10.03.2026 10:13
Annett Gröschners Film "Drei Frauen bummeln durchs Land ..."
epd Als ich vor zwei Jahren ein paar Tage ins Krankenhaus musste, hatte ich vorsorglich als Lektüre das Gemeinschaftsprodukt dreier Autorinnen dabei: ein druckfrisches Buch mit dem schönen Titel "Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat". Geschrieben von Annett Gröschner, Peggy Mädler und Wiebke Bergmann. Genau genommen ein Trialog in mehreren Kapiteln. Es war die vergnüglichste und anregendste gesundheitsbedingte Zwangspause meines Lebens: nicht nur, weil uns als Autorinnen ostdeutscher Herkunft weit mehr als die DDR-Erfahrung verbindet, sondern vor allem wegen der Reflexionen und Perspektivwechsel, zu denen das Buch einlud, ebenso wie zum unbotmäßigen Träumen - ein Gefühl, als würde jemand das Fenster weit aufreißen und frische Luft hereinlassen.
Nebenbei holte das Buch für mich auch den etwas verschütteten philosophischen Begriff der Dialektik ins Heute, die "Lehre von den Widersprüchen", die die DDR-Regierung kurioserweise umso öfter beschwor, je mehr ihr die Fähigkeit abhandenkam, Widersprüche und Widerspruch auszuhalten.
Im März 2025 erschien Annett Gröschners jüngster Roman "Schwebende Lasten". Wenig später wurde sie mit dem "Mainzer Stadtschreiber Literaturpreis" von ZDF, 3sat und der Landeshauptstadt Mainz ausgezeichnet. Ihre erfrischende, eindringliche und unbedingt lesenswerte Dankesrede findet man noch immer auf der ZDF-Website. Und wieder ein Jahr später ist nun ein Ergebnis ihres Jahres als Mainzer Stadtschreiberin in der ZDF-Mediathek zu sehen: ein 30 Minuten langer Dokumentarfilm, der an den Trialog von 2024 anknüpft mit dem konsequenten Titel "Drei ostdeutsche Frauen bummeln durchs Land und prüfen die Schwerkraft der Verhältnisse". Denn der Preis ist nicht nur mit 12.500 Euro und einem Jahr Wohnrecht in der Stadtschreiberwohnung in der Mainzer Altstadt verbunden, die ausgezeichnete Autorin darf auch gemeinsam mit dem ZDF und 3sat einen Film nach freier Themenwahl produzieren.
Für ihren Stadtschreiber-Film durchquerten Annett Gröschner, Peggy Mädler und Wenke Seemann in "Bummelzügen" (sprich: mit Regionalexpress oder S-Bahn) das Land von Ost nach West, sie reisten von Frankfurt/Oder nach Mainz mit der Frage: "Wie viel Bodenhaftung erzwingen die Krisen der Gegenwart und lässt sich mit Poesie dagegen anträumen?"
Wieder staune ich, wie scheinbar beiläufig und mit leichter Hand in nur 30 Minuten ein Kosmos umrissen wird, in dem Geschichte und Gegenwärtiges, Industrie und Landschaft, Plattenbau, Provinz und Unkraut, Literatur und Biografisches, Utopie und Alltag, Rebellion und realpolitische Schwerkräfte verflochten sind.
Eine Station ist Grünheide bei Berlin, das zu DDR-Zeiten vor allem als Wohnort von Robert Havemann bekannt war und nun als umstrittener Standort eines Tesla-Werks häufiger in den Nachrichten erwähnt wird. Weiter geht es nach Kirchmöser im Havelland, das einst vom dort angesiedelten Walzwerk geprägt war, und nach Leinefelde im Eichsfeld als Experimentierort baulicher Wandlungsfähigkeiten der DDR-Plattenbauten.
In Magdeburg, heute Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt, wurde Annett Gröschner 1964 geboren, hier wuchs sie auf, bevor sie 1983 zum Studium nach Ostberlin zog. Weiter geht es über Sangerhausen im Mansfelder Land nach Kassel, wo auf dem Dach des Regierungspräsidiums das Mahnmal "86 Grad Walter Halit" an Halit Yozgat und Walter Lübcke erinnert, die von Rechtsradikalen ermordet wurden. In der Opelstadt Rüsselsheim hinterlässt die Krise der Autoindustrie deutliche Spuren. In Mainz schließlich, noch tiefer im Westen, entdeckte Annett Gröschner Neues für sich, beispielsweise die "Mainzer Republik", einen frühen Demokratieversuch von 1793.
Natürlich gehören überall Gespräche dazu: In Grünheide spricht Gröschner mit der Aktivistin Manuela Hoyer, die mit einer Bürgerinitiative gegen den Bau der Gigafactory mitten im Trinkwasserschutzgebiet kämpfte. In Rüsselsheim trifft Wenke Bergmann Betriebsrat Jürgen Crämer, für den Opel Teil der Familiengeschichte ist.
Wie in einem Brennglas erkennt man in diesem kurzen Film vieles von dem, was Annett Gröschners enormes Werk ausmacht: die Prägung durch die "arbeiterliche Gesellschaft" (Wolfgang Engler), die Lust an Alltagsbeobachtungen ebenso wie an der Recherche und kleinteilig-lokalen historischen Tiefenbohrungen, ihr echtes Interesse an Menschen, ihren Biografien und Erfahrungen. Hinzu kommen ihr ureigener Erfahrungsreichtum, ihr unverschwurbelter, pragmatischer Feminismus, der sie schon während der Wendezeit in der DDR politisch aktiv werden ließ und heute notwendiger ist denn je. Und schließlich die Freude am gemeinsamen Arbeiten (früher: kollektiv, neudeutsch: kollaborativ) und natürlich die Fähigkeit, all das in immer wieder fesselnde und überraschende Sätze zu bringen.
Dass der Film, dem man auch 60 oder 90 Minuten Tragkraft zutrauen würde, nur 30 Sendeminuten hat, ist bedauerlich. Man kann es für einen unbeabsichtigten, dummen Zufall oder aber auch für böse Ironie halten, dass das ZDF die Entscheidung getroffen hat, diese kurze Dokumentation ausgerechnet am 8. März, dem Internationalen Frauentag, um 0.45 Uhr (!) zu senden. Das entspricht in der Symbolik dem Gestus jener DDR-Funktionäre, die meinten, der Gleichberechtigung Genüge getan zu haben, wenn sie den Frauen in den Betrieben an diesem Tag Blumen überreichten und Kaffee und Kuchen kredenzten.
Aber zum Glück gibt es von Annett Gröschner so viel zu lesen, dass man auch ohne die Hilfe des ZDF auskommt. Allerdings täte es nicht nur dem Mainzer Sender gut, gesamtgesellschaftlich wichtigen Stimmen wie diesen mehr Resonanzraum zu geben. Traurig genug, dass man das im Jahr 36 nach der Vereinigung immer noch schreiben muss.
infobox: "Drei ostdeutsche Frauen bummeln durchs Land ...", Regie: Annett Gröschner, Buch: Annett Gröschner, Peggy Mädler, Wenke Seemann, Kamera: Yvonne de Fries-Lehmitz, Daniel Theo Giesen, Thomas Gutberlet u. a. (ZDF-Mediathek/3sat, seit 1.3.26, ZDF, 8.3.26, 0.45-1.15 Uhr, 3sat, 15.3.26, 12.25-12.55 Uhr)
Copyright: Foto: privat
Darstellung: Autorenbox
Text: Ulrike Steglich ist freie Autorin.
Zuerst veröffentlicht 10.03.2026 11:13 Letzte Änderung: 10.03.2026 11:15
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Literatur, ZDF, Gröschner, Mädler, Seemann, Steglich, NEU
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