13.03.2026 09:11
WDR-Dokumentation über die Keupstraße in Köln
epd Die Keupstraße in Köln-Mülheim ist eng und schmal. Wenn ein Auto in zweiter Reihe parkt, geht nichts mehr. Özlem Yağmur, die sich selbst lachend "Dorfsheriff" nennt, geht das spürbar gegen den Strich, weil dann auch Rettungswagen und Feuerwehr im Ernstfall blockiert werden. Die junge Bezirksbeamtin der Polizei sei "eine Superkombi", sagt Meral Şahin, die auf der Keupstraße einen florierenden Laden für Hochzeitsdekorationen betreibt. Yağmur habe eine deutsche Mentalität, spreche aber Türkisch, "und sie trifft dich trotzdem ins Herz".
Zu einer Art "Superkombi", könnte man sagen, ist auch die Keupstraße selbst geworden, der diese Dokumentation in der WDR-Reihe "Heimatflimmern" gewidmet ist. Aus der Türkei stammende Familien haben hier Wurzeln geschlagen und zahlreiche Geschäfte und Restaurants gegründet. Dass das pulsierende Treiben mittlerweile zu einer Art Touristenattraktion geworden ist, hat freilich auch einen makabren Hintergrund: Hier zündeten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) am 9. Juni 2004 eine Nagelbombe. 22 Menschen wurden verletzt, einige von ihnen schwer.
Die Sicherheitsbehörden schlossen zunächst allerdings einen rechtsextremen Hintergrund aus und verdächtigten jahrelang das angeblich "kriminelle Milieu" der Keupstraße. Ayfer Şentürk, deren Vater gegenüber dem Anschlagsort ein Reisebüro betrieb, erinnert sich im Film an mehrstündige Verhöre, in denen die Polizei mit Drohungen Druck ausgeübt habe. Erst nachdem das von Ressentiments getriebene Versagen von Politik und Behörden nach dem Selbstmord des NSU-Duos im November 2011 offenbar wurde, drehte sich der Wind, fanden die Anwohnerinnen und Anwohner Gehör. Unter anderem in einem Theaterstück ("Die Lücke 2.0") des Schauspiels Köln, in dem auch Ayfer Şentürk auf der Bühne über ihre Erfahrungen berichtete.
Wie unter einem Brennglas erzählt der Film am Beispiel der Kölner Keupstraße bundesrepublikanische Migrationsgeschichte: die Anwerbung von "Gastarbeitern" in den 1960er und 70er Jahren, der Niedergang der Industrie (hier: das Ende der Drahtseilfabrik Felten & Guilleaume), der soziokulturelle Wandel im Stadtviertel, die anfängliche Isolation der Einwandererfamilien, die Pflege eigener Traditionen und zugleich die wachsende Bindung an die neue Heimat insbesondere der jungen, in Köln aufgewachsenen Generation, der alltägliche Rassismus und schließlich der rechtsextreme Terror.
Statt sich abzukapseln, scheint es der Keupstraße in Köln aber gelungen zu sein, aus dem Zusammenrücken nach dem NSU-Anschlag ein neues Gemeinschaftsgefühl wachsen zu lassen. Ausgangspunkt war das dreitägige Kulturfest ("Birlikte") im Sommer 2014 inklusive eines Konzerts vor 50.000 Menschen. "Ein Teil dieser Stadt umarmt den Rest", erinnert sich Meral Şahin, die als Vorsitzende der Interessengemeinschaft Keupstraße zu den Organisatoren zählte - ebenso wie Thomas Laue, einer der Autoren dieses Films, der damals Dramaturg am Schauspiel Köln war und seit 2017 als Chefdramaturg für die Produktionsfirma Ufa tätig ist.
In gewisser Weise ist also auch dieser Film ein Ergebnis dieses Zusammenrückens der Kölner Stadtgesellschaft. Er sendet schon mit dem ersten Bild, dem gemeinsamen Fastenbrechen an langen Tischen mitten auf der Straße, die optimistische Botschaft, dass ein friedliches, bereicherndes Zusammenleben möglich ist. Er verbindet den historischen Überblick mit dezenter Aufklärung über türkische Traditionen und aktuellen Einblicken in den Alltag.
Insbesondere die starken Frauen stehen hier für Offenheit und Aufbruch. Wer multikulturelle Vielfalt lobt und lebt, setzt sich aber auch in Köln Misstrauen und Zweifel aus. Er höre oft den Vorwurf, er würde die Keupstraße romantisieren, berichtet Peter Bach von der Mülheimer Geschichtswerkstatt. Er entgegne darauf, das beruhe auf den positiven Erfahrungen, die er in der Zusammenarbeit mit den Menschen gemacht habe.
Sicher ließe sich differenzierter, genauer und auch kritischer vom Alltag in der Keupstraße erzählen. Manche Konflikte werden gar nicht thematisiert, etwa zwischen verschiedenen politischen Lagern oder zwischen Kurden und Türken. Was lösen das Erstarken der AfD und deren Forderung nach massenhafter Remigration aus? Wie blicken die Menschen auf die Kriege im Nahen Osten oder in der Ukraine? Das eher auf gefällige Regional- und Porträt-Dokus ausgerichtete "Heimatflimmern"-Format stößt da an seine Grenzen, und man darf gespannt sein, was und wie die vom ZDF angekündigte zehnteilige Dokuserie vom Leben in der Keupstraße erzählen wird.
infobox: "Heimatfilmmern: Die Keupstraße - Kölns türkisches Herz", Dokumentation, Regie und Buch: Thomas Laue, Sarah Ofer, Kamera: Britta Klose, Jona Ney, Tom Elvermann, Produktion: Ufa Documentary (ARD-Mediathek/WDR, seit 6.3.26, WDR, 13.3.26, 20.15-21.00 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 13.03.2026 10:11
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KWDR, Dokumentation, Laue, Ofer, Gehringer
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