09.03.2026 10:35
ZDF-Krimi "Im Schatten der Angst - Der Skorpion"
epd Vollkommen rosa ist der Raum, in dem die forensische Psychiaterin Karla Eckhardt (Julia Koschitz) mit ihrem Patienten Anton Lisky (Stefan Gorski) spricht. Hat sie womöglich "die rosarote Brille" auf, wenn sie denkt, der psychisch kranke Mörder mit dem riesigen Skorpion-Tattoo auf dem Rücken habe so große Fortschritte gemacht, dass man den Maßregelvollzug erleichtern kann?
Deprimierend dunkelgrün sind das Büro und die Wiener Altbauwohnung der meist ernst und niedergeschlagen wirkenden Ärztin, die mit ihrem Pixie-Schnitt und traurigen Rehaugen wie ein altersloses Mädchen wirkt. Merke: Weder ihr Beruf noch ihr Leben sind offenbar lustig.
Subtil geht zwar anders, aber bei den Locations und der Farb- und Stimmungsgestaltung hat man sich bei diesem TV-Thriller sichtlich Mühe gegeben. Zahlreiche Blicke auf Wien von oben bei Tag, vor allem aber bei Nacht, tragen zur Stimmung bei, denn hier schauen wir auf die dunkle Seite des Lebens. Als Schauplätze hat man nicht nur die üblichen morbiden Wien-Locations gewählt, sondern alltägliche Ecken, die Touristen weniger kennen.
Von solchen Qualitäten muss dieser Film leben, denn die Story (Buch: Nils-Morten Osburg) ist nicht besonders gehaltvoll. Kaum wurden Hafterleichterungen für Lisky durchgesetzt, gibt es in der Gärtnerei, in der er arbeitet, schon wieder einen Toten. Einmal Mörder, immer Mörder? Diesen Verdacht legt auch die berühmte Fabel von dem Skorpion und dem Frosch nahe, die für Liskys Welt- und Selbstsicht eine große Rolle spielt. Der Frosch nimmt den Skorpion auf den Rücken, daraufhin sticht dieser nach ein paar Metern zu, obwohl er damit selbst untergeht: "Das ist meine Natur, ich kann nicht anders."
Aber der Mörder war diesmal nicht der Gärtner, sondern ein nicht nur von Karla Eckhardt hochrespektierter Psychiatrie-Professor im Eifersuchtsrausch (Jörg Schüttauf). Der bis dahin völlig unbescholtene Mann bringt, wo er nun schon mal dabei ist, gleich noch den flüchtigen Skorpion um die Ecke und will schließlich auch seine Kollegin Eckhardt töten. Kommt es nach einem Gärtner-Totschlag, der eigentlich eher ein Unfall war, auf zwei heimtückische Morde auch nicht mehr an? Schließlich springt er aus dem Fenster. So glaubhaft eine Gewalttat mit Todesfolge im Affekt ist, so unglaubwürdig ist, dass ein bis dahin unauffälliger Mensch im Anschluss zum skrupelfreien Serienmörder mutiert.
Psychologie beziehungsweise Psychiatrie sind ohnehin nicht die Stärke der dritten Folge der Reihe "Im Schatten der Angst", Diagnosen werden herausgeplappert, keine wird erklärt, Zusammenhänge schon gar nicht: Schizophrenie, Paranoia, Psychose.
Stefan Gorski als Skorpion spielt seine Rolle gut. Mühsam und beladen, wütend und brav, schuldig und unschuldig zugleich. Schüttauf gibt solide den harmlos-mörderischen Professor. Die mit Abstand coolste Figur ist Kommissarin Radek, die so alt wirkt, dass sie eigentlich schon außer Dienst sein müsste. Sie wird großartig reduziert gespielt von Susi Stach. Radek sieht aus wie eine Frau, die schon alles gesehen hat und nichts und niemandem mehr glaubt, ihre Arbeit aber wacker weitermacht, so gut sie kann, und in ihrem Kern - wundersamerweise - "Mensch" geblieben ist.
Dagegen wirkt die humanistische Weltsicht der Psychiaterin Eckhardt etwas naiv. Einmal Skorpion ist nicht immer Skorpion? Kann man gegen seine Natur? Skorpione sind in Wahrheit nur hilfsbereite Frösche? Vielleicht ist es ja so: In jedem von uns Fröschen steckt auch ein Skorpion.
infobox "Im Schatten der Angst - Der Skorpion", Fernsehfilm, Regie: Umut Dag, Buch: Nils-Morten Osburg, Kamera: Simone Hart, Produktion: Mona Film, Tivoli Film (ZDF-Mediathek/ORF, seit 2.3.26; ZDF, 9.3.26, 20.15-21.45 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 09.03.2026 11:35
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Fernsehfilm, Dag, Osburg, Kaiser
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