24.02.2026 08:19
Podcast "Bin ich jetzt das Problem?" mit Annika Decker
epd Eine Autorin und eine Psychotherapeutin unterhalten sich über Lebenshilfe-Themen. Diesen Podcast muss es doch schon mal gegeben haben. Schließlich gehören Psychologie und mentale Gesundheit zu den dominanten Themen unserer Zeit. Die Podcast-Charts sind voll mit Psychologie-Persönlichkeiten wie Stefanie Stahl ("So bin ich eben") und Franca Cerutti ("Psychologie to go"). Und Frauen-Duos haben in der Podcast-Landschaft größtenteils zu den Männern aufgeschlossen - auch wenn man etwas länger suchen muss, bis man einen Podcast mit zwei Frauen findet, in dem nicht über True Crime oder das Leben als Influencerin gesprochen wird.
Aber es scheint, als sei es Audible mit "Bin ich jetzt das Problem?" tatsächlich gelungen, die letzte noch unbesetzte Nische in der Psycho-Podcast-Landschaft zu finden. Ein kleiner Alkoven zwischen dem sehr erfolgreichen schweizerischen Podcast "Beziehungskosmos" und dem gerade erst zurückgekehrten BR-Format "Die Lösung". In beiden sprechen ebenfalls Frauen mit Psychotherapeutinnen. Allerdings sind diese Frauen Journalistinnen.
Das ist das erste, was "Bin ich jetzt das Problem?" anders macht. Die Gesprächspartnerin der Fachfrau, in diesem Fall Coach und Therapeutin Miriam Junge, ist die Autorin Anika Decker. Bekannt wurde sie 2007 als Co-Autorin von Til Schweigers "Keinohrhasen" (für das Buch erstritt sie Jahre später eine Nachvergütung vor Gericht), später wechselte sie erst ins Regiefach, dann schrieb sie Romane, zuletzt "Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben".
Decker stellt sich im Gespräch selbst als Fallstudie zur Verfügung. Sie spricht über die "Galerie ihrer Ex-Freunde" (inzwischen ist sie zufrieden verheiratet), erzählt von unangenehmen Job-Erfahrungen (ohne Namen zu nennen) und dem lebenslangen Gefühl, als kreative Frau mit Ambitionen und großer Klappe "zu viel" zu sein. Miriam Junge, die auf ihrer Website gezielt "Führungskräfte, Gründer*innen, Unternehmer*innen, Künstler und Schauspieler" als Coaching-Klienten anspricht, scheint selbst einst Deckers Coach oder Therapeutin gewesen zu sein, bevor die beiden Frauen sich anfreundeten.
Junge (Jahrgang 1980) bringt genau wie Decker (Jahrgang 1975) schon ein bisschen Lebenserfahrung mit. Sie ist außerdem "Brigitte"-Kolumnistin, Buchautorin und "Brand Ambassador" für eine Meditations-App. Diese Kombi aus Beinahe-Prominenz, freundschaftlichem Gesprächsflow und medialer Souveränität macht die beiden zu idealen Co-Hosts.
Doch Audible hat sich als Hörbuchplattform noch einen weiteren Kniff einfallen lassen, denn "Bin ich jetzt das Problem?" ist ein interessanter Hybrid. Zu etwa zwei Dritteln ist er ein klassischer Laberpodcast, in dem zwei Menschen frei zu einem Thema assoziierend vor sich hin plaudern, inklusive freimütiger Abschweifungen und Anekdoten. Doch immer wieder spürt man die unsichtbare Hand eines zumindest grob umrissenen Skripts und der Regie von Miku Sophie Kühmel (selbst erfahrene Buchautorin), die das Projekt von vornherein (und vermutlich auch im Nachhinein) auf sechs halbstündige Folgen zu klar abgegrenzten Themen zusammengedampft hat.
In gewisser Weise ist dieser in sich abgeschlossene Gesprächspodcast ein Kunstgriff. Wer ihn von vorne bis hinten durchhört, folgt zwar nicht unbedingt einer linearen Dramaturgie - die Reihenfolge der Episoden ließe sich vermutlich austauschen -, hat am Ende aber doch mehr mitgenommen als sechs beliebige Folgen eines Psychologie-Podcasts. "Bin ich jetzt das Problem?" ist eine Art Lebenshilfe-Crashkurs für die wichtigsten Situationen, in denen man sich befinden kann: Liebe, Familie, Freundschaft, Arbeit, Selbstakzeptanz und Zukunftsplanung.
Dieser Crashkurs-Charakter bringt erwartbar Positives wie Negatives mit sich. Alle Ratschläge und Denkansätze, die Miriam Junge ins Gespräch einbringt, klingen vernünftig und lebensnah. Es gibt keine Versprechungen von Instant-Glücklichsein, es werden keine Studien zitiert und die Fachbegriffs-Dichte ist niedrig. Stattdessen gibt es kleine Coaching-Übungen, die zum Perspektivwechsel anregen, sprachliche Bilder ("ein Barometer entwickeln", ob es sich lohnt, in sozialen Situationen vollständig ehrlich zu sein) und Affirmationen wie "Ich bin immer genug, und niemals zu viel". Anika Decker outet sich als Mensch, der noch lange nicht am Ende seiner Reise angekommen ist - die parasoziale Beziehung, die sie anbietet, ist eher die einer Weggefährtin als eines Vorbilds.
Allerdings ist "Bin ich jetzt das Problem?" auch voll von in die Alltagssprache übergegangenem Therapie-Sprech wie "toxisch" und "gaslighting" und mündet häufig in Plattitüden wie der Aussage, man müsse sich "nur" selbst akzeptieren, dann würde man auch bei der Partnerwahl weniger danebenliegen. Also eher Unterhaltung mit ein bisschen Coaching als umgekehrt.
Außerdem: Anika Decker und Miriam Junge sind weiß, inzwischen recht wohlhabend (Decker: "Wir haben zwei Wohnungen"), Wahlberlinerinnen und dem Anschein nach beide kinderlos. Was sie weder disqualifiziert noch unsympathisch macht, aber zeigt, wer die Zielgruppe des Podcasts ist. Und wo die Grenzen dieser Art von Selbsthilfe-Lebenserfahrungs-Crossover liegen. Ein Audible-Abo dürfte dieser Podcast daher den wenigsten wert sein.
infobox: "Bin ich jetzt das Problem?", sechsteiliger Podcast mit Annika Decker und Miriam Junge, Regie und Buch: Miku Sophie Kühmel (Audible, seit 5.2.26)
Zuerst veröffentlicht 24.02.2026 09:19
Schlagworte: Medien, Kritik, Audio, Kritik.(Audio), Podcast, Decker, Junge, Kühmel, Matzkeit
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