26.02.2026 09:00
Comedy-Serie "Kacken an der Havel" bei Netflix
epd Im wahren Leben ist ein typischer Verlierer nur selten auch liebenswert. In der Regel handelt es sich um verkrachte Existenzen, die die Schuld an ihrem verkorksten Dasein gern bei anderen suchen. In Filmen und Serien müssen solche Leute, zumal als Hauptfigur, aber natürlich Sympathieträger sein. Deshalb haben sie meistens einen Traum, an den sie mit rührender Hartnäckigkeit glauben. Die ZDF-Serie "Like a Loser" mit Ben Münchow verpackte diese Geschichte als "Plötzlich Papa"-Komödie: Als seine Hoffnungen auf einen Durchbruch platzen, muss Julian mit Anfang 30 zurück zur Mutter aufs Land. Von seiner Schulliebe erfährt er schließlich, dass er seit 15 Jahren Vater ist.
Der Handlungskern der achtteiligen Netflix-Serie "Kacken an der Havel" ist exakt der gleiche: Toni aus Brandenburg, knapp zehn Jahre älter als sein "Loser"-Bruder im Geiste, träumt von einer Karriere als Rapper, fristet sein Dasein jedoch als Pizzabäcker in Berlin. Als er eines Tages nach langer Zeit zum ersten Mal in sein Heimatdorf Kacken zurückkehrt, weil seine Mutter auf tragische Weise ums Leben gekommen ist, stellt sich heraus, dass er einen 13-jährigen Sohn hat. Fortan kämpft der Junge vergeblich um die Aufmerksamkeit des Vaters.
Ausgerechnet am Todestag der Mutter wird Toni bei einer Veranstaltung für Amateure entdeckt. Nun soll er innerhalb von zwei Wochen einige Songs abliefern, dabei hat er in seinem ganzen Leben noch kein einziges Lied zu Ende getextet. Angesichts des Zeitdrucks befällt ihn eine Schreibblockade. Dass er außerdem ein Meister der Prokrastination ist, erleichtert die Aufgabe nicht.
Die ersten beiden Folgen erinnern an ein Fußballspiel, bei dem der Außenseiter zu Beginn ein derartiges Feuerwerk abbrennt, dass die Fans ahnen: Dieses Niveau lässt sich unmöglich 90 Minuten lang durchhalten. Bei der Netflix-Serie verhält es sich ähnlich: Das Tempo und die innere Spannung lassen deutlich nach, zumal viele Gags vor allem albern sind.
Das größere Problem sind jedoch die unnötig überzogenen Darstellungen. Am nervigsten ist Dimitrij Schaad als Tonis Stiefvater Johnny. Der Hauptdarsteller der "Känguru"-Komödien ist gemeinsam mit seinem Bruder Alex der kreative Kopf hinter der Serie; Alex inszenierte die acht Folgen zusammen mit Jano Ben Chabaane.
Die ersten Folgen erwecken den Eindruck, als habe das Duo Dimitrij nicht bremsen wollen: Johnny, eine nur schwer erträgliche Heulsuse, ist eine Lachnummer, aber nicht komisch. Nach und nach zeigt sich jedoch, dass nahezu alle Mitwirkenden "drüber" sind, auch die prominenten Gäste wie Veronica Ferres als schurkische Bürgermeisterin oder Edin Hasanovic als Hit-Produzent mit ausgeprägtem Faible für alles, was aus Gold ist. Diese Vorliebe teilt er zumindest hinsichtlich des Gebisses mit dem Boss der Plattenfirma, den Matthias Brandt mit ständig gebleckten Zähnen verkörpert.
Gemessen an den viel zu dick aufgetragenen Nebenfiguren ist der von Anton "Fatoni" Schneider fast schon stoisch verkörperte Toni so etwas wie das Auge des Sturms. Ähnlich sehenswert ist Sky Arndt als sein Sohn; der unglücklich in eine Cousine verliebte Charlie ist der einzige Erwachsene in der ebenso vielköpfigen wie chaotischen Familie. Die immer wieder erklingende Stimme der Vernunft gehört Runa Greiner als Erzählerin. Sie spricht auch auch eine kleine Ente namens Tupac; Toni hat ihre Eltern auf dem Gewissen.
Die Handlung tritt des Öfteren auf der Stelle. Selbst die flotte Bildgestaltung mit Split-Screen und Jump Cuts kann nicht verhindern, dass sich einige Folgen ziehen, weil einzelne Kernideen viel zu breit ausgewalzt werden. Dass "Kacken an der Havel" trotzdem keine Zeitverschwendung ist, liegt an der kaum überschaubaren Vielzahl origineller Einfälle. Das gilt neben dem ungemein liebevoll arrangierten Szenenbild und gelegentlichen kunstvollen Übergängen vor allem für die selbstironischen Momente.
Nicht selten offenbaren sich die Details erst auf den zweiten Blick: Toni soll sein Leben nach dem bereits fertigen Drehbuch eines "Bio-Pics" ausrichten, Axel Stein wird ihn verkörpern. Allerdings hält sich seine Begeisterung in Grenzen, als er sieht, dass "MC Papa" eine Netflix-Produktion sein wird. In seinem original erhaltenen Jugendzimmer stößt Toni auf eine VHS-Kassette, auf der eine in den 90ern ziemlich bekannte Klappmaulpuppe Tipps für eine Karriere als Rapper gibt; dummerweise hat er sie an der entscheidenden Stelle mit seinem Lieblingsfilm "Armageddon" mit Bruce Willis überspielt. Später lässt ihn der Boss der Plattenfirma mit einer protzigen Limousine abholen - das Auto spricht zu seiner großen Freude mit Willis' Stimme (Manfred Lehmann).
Die amüsantesten Gags sind allerdings rein optischer Natur. Mitunter ist das pure Blödelei wie im Kinderfernsehen: Ein "großer Scheck" ist in der Tat riesig, und wenn jemand als "Lappen" bezeichnet wird, liegt da auch ein Lappen auf dem Stuhl. Komisch ist es trotzdem. Kacken hat keinen Empfang, aber einen Hauptbahnhof, ein Laubbläsermuseum und eine Zucht für Steppenläufer, für die es sogar einen eigenen Zebrastreifen gibt. Auf der einzigen Straße nach Berlin steht ein entsprechendes Schild ("Einzige Straße nach Berlin"). Sounddesign und Musik zeugen ebenfalls von großer Sorgfalt. Das Ende legt eine Fortsetzung nahe.
infobox: "Kacken an der Havel", achtteilige Comedy-Serie, Regie: Alex Schaad, Jano Ben Chaabane, Buch: Dimitrij Schaad, Alex Schaad u.a., Kamera: Tobias Koppe, Fabian Rösler, Produktion: Warner Bros. (Netflix, seit 26.2.26)
Zuerst veröffentlicht 26.02.2026 10:00
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KNetflix, Comedy, Schaad, Gangloff
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