Erinnern bis in die Puppen - epd medien

27.02.2026 08:35

Die Kindheit als Zeit der nur halbverstandenen Abzählreime, der Puppen und Plüschtiere: Dorthin will der erwachsene Mensch ja stets irgendwie zurück. Und ahnt doch, dass da einiges Kaputtes herumliegt, das wieder heil werden muss. Darüber reflektiert Ursula Krechel in ihrem Hörspiel "Die wirkliche Lämmchenhaftigkeit".

Ursula Krechels Hörspiel "Die wirkliche Lämmchenhaftigkeit"

epd Wenn sich die Büchner-Preisträgerin Ursula Krechel in ihrem neuen Hörspiel "Die wirkliche Lämmchenhaftigkeit" dem Thema Kindheit widmet, dann kann man davon ausgehen, dass sie weder nur um eigene Lebenserinnerungen kreisen noch soziologische oder feministische Thesen bebildern wird. Gelesenes wird bei dieser akribischen Rechercheurin und Beobachterin von Kindheiten stets auch zum Bestandteil der eigenen Erfahrung: Die ist fragmentarisch, poetisch überformt und assoziativ wie jedes autobiografische Gedächtnis.

Mit einem Zitat von Jules Verne taucht Krechel einmal buchstäblich hinab in imaginäre Tiefen: Klänge wie von der Glasharfe (Komposition: Julia Klomfass) erschaffen da algendurchwaberte Unterwasserlandschaften, die der Autor selbst ja nie zu Gesicht bekam, aber dennoch kannte - weil er sie erschuf. Das Traumartige und das Traumatische, das Konstruierte und das Verborgene liegen nah beisammen bei Krechel. So brechen in die kindlichen Welten mit ihren schlichten Melodien immer wieder metallisch brutale E-Gitarren.

Muster des Weiblichen

"Und wie hört sich das Rosa an?" heißt es einmal, als es um doktrinierte Muster des Weiblichen geht. Die für ein Hörspiel überraschende Antwort: "Man muss nicht alles hören, damit es da ist."

Wir hören: zwei Kinder, ein "Ja"- und ein "Nein-Kind" (Michel Koch und Rita El Bali). Sie strukturieren mit ihren Abzählreimen wie mit Zauberformeln eine Art gruppentherapeutische Sitzung mit fünf Erwachsenen. Doch diese Fünf - vier Frauen und ein Mann - wirken trotz gelegentlicher Dialoge seltsam isoliert voneinander, als säßen sie in unterschiedlichen Räumen. Es ist also mehr eine Collage als ein Gespräch.

Dabei scheinen die Figuren festgelegt auf typisierende Eigenschaften: Da ist der alles richtig machen wollende, aber eitle Gegenwartsautor und Vater, der über seine Liebe zu seinem Kind noch mehr staunt als über die Brillanz seiner Bücher (David Hugo Schmitz als "Ja-Papa"); da ist Barbara Nüsse als "die in sich Gekehrte" mit dem am weitesten zurückreichenden Gedächtnis, die Kindheiten aus dem vergangenen Jahrhundert rekapitulieren kann; da ist Tanja Schleiff als "die Seufzende", und da sind Nelly Politt und Bianca Hauda als überforderte Mütter. Für alles, was einem Kind passieren kann, werden "Vorsichtsmaßnahmen" eingeklagt, vom Mützenverlust übers Herunterfallen vom Traktor bis zum Stress in der Kita.

Dunkle Geschichten

Unter der Regie von Matthias Kapohl finden Ordnung und Chaos, Früher und Heute, Gewalt und Fürsorge ihre Balance in diesem eher traumlogisch aufgebauten und zugleich historisch genau recherchierten Hörspiel. So erinnern sich die Sprechenden auch an das, was Schriftstellerinnen und Künstlerinnen wie Unica Zürn, Dora Maar oder Colette Peignot erlebten, in Zeiten, als Kinder in Furcht vor elterlicher und kirchlicher Autorität wie selbstverständlich Übergriffe erleben mussten und für ihre Puppen dunkle Geschichten ersannen. Auch ein Kind kann mit kühler Neugier eine Puppe als etwas behandeln, das "tot sein" muss, um damit spielen zu können. Es kann grausame Dinge tun und sie zugleich bedauern. So wie die Erwachsenen, denen es ausgeliefert ist. So wie der Mann, der seine Geliebte zurichtet.

In einem so kühnen wie lässigen Bogen verbindet Krechel die kindlichen Erprobungen von Gewalt mit den Lebensläufen dieser Frauen, die in Partnerschaften mit Oskar Kokoschka, Hans Bellmer oder Pablo Picasso zu Puppen wurden, ihrer Eigenständigkeit und ihrer Gesundheit beraubt. Als schöpferischer Mann verfügte man am besten über eine ganze Puppen-Sammlung, der man - so soll es eine Phantasie Picassos gewesen sein - die Köpfe abschlagen konnte.

Im Motiv des Lämmchens, um das man bangen muss, weil überall Wölfe lauern, findet Krechel eine Art ironisches Wappentier für die patriarchale Gleichung Frau = unmündiges Kind = unschuldiges Opferlamm. Krechel vergegenwärtigt all diese Kindheiten zwar ohne moralische Anklage, doch macht sie "Girlhood" kenntlich im Koordinatensystem aus Plüsch und Puppe, das auch jenseits des Kinderzimmers seine Übermacht immer wieder zu behaupten weiß.

infobox: "Die wirkliche Lämmchenhaftigkeit", Hörspiel, Regie: Matthias Kapohl, Buch: Ursula Krechel (Deutschlandfunk, 21.2.26, 20.05-21.00 Uhr und in der ARD-Audiothek)



Zuerst veröffentlicht 27.02.2026 09:35

Cosima Lutz

Schlagworte: Medien, Radio, Kritik, Kritik.(Radio), KDLF, Hörspiel, Krechel, Kapohl, Lutz

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