Prinzip Hoffnung - epd medien

02.03.2026 15:40

Frauen jeder Generation lungern und streiten in Marlas chaotischer Wohnung. Der ZDF-Film "Ende des Kreises" entlarvt Frausein als Work-in-Progress.

ZDF-Film "Ende des Kreises"

Lilo (Helga Seebacher), Luna (Greta Krämer), Marla (Kara Schröder), Nelia (Elisabeth Niederer) und Jade (Alva Schäfer, von links nach rechts) beim gemeinsamen Kochen

epd Der Beginn des Films "Ende des Kreises" ist eine anstrengende Seh- als Verstehenserfahrung, eine Art visuelles Tohuwabohu mit vielen weiblichen Gestalten, alten und jungen. Drunter und drüber zu gehen scheint es bei einer Frau, Marla (Kara Schröder, in ihrer Wohnung, in der der Film spielt (Szenenbild: Benedikt Lange, Ausstattung: Julie Teuber). Draußen, im Innenhof der ebenerdigen Wohnung, steht Baustellenzeug, der Esstisch steht in einer Art Schaufensternische. Ein Schaufenster, das in beide Richtungen funktioniert, von Innen nach Außen und umgekehrt.

Marla raucht auf dem Klo, nur da ist sie allein, putzt viel gegen das Chaos im Wohnbereich an. Räumt. Es gibt einen Wohnbereich, Sitzgelegenheiten, auf denen andere Frauen herumsitzen, sich einmischen. Manchmal stehen sie auch bloß im Weg, oft verändern sie ihre Positionen. Für Marla anscheinend Gewohnheit.

Hitler im Schrank

Eine der Frauen kommt später, als Hitler verkleidet, aus dem Schrank, spuckt Sequenzen zur Rolle der "deutschen Frau" aus, Nazi-Propaganda. Gibt es noch andere Skelette im Schrank? Wer sind die Frauen, eine glamourös, eine unscheinbar und verbittert, eine im weißen Gewand mit breiten Beinen sitzend. Marlas später sichtbarer Schreibplatz ist übersät von Büchern und Bildern, Ideologien, Konzepten, Forschungsansätzen, schwer Auffindbarem. Denn Marla arbeitet als Museumspädagogin, ist aber eigentlich Archäologin und schreibt an einer allumfassenden Alternativgeschichte des Matriarchats. Allerdings erfahren wir das, nach und nach, erst später in diesem Film.

Am Anfang ist, wie gesagt, das Chaos - und das Wort. Viele Wörter, denn als Marlas Töchter (noch mehr Frauen) hineinstürzen in diesen Mehrgenerationenfilm, versucht die Mutter, zu besprechen, was hier los sei. Gerade waren Luna (Greta Krämer) und Jade (Alva Schäfer) mit ihrem Vater im Urlaub, sind aufgebracht, sauer, durcheinander.

Sichere Rückzugsorte

Das äußere Chaos der Räume in der unvollendeten oder heruntergekommenen Wohnung mit auch gemütlichen Nischen und sicheren Rückzugsorten, wie man ebenfalls später sieht, spiegelt auch Weiblichkeitszustände und -möglichkeiten. Nichts wird freilich erklärt, alles muss man selbst sehen - vor dem eigenen bildlichen Auge sortieren und mit Erfahrungswissen ergänzen.

Wie der Schnitt (Marc Buehler) sich nach und nach beruhigt, wie die Musik (Emily Hawkins) anschaulicher wird, wie sich nach und nach die Identitäten der unbekannten, herumlungernden oder sich nützlich machenden, kommentierenden oder vorschlagenden Frauen enthüllt, so wird die Erzählung klarer und verständlicher, reicht in die Historie zurück und greift aus in die Zukunft. Lesarten sind möglich.

Was sich feststellen lässt: Die kapriziöse Erika (Cornelia Werner) scheint der Geist von Marlas Großmutter zu sein, einer Frau mit hochfliegenden Träumen in Berlin zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, der ihre Tochter Nelia (Elisabeth Niederer) wohl lästig war. Was dazu führte, dass diese wohl selbst von Familie wenig hielt, ihre Tochter Marla jedenfalls verließ. Ein weiterer Geist der Fraulichkeit oder der sogenannten Mütterlichkeit ist Lilo (Helga Seebacher), infiziert von rassistisch-biologistischen Weiblichkeitsvorstellungen der Nazizeit, die ihre Stellung in Marlas Wohnung meistens durch Herumschaffen zu sichern sucht. Irgendwann erscheint noch Inana (Sara-Hiruth Zoude) und spricht den imaginierten Mythos der Urmutter nach.

Chaotik mit System

So verschwurbelt sich das zu Beginn ausnehmen mag, so anstrengend das Zusehen sein mag, die Chaotik hat System. Nicht leicht konsumierbar, werden die Stärken dieses sehenswerten Debüts, gezeigt in der ZDF-Reihe "Das kleine Fernsehspiel", immer deutlicher.

Das Setting, die renovierungsbedürftige Wohnung, Work-in-Progress, ist die augenscheinliche Veräußerlichung und Materialisierung von Marlas Kopf. Von Marlas Denken, Glauben und Fühlen. In ihr findet eine vielfach ausgreifende Reflexion des Frauseins, beziehungsweise Daseins statt.

Marla, könnte man sagen, ist die Gegenwart einer Frau in ständiger Bewegung, einer Frau unter unablässiger Belastung. Ihr Mietvertrag wurde gekündigt, sie verliert ihren Job, gibt als Alleinerziehende pubertierender Töchter ihr Bestes. Luna ist bulimisch und ritzt sich, Jade zieht sich in die Welt ihrer künstlerischen Computerschrott-Umwidmungen zurück. Vor allem fehlt Geld.

Mit Silberstreifen belohnt

Formal gestaltend wie inhaltlich geglückt zeigt der Film, wie Marla sich durchlaviert, Pflaster aufklebt. Sie verliert den Mut nicht, bringt alle zum Reden und an einen Tisch. Vielen Zuschauern mag das zu viel Formwille sein. Oder ein Filmkonstrukt analog des Multitaskings, die aktuelle Weiblichkeitsvorstellungen fordern.

Wer allerdings dabeibleibt, wird mit Silberstreifen belohnt. Wir können uns Marla, die als Frau auf den Schultern anderer Frauen steht und umgeben von ihren Geistern und Schatten lebt, zum Schluss als glückliche Frau vorstellen. Zu wünschen bleibt allerdings viel. Unter anderem, dass dieser innovative Film über die Zumutungen des Frauseins, der Zuschauern viel zutraut, eine wesentlich frühere Sendezeit bekommen hätte.

infobox: "Ende des Kreises", Fernsehfilm, Regie und Buch: Mareike Sophie Danisch, Kamera: Anselm Belser, Produktion: Mareike Sophie Danisch, Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (ZDF-Mediathek seit 27.2.26; ZDF, 2.3.26, 23.55-1.30 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 02.03.2026 16:40

Heike Hupertz

Schlagworte: Medien, Kritik

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