Helferin vor Alpenkulisse - epd medien

07.03.2026 10:05

Der Berg ruft - und diesmal kommt keine Frau Doktor, sondern "Einfach Elli". Die Notfallsanitäterin Elli Kempfer, gespielt von Klara Deutschmann, ist die Titelheldin der neuen Medical-Reihe vor Alpenkulisse im ZDF.

Neue ZDF-Reihe "Einfach Elli"

Elli Kempfer (Klara Deutschmann, links) und Assistenzarzt Jasper Graf auf der Dachterrasse der Klinik

epd Muss man noch jemandem den "Bergdoktor" erklären? Seit 2008 doktert dieser fesche, kompetente und inzwischen angegraute TV-Arzt im ZDF und bricht dabei reihenweise Frauenherzen und Staffelrekorde. Kein Wunder. Sobald das Smartphone klingelt, braust er los, Leben retten. Ein Arzt, der immer für seine Patienten da ist. Ein weiterer USP der Serie: die atemberaubende Alpenkulisse und die verworrenen Familienverhältnisse. Der Hauptdarsteller Hans Sigl selbst bezeichnete die Langlauffiktion einmal als "eskapistisches Feel Good mit retrograder Ausrichtung". Er sagte auch: "Alpenporno". Beides trifft es absolut.

Weil sich die Dosis dieser Erfolgsnummer im ZDF nicht über eine Staffel im Jahr hinaus steigern lässt - Hans Sigl alias Dr. Martin Gruber hat ja noch anderes zu tun - bekommt der Bergdoktor auf dem Donnerstagabend-Sendeplatz nun Unterstützung: von einer Frau. Elli Kempfer ist der titelgebende Star der neuen ZDF-Reihe "Einfach Elli". Fesch und kompetent wie Gruber, nur jünger und energiegeladener gespielt von Klara Deutschmann. Das Alpen-Setting ist diesmal der Karwendel, nicht der Wilde Kaiser. Aber sonst ist auf den ersten Blick sehr vieles sehr ähnlich.

Herz und Schmerz

Obwohl keine "Frau Doktor", ist Elli als Notfallsanitäterin vom Fach und operiert mit den typischen Mitteln einer Medical-Serie mit Romantic Touch. Herz, medizinischer Schmerz und schöne Landschaft inklusive. Privat scheint es bei Elli, die ohne leiblichen Vater aufwuchs, ähnlich kompliziert zuzugehen wie bei den Grubers. Anzeichen dafür verdichten sich bis zum Showdown auf der grünen Wiese. Auch der schicke Assistenzarzt Jasper (Lucas Reiber) und der kumpelige Kollege Felix (Sebastian Griegel) werden wohl noch eine größere Rolle in Ellis Liebesleben spielen. Woran von Beginn der Debütfolge "Neuanfang" kein Zweifel besteht: Elli ist eine Helferfigur, wie sie im Bergdoktor-Buche steht.

Es dauert keine vier Filmminuten, da hat sie es schon mit ihrem ersten Notfall zu tun: Noch vor Dienstbeginn am allerersten Arbeitstag in der Rettungsstelle Karwendel Nord rettet Elli einer Frau das Leben. Diese ist im Gartencenter unglücklich gestürzt, im Bauch steckt eine Pflanzenschere. Verblutungsgefahr! Drama, Baby! Elli ordert den Heli. Klingt übertrieben? Spoiler: Es ist natürlich die einzig richtige Entscheidung und nicht bloß der Ruf nach einem gratis Panoramaflug.

Erzählerisches Extra

Dass Elli einfach mal so entscheidet und ihre Kompetenz der Erstversorgung überschreitet (im späteren Episodenverlauf legt sie eine eigentlich nur Ärzten vorbehaltene Pleura-Drainage), erklärt sich mit ihrer besonderen "Gabe": Sie hat ADHS. Es ist ein erzählerisches Extra, das sehr viel Erzählzeit beansprucht. Das Autoren-Duo Christiane Rousseau und Friedemann Goez erzählen die neurologisch bedingte Störung nicht als Krankheit, sondern als Superkraft, mit der man vielfältig umgehen kann. Man kann die Symptome mit Therapie und Pillen dämpfen so wie Elli. Oder man erkennt die "Modediagnose ADHS" einfach nicht an und therapiert das Chaos im Innern an der Töpferscheibe so wie Ellis Mutter Louise (Clelia Sarto) gemäß dem Lebensmotto: "Wir sind, wie wir sind und anders als die anderen."

"Einfach Elli" betreibt also über das gewohnte Wohlfühlfernsehsetting hinaus Aufklärungsarbeit über eine Form von Neurodivergenz, die in diesem Genre so prominent noch nicht behandelt wurde - sieht man einmal ab vom ZDF-Herzkino-Beitrag "Ella Schön" mit Annette Frier, die eine Anwältin mit autistischen Zügen spielte.

Wenn Inklusion so einfach sein könnte

Wie sich ADHS bei Elli nun konkret äußert? Ihrer Chefin in der Leitstelle erklärt sie es stellvertretend fürs TV-Publikum einmal so: Sie schlage manchmal über die Stränge, verzettele sich, rede zu viel, schiebe Dinge auf, dafür denke sie sehr kreativ und könne Informationen viel schneller und intensiver wahrnehmen und verarbeiten als andere. Und wenn sie ein emotionaler Ausnahmezustand oder eine Panikattacke packt, dann legt sich Elli einfach rücklings auf die Alm, atmet im Fokus der Kameradrohne tief durch und ist wieder "konzentriert und fokussiert". Und weiter geht’s. Wenn Inklusion doch nur so einfach sein könnte wie im Film.

Die Chefin der Krankenhausverwaltung, Dr. Diana Sorell (Sophie von Kessel), gibt sich als große Förderin von Inklusion, sie sitzt selbst im Rollstuhl. Überhaupt ist in den hintersten Winkel Bayerns einiges an Diversität und Progressivität eingezogen. Augen- und ohrenfällig wird das auch in der Person des Dutt-tragenden Marketingbeauftragten Quentin Bacalou (Francisco del Solar), der Sorell korrigiert: Es heiße Kolleg*innen, nicht Kollegen.

Cool, wie du die Götter in Weiß hast auflaufen lassen.

Auch in einer anderen Hinsicht bricht "Einfach Elli" mit Althergebrachtem: Die Reihe, von der zunächst zwei Pilotfilme gezeigt werden, kratzt am klassischen Arztbild aus den alten Heimatfilmen, das der Bergdoktor hegt und pflegt. Die unfehlbaren Weißkittelträger werden von Elli sinnbildlich vom Sockel geschubst, auf den sie sich auch selbst gerne stellen: Die Notfallsanitäterin weiß vieles besser und schneller. Dafür bekommt sie einmal Applaus von der Pflegekraft Wiebke: "Fand ich richtig cool, wie du die Götter in Weiß hast auflaufen lassen."

In der echten Krankenhausrealität könnte man in der Tat Probleme wie Personalmangel lindern, indem man einfaches Fußvolk wie Elli und Wiebke mehr machen ließe, als sie dürfen, und damit die Patientinnen und Patienten nicht warten ließe, bis der Arzt kommt. Das wird in "Einfach Elli" zart hingetupft. Eine Revolution des Genres gelingt der von dem Flachlandtiroler Friedemann Goez gegründeten Produktionsfirma Narrative Way allerdings nicht. Die Alpen-Story um Elli Kempfer ist konventionell gemacht, stark dialoggetrieben, leicht konsumierbar. Oder mit Bergdoktor Hans Sigl gesprochen: Feel Good mit retrograder Ausrichtung.

infobox: "Einfach Elli", zwei Fernsehfilme (Reihe), Regie: Gunnar Fuß, Buch: Christiane Rousseau, Friedemann Goez, Produktion: Narrative Way GmbH (ZDF-Mediathek ab 5.3.26, ZDF, 12.3. und 19.3.26, 20.15-21.45 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 07.03.2026 11:05

Senta Krasser

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Reihe, Fuß, Rousseau, Goez, Krasser

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