen ihren schlichten Chef nicht durchsetzen. Köstlich, wie die beiden Selda observieren, um dann, kurz bevor diese sich mit Mittäterin Melanie trifft, einen harmlosen Studenten festzunehmen, der seine Angebetete mit dem Ratgeberbuch "Interkulturelle Beziehungen erfolgreich gestalten" beeindrucken wollte.
Alles in allem versprüht "Banksters" eine erzählerische Energie, wie sie auch die Serien "Kleo" oder "Die Wespe" ausstrahlten. Ein vielversprechender Auftakt für weitere deutsche Eigenproduktionen des US-Streaminganbieters.
infobox: "Banksters", sechsteilige Krimiserie, Regie: Gregor Schnitzler, Cüneyt Kaya, Buch: Bernd Lange, Kamera: Ralf Noack, Produktion: W&B Television (HBO Max, seit 20.2.26 jeweils freitags)
Zuerst veröffentlicht 20.02.2026 09:45
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Streaming, Kritik, Kritik.(Streaming), Krimiserie, Schnitzler, Kaya, Lange, Luley
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