Erst mal tief Luft holen - epd medien

25.02.2026 08:55

Umfragen und Studien zeigen, dass die Wut in der Gesellschaft zunimmt. Die 3sat-Dokumentation "Immer mehr Wut - Warum sind wir so aggressiv?" beleuchtet das Phänomen aus unterschiedlichen Perspektiven.

Dokumentation "Immer mehr Wut - Warum sind wir so aggressiv?"

Die "Nano-Doku Immer mehr Wut - Warum sind wir so aggressiv?" fragt, ob wir zur Wutgesellschaft werden

epd Ob im Straßenverkehr, auf Social Media, im häuslichen Bereich oder bei Demonstrationen: die Nerven scheinen immer mehr blank zu liegen. Warum, so fragt eine Dokumentation aus der 3sat-Reihe "Nano-Doku", sind wir so aggressiv? Spontan möchte man erst einmal die Gegenfrage stellen: Wer ist Wir? Eine Antwort wird zumindest angedeutet in diesem Wissenschaftsformat: Unter "Wir" verstehen die Autoren Christine Bender, Luzie Funke und Florian Fiedler die Deutschen, deren Aggressionspotential laut dem "Global Emotions Report" im weltweiten Vergleich auf Platz 50 rangiert. Am meisten Wut hätten die Menschen im Tschad, in Vietnam dagegen sei man am entspanntesten.

Wie diese Daten erhoben wurden und wie seriös sie sind, wird nicht hinterfragt. Es geht offenbar nur darum, die gefühlte Evidenz zu unterstreichen, dass wir zur "Wutgesellschaft" werden. Um die mutmaßliche Steigerung von Ausrastern zu illustrieren, begleitet die Kamera Polizisten, die auf dem Oktoberfest für Ordnung sorgen. Erschwert wird die Arbeit der Beamten durch einen (verpixelten) Mann, der, durch Alkohol enthemmt, aggressiv reagiert, als er ermahnt wird, er solle an dem dafür vorgesehenen Örtchen urinieren.

Wiedervereinigung durch Wutausbruch

Auch im Straßenverkehr kommt es häufig zu Wutausbrüchen. Eine inszenierte Stress-Situation führt vor Augen, dass deutsche Männer sich auch hier nicht beherrschen können. Weil "Nano" ein Wissenschaftsformat ist, wird im Labor vorgeführt, was übermäßige Aggression im Körper anrichten kann. Ein Kardiologe der Universitätsklinik Mainz erforscht die Ausdehnung der Blutgefäße, die 40 Minuten nach einem Wutausbruch noch messbar ist. Zu viel Adrenalin kann demnach zu Herz-Kreislauferkrankungen führen. Laut einem Berliner Soziologen haben überschießende Affekte aber auch positive Effekte. Nebenbei behauptet die Doku, die deutsche Wiedervereinigung sei durch einen Wutausbruch zustande gekommen.

Wie man das Stresslevel senken kann? Auch das zeigt die Doku. Bei einem Wut-Experiment im sogenannten "Rage Room" messen die beiden Neurowissenschaftler Angelika Jaksch und Claus Lamm in Wien gezielt die Hirnaktivitäten von Probanden, die mit einem Baseball-Schläger nach Herzenslust Geschirr zertrümmern. Dass die Probanden beim Stressabbau dicke Handschuhe, Helm, Schutzkleidung und Schutzbrille tragen müssen, gibt dem Ganzen eine unfreiwillig komische Note.

Insta-Wutmonolog

Eine gewisse Komik hat auch der Blick in eine Grundschulklasse in Hannover, wo die Lehrerin Susanne Marwede ihren Schützlingen in dem pädagogischen Projekt "Faustlos" beibringt, wie man tief durchatmet. Das Projekt, an dem 16.000 Einrichtungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz partizipieren, stößt jedoch nicht auf durchgängiges Interesse. Während die Lehrerin eifrig doziert, wird gezeigt, wie ein Mädchen, das den Kopf auf die Schulbank gelegt hat, offenbar eingeschlafen ist.

Erwartungsgemäß werden auch Social Media thematisiert. Die Doku schaut der Influencerin Tara-Louise Wittwer über die Schulter, die gerade einen Mann zusammenfaltet, der sie im Netz sexistisch beleidigte. Wittwer wird als feministische Autorität präsentiert, die zu angesehenen Diskussionsforen eingeladen wird. Dass eine Rezensentin Wittwers Buch "Nemesis' Töchter" über "female rage" als "zweihundert Seiten langen Insta-Wutmonolog" bezeichnete und für seine "Erkenntnislosigkeit" kritisierte, erfährt man leider nicht.

Aggressions-Phänomene

Die Dokumentation spricht viele Aspekte des Wut-Phänomens an und kommt auch an kontroversen Themen nicht vorbei. So seien türkische Gastarbeiter in den 1970er Jahren geholt worden, "um die Wirtschaft anzukurbeln", doch viele von ihnen fühlten sich auch in zweiter und dritter Generation "nicht vollständig akzeptiert." Das Phänomen migrantischer Parallelgesellschaften wird seit geraumer Zeit diskutiert - beispielhaft sind die Filme von Güner Yasemin Balci. Bei der Darlegung dieser komplexen Problematik beschränkt sich die Dokumentation auf die Perspektive der umstrittenen Philosophin Amani Abuzahra. Deren Arbeit polarisiert, weil die Autorin Wut als Signal für die Wirkungsweise von antimuslimischem Rassismus herunterbricht. Hier machen es sich die Autoren zu einfach, da sie keine differenzierende Gegenstimme zu Wort kommen lassen.

Insgesamt ist diese Dokumentation durchaus anregend, weil sie das Wutphänomen von vielen Seiten beleuchtet, es geht um den öffentlichen Raum, um neurophysiologische Fragestellungen und auch um häusliche Gewalt gegen Frauen. Allerdings werden Aggressions-Phänomene wie das Ansteigen von Messergewalt oder das Wutpotenzial des muslimischen Antisemitismus nicht erwähnt. Im Hinblick auf die wünschenswerte Ausgewogenheit von Rede und Gegenrede hat die sehenswerte Sendung daher auch Defizite.

infobox: "Nano Doku: Immer mehr Wut - Warum sind wir so aggressiv?", Dokumentation, Regie und Buch: Luzie Funke, Christine Bilder, Florian Fiedler, Kamera: Leo Dorer, Benedikt Meisenberger, Jonah de Graaff u.a., Produktion: Go!Film (3sat/ZDF, 26.2.26, 20.15-21.00 Uhr und in der Mediathek)



Zuerst veröffentlicht 25.02.2026 09:55

Manfred Riepe

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), K3sat KZDF, Dokumentation, Funke, Bilder, Fiedler, Riepe

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