Produktiver Medienarbeiter - epd medien

15.03.2026 09:30

Am 17. März wäre Siegfried Lenz (1926-2014), einer der bedeutendsten Autoren der jungen Bundesrepublik, 100 Jahre alt geworden. Er war nicht nur ein ausgesprochen produktiver Schriftsteller, sondern auch Journalist, Redakteur und ein begabter Erzähler am Mikrofon. Der Medienhistoriker Hans-Ulrich Wagner schreibt über den Medienarbeiter Siegfried Lenz.

Siegfried Lenz als Journalist und Hörfunkautor

Siegfried Lenz 2009 in Berlin

epd "Wir alle lebten zu einem gewissen Teil vom Rundfunk", untertrieb Siegfried Lenz in seiner bescheidenen Art in einem Interview 1986. Als damals 60-Jähriger blickte er darin auf seine Arbeit für die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und die seiner Kolleginnen und Kollegen aus der Gruppe 47 zurück.

Ja, sie alle hatten Hörspiele, Features, Essays, Rezensionen geschrieben für die Sender von Hamburg bis München und von Köln bis Berlin, die prominenten literarischen Federn Günter Eich, Ilse Aichinger, Martin Walser, Alfred Andersch, Ingeborg Bachmann, Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass und viele weitere. Aber der immense Umfang all dessen, was Siegfried Lenz für den Rundfunk schrieb, war lange Zeit nicht präsent.

Der freie Schriftsteller

Erst vor einiger Zeit wurde deutlich: Es sind mehrere hundert "Rundfunkstücke", Siegfried Lenz war wohl der produktivste von allen Medienarbeitern nach 1949. "Es war keine Nebenarbeit, sondern es waren Arbeiten, die nebenher liefen und gleichgewichtig waren", bilanzierte der erfolgreiche Romancier und Erzähler im selben Interview 1986. "Gleichgewichtige" Rundfunkarbeiten also, mit dem gleichen literarischen Anspruch und Wert, doch offensichtlich "nebenher" verfasst. Sein 100. Geburtstag am 17. März ist Anlass für eine Spurensuche nach dieser ebenso lukrativen wie künstlerisch vielschichtigen Arbeit.

Die Geburt des freien Schriftstellers aus den Honoraren des Rundfunks zeigen zwei private Schlüsseldokumente aus dem Nachlass von Siegfried Lenz im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Das erste findet sich in den Tausenden von Arbeitskorrespondenzen, die das Ehepaar Siegfried und Liselotte Lenz sorgfältig abheftete. "Meine Frau, Liselotte Lenz", so hebt das von Siegfried handgeschriebene Dokument an, "erhält ab heute für jede geschriebene und gesendete Seite eines Manuskriptes für den Funk 0,80 DM. Das ist die Summe, die offiziell für Arbeiten dieser Art aufgewendet werden muß (...). Dieser Honorar-Vertrag ist unwiderruflich und tritt rückwirkend vom 24. August 1952 in Kraft. Hamburg, den 26.8.52."

Haushaltshefte mit Honorarzahlungen

Nicht nur die Unterschrift erhielt einen Schnörkel am Ende, das mehr im Spaß verfasste private Vertragswerk der beiden Eheleute wurde überdies mit Kritzeleien übersät: Ein kleiner Dämon lacht mit Zahnlücken, ein kleiner Kobold zieht eine lange Nase, ein rundes Gesicht singt ein volles O. Die Lenzens feierten am 26. August 1952 in der neuen Wohnung in der Oberstraße 72 in Hamburg. Die Rundfunk-Einnahmen des 26-jährigen Literaten hatten ein neues Monatshoch erreicht.

Das zweite Dokument besteht aus schmalen, unscheinbaren Schulhefte. Handschriftlich ist darauf notiert: "Einnahmen". Liselotte führte diese Haushaltshefte von April 1951 bis Ende 1964 und trug fein säuberlich die eingegangenen Honorarzahlungen mit dem jeweiligen Tagesdatum ein. Mit insgesamt 625 DM im April 1951 für zwei Hörfolgen beim NWDR startete Siegfried. Mit stolzen 3.795 DM markierte der August 1952 einen ersten Höhepunkt. Das entsprach Ende 1952 dem dreifachen Monatsgehalt eines Studienrats, und die Einnahmen stiegen. Da auch Zahlungen von Verlagen vermerkt sind, erkennt man: Mitunter stammten 95 Prozent von Lenz' Jahreseinkommen aus der Arbeit für den Rundfunk.

Ökonomischer Faktor

Die öffentlich-rechtlichen Kulturprogramme der 1950er Jahre machten dies möglich. Sie waren ein entscheidender ökonomischer Faktor im Literaturbetrieb der frühen Bundesrepublik. Kein Wunder also, dass Autoren wie Siegfried Lenz lernten, auch ökonomisch zu denken. "Schafe muss man dreimal scheren", riet der Hamburger Verlagsleiter Alfred Knaus dem Schreibtalent Lenz. Der junge Wahl-Hamburger ging mit seinen literarischen Einfällen, mit seinen Grundmotiven und Themen haushälterisch um.

Zum Beispiel mit dem Thema Sport. Lenz war selbst aktiver Sportler gewesen, erfolgreich in der Disziplin Speerwurf. Nun schrieb er über die Sportszene. 1951 entstand die frühe Erzählung "Der Läufer". Im 1959 erschienenen Roman "Brot und Spiele" steht der Langstreckenläufer Bert Buchner im Mittelpunkt. Dazwischen sendete der NDR "Im Rücken des Siegers", ein zweiteiliges Feature über die Geschichte des Sports. Lenz bediente sich eines Kunstgriffs, indem er eine Reporterin in die Antike schickte, um mit den Interviews, die sie führte, aufzuzeigen, wie die ursprüngliche Spielidee korrumpiert werden kann zu einer Jagd nach Rekorden, wie Spaß und Kommerz sich gegenüberstehen.

Die Übersetzung einer Geschichte in ein anderes Medium ist mir immer wie eine zusätzliche Härteprobe vorgekommen.

Ähnliches lässt sich am Thema Tauchen beobachten: 1954 strahlte der Hessische Rundfunk "Die Nacht des Tauchers" aus, 1960 folgte "Auf Wiedersehen unter Wasser" beim NDR. Im Zentrum eines Romans stand das Tauchen 1957 im Roman "Der Mann im Strom".

Lenz äußerte dazu in einem Interview: "Die Übersetzung einer Geschichte in ein anderes Medium ist mir immer wie eine zusätzliche Härteprobe vorgekommen." Aber im Gegensatz zu anderen Autoren wie etwa Max Frisch, der das Radio als Lackmus-Test für seine Theaterarbeit nutzte, prüfte Lenz weniger ganze Geschichten als vielmehr einzelne Elemente. Die "Härteprobe", von der Lenz sprach, betrifft eher Bausteine. Diese unterwarf der Medienarbeiter Lenz dann vielfachen Tests, maß sie aus, betrachtete sie von verschiedenen Seiten und schliff sie sich jeweils zurecht.

Der Journalist

In diesem Zusammenhang stehen auch Siegfried Lenz' Recherchen und seine journalistische Praxis. Lenz war professionell ausgebildeter Journalist und trat zeitlebens immer wieder als solcher auf. Nach dem abgebrochenen Lehramtsstudium an der Universität Hamburg absolvierte er ab August 1948 ein Volontariat bei der von der britischen Militärregierung gegründeten Zeitung "Die Welt", anschließend arbeitete er dort als Nachrichten-, später als Feuilletonredakteur. 1951 wechselte er zum Nordwestdeutschen Rundfunk, wo er für kurze Zeit angestellter Redakteur für das Programm "Funkhochschule" war. Immer wieder wurde ihm die redaktionelle Verantwortung für Sondersendungen und besondere Themenschwerpunkte übertragen. 1954 und 1955 engagierte man Lenz als zusätzlichen Redakteur für die Versuchsprogramme für ein sogenanntes Drittes Programm.

Aber auch als freier Mitarbeiter war er immer wieder journalistisch für den Hamburger Sender unterwegs. Er interviewte 1957 führende Mediziner für die Reihe "Der Mensch und die moderne Medizin" und moderierte die Vorträge von Wissenschaftlern in der Reihe "Sehnsucht nach einer besseren Gesellschaft" an.

1952 interviewte Lenz den in Paris lebenden Schriftsteller Georg K. Glaser für das "Nachtprogramm" und 1957 den in Bremen geborenen Dichter und Übersetzer Rudolf Alexander Schröder. Die für den Literaturbetrieb wohl wichtigste Begegnung fand im Dezember 1957 statt: Der freie NDR-Mitarbeiter Siegfried Lenz traf sich mit einem gerade aus Polen ausgereisten Literaturkenner: Er ging mit Marcel Reich-Ranicki ins Studio und nahm dessen Debütbeitrag "über neue polnische Bücher und über deutsche Literatur in Polen" auf. Aus den Gesprächen der beiden vor und nach dieser Sendung entwickelte sich eine langjährige literarische, mitunter freundschaftliche Beziehung.

Der Erzähler

Von Anfang an nutzte Lenz den Rundfunk aber auch strategisch, um sich in der Bundesrepublik als Erzähler zu etablieren. Lenz knüpfte damit - bewusst oder unbewusst - an eine medientheoretische Debatte an, die schon früh mit dem Siegeszug des neuen Mediums in der Weimarer Republik begann: die Reflexion auf Stimme und auf radiophones Schreiben.

Alfred Döblin war in den 20er Jahren begeistert von den neuen Möglichkeiten einer erzählenden Kunst im Radio und prägte dafür die Formel vom "Sprachsteller" gegenüber dem "Schriftsteller". Lenz etablierte sich als ein solcher "Sprachsteller". Speziell der NWDR experimentierte mit improvisiertem Erzählen vor dem Mikrofon. Der junge Siegfried Lenz ist dabei. "Besenbinder" und "Nackenartist" sind solche aus dem Stegreif entwickelte Geschichten, die in den 1950er Jahren im "Nachtprogramm" des Hamburger Senders gesendet wurden und die nur als Bandaufnahmen erhalten sind.

Liebevolle Geschichten

Daneben beteiligte sich Lenz intensiv an der Suche nach radiophonen Prosaformen. "Funknovelle" lautete der Untertitel seiner "Fischer von Jinjaboa" (1954/55), ein Text, den damals der Nachwuchsregisseur Hans Rosenhauer in der Hörspielabteilung betreute. Lenz' Radiogeschichte "Der Störenfried" (1962/63) fand Eingang in einen Band, der sich programmatisch den "Funkerzählungen" widmete.

Lenz nutzte solche Gelegenheiten, um explizit als "Erzähler" aufzutreten. So entstanden nach und nach Texte, in die Erzählerfiguren eingeschrieben sind, und Geschichten, die mit ihrem Erzählkontext arbeiten. Sehr kunstvoll geschieht dies vor allem in den drei mehrteiligen Erzählfolgen, den masurischen Geschichten "So zärtlich war Suleyken" (1955), "Lehmanns Erzählungen" (1964) und "Der Geist der Mirabelle" (1975). Innerhalb von 20 Jahren stellte sich ein begnadeter Ich-Erzähler vor, mit liebevollen Geschichten, die humoristisch und heiter, aber auch spitz und hintergründig sein können.

Eigentümliche Erlebnisfähigkeit

Das war großes Erzähl-Radio. Aber auch in den gedruckten Texten liest man die Versatzstücke aus dieser oralen Erzähltradition - etwa jene Formeln "sagen wir mal", "wie gesagt", "nicht wahr" oder die explizite Leser-Anrede als "Nachbar". All das ist im Zusammenhang mit einem intermedialen Spiel zu sehen, das Lenz auf den Weg brachte. "Suleyken", die 20 masurischen Geschichten, schrieb Lenz - so die Legende - für seine Frau, die krank zu Hause lag; er habe sie ihr zunächst vorgelesen. Vorab und parallel zur Buchausgabe las Lenz sie natürlich auch im Rundfunk. Sie eignen sich hervorragend für die akustische Vermittlung im Rundfunk und erhielten dort als "erzählte Literatur" ihren richtigen Ort.

Ähnliches gilt für die Geschichten, die der "Geist der Mirabelle" in Bollerup hervorbringt, bei jenen Dorfbewohnern, die sich "eine eigentümliche Erlebnisfähigkeit" erhalten haben und "eine spezifische Art, auf Erlebtes zu reagieren". Umgekehrt verhielt es sich mit "Lehmanns Erzählungen". Sie entstanden zum Jahreswechsel 1959/60 als sechs Folgen originär für den Rundfunk. Erst viele Jahre später erlebten die autobiografisch gefärbten Geschichten vom Schwarzmarkthändler in den Nachkriegstagen ihren Medienwechsel in die Buchform.

Der Sprecher

"Die menschliche Stimme" habe "eine Fähigkeit, die den Werkzeugcharakter bei weitem übersteigt", sie habe "die Qualität eines Wunders", könne "nicht nur ein Hör-Erlebnis hervorrufen", sondern reiche aus, "um uns an einer heraufgerufenen Welt teilnehmen zu lassen", schrieb Siegfried Lenz 1963 in seiner "Nachtprogramm"-Hörfolge "Aus der Stimme lesen", in der er den Stimmen von Paul Valéry, André Gide, T. S. Eliot, Gottfried Benn und Ignazio Silone nachspürte. Lenz wusste von seiner eigenen stimmlichen Begabung, kultivierte sie und entwickelte einen regelrechten Siegfried-Lenz-Sound.

Von Anfang trat Lenz selbst vor das Mikrofon, sprach fast alle seine journalistischen wie literarischen Texte selbst ein. Ja, mehr als das: Lenz übernahm zahlreiche Sprecher-Aufträge für die Texte und Features von Wissenschaftlern und Autoren. Rudolf Walter Leonhardt schrieb 1963 über die Stimme, sie sei die des "geborenen Geschichtenerzählers (...): Ganz entkrampft, mit all seiner liebenswürdigen Melancholie, die von so viel Selbstironie begleitet wird, daß sie niemals sentimental werden kann." Lenz hatte eine klare, helle, dabei warme und sympathische Stimme. Er modulierte professionell, ohne dass es gekünstelt wirkte. Es war die ideale Stimme, wie sie der Rundfunk nach dem Ende des "Dritten Reiches" gesucht und ausgeprägt hatte.

"Der Mikrophon-Sprechstil ist eine ganz andere Sache", konnte man damals in der "Hörzu" lesen, er ist "intimer, persönlicher, behutsamer, lockerer, nüchterner, vertraulicher, direkter". Was für die Reporter galt, die von der Welt erzählten, galt auch für Lenz, der ebenfalls von der Welt erzählte, wie er sie wahrnahm. Lenz' Stimme trug zu seiner Popularität bei, lange vor dem Hörbuch- und Podcast-Boom. Kein Wunder also, dass auch der Verlag Hoffmann und Campe das nutzte: in Kooperation mit den Rundfunkanstalten brachte der Hausverlag von Siegfried Lenz Lesungen auf den Markt.

Der Beobachter

In den Abendstudios, Nachtprogrammen und Funk-Universitäten der Rundfunkanstalten wurden in den 1950er und 1960er Jahren die großen "intellektuellen Gründungsdebatten" der frühen Bundesrepublik geführt. Politische und gesellschaftliche Fragen wurden in Gesprächsrunden erörtert, Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen - allen voran aus der Soziologie - erhielten Gelegenheit, Vorträge im Rundfunk zu halten. Der Studienabbrecher Lenz war zu jung, um ein Medienintellektueller an der Seite von Gottfried Benn, Alfred Andersch, Helmut Schelsky, Theodor W. Adorno, René König oder Fritz Bauer zu werden. Aber Lenz war neugierig, wissbegierig, wollte die bundesrepublikanische Gesellschaft verstehen. Er war ein beobachtender Wissenschaftsjournalist, der sich viele Wissensbestände aus unterschiedlichen Disziplinen aneignete und sie im Rundfunk vermittelte.

In seinem Nachlass fanden sich Dutzende von Hörstücken und Features, etwa über die Psychologie der Propaganda (1952), das Wesen der Utopie (1953), über Jenseitsvorstellungen (1954) oder das Gefangenenlager als Lebensform (1953). Gern wählte Lenz dabei die Dialogform, in der ein Sprecher 1 und ein Sprecher 2 Argumente vortrugen und beide diese wechselseitig auf ihre Tragfähigkeit abklopften. Das Publikum konnte auf diese Weise zunächst einer These folgen, um dann zu hören, wo deren Beschränkung sei oder welche Konsequenz diese, zu Ende gedacht, mit sich brächte.

Lenz' politische, philosophische und soziologische Referenzen waren zu dieser Zeit breit aufgestellt, unter ihnen der Antikommunist Arthur Koestler, Gesellschaftsanalysten wie Ortega y Gasset, der britische Theoretiker über "Arbeit" Cyril Northcote Parkinson und anti-zivilisatorische Schriftsteller wie Henry David Thoreau.

Kritik an der Wirtschaftswundergesellschaft

Der wichtigste Kronzeuge für den jungen Gesellschaftskritiker Lenz wurde der amerikanische Soziologe Thorstein Veblen. Dessen 1899 vorgelegte "Theorie der feinen Leute" mit dem Begriff vom Geltungskonsum wurde zum Ausgangspunkt für Lenz' ironisch-süffisante Kritik an der Wirtschaftswundergesellschaft. Die Neureichen müssen ihren Reichtum zur Schau stellen, müssen mit ihrem Luxus - zum Beispiel in Form eines beleuchteten Swimmingpools - protzen. "Der goldene und der graue Luxus", 1955 als fünfte und letzte Folge einer Reihe über den "hilflosen Diktator Konsument" für den NWDR entstanden, sowie "Die neuen Stützen der Gesellschaft", zunächst eine Auftragsarbeit des HR im Jahr 1955, dann in einer Neufassung für den NDR im Jahr 1956 geschrieben, zeigen Lenz' kritischen Blick auf die Wohlstandsgesellschaft seiner Zeit.

Heinz Friedrich, Leiter des "Abendstudios" beim HR, brachte es in der Korrespondenz mit Lenz auf den Punkt: Wenn er den "Problemkreis "Sozialstruktur der Bundesrepublik 1955/56" behandelt sehen möchte, würde er Professor Adorno bitten. Vom Schriftsteller Lenz erwartete er sich jedoch als Ausgangspunkt die "witzige oder ironische Porträtierung verschiedener Typen".

Der Hörspielautor

Fehlt noch der Hörspielautor Siegfried Lenz. Denn natürlich nutzte er auch diese genuine Kunstform des Radios. Aber überraschenderweise stand die Hörspielarbeit nicht im Zentrum des literarischen Schaffens von Lenz. Zeitlebens hat der Autor, der mit so vielen Preisen bedacht wurde, keine Auszeichnung für eines seiner Hörspiele erhalten. Schon der Start als Hörspielautor war holprig. Angeblich hatte der Student Lenz bereits 1947 ein Hörspiel eingereicht, das aber niemals zur Realisierung gelange. "Holz und Messer", ein Stück über die Geschichte eines Geigenbauers" wurde 1952 ebenso wie zwei Jahre später "Der Kaufmann von Camara" vom Hörspiel-Lektorat in Hamburg abgelehnt.

Die "Wanderjahre ohne Lehre", eine Abenteuergeschichte mit dokumentarischen Versatzstücken, die die sowjetische Besetzung der ehemaligen deutschen Siedlungsgebiete in Osteuropa anprangerte, entstand für die von Alfred Andersch geleitete Feature-Abteilung, nicht für die von Heinz Schwitzke geleitete Hörspiel-Abteilung. Erst mit "Das schönste Fest der Welt" gelangte Lenz 1954 ein erster Hörspielerfolg. Doch die dramaturgische Kritik daran und der Druck von Schwitzke zwangen Lenz zur Umarbeitung ein Jahr später. Die 1955 im Druck erschienene Fassung ist die zweite, stark veränderte Fassung.

Subtile Spitzen

Lenz, der für seine liebevollen Porträts bekannt ist, konnte aber auch sehr subtile Spitzen zu den Eigenarten einer Person setzen und Spannungen in einem leisen Ton aufblitzen lassen. Der so gepriesene "Hörspiel-Papst" Heinz Schwitzke durfte sich 1978 in der Sendung zu seinem 70. Geburtstag zunächst ein Lob von Lenz anhören: "Wer im Zweifel darüber war, was alles das Hörspiel sein kann oder was es unbedingt zu sein hätte, der erhielt bei Heinz Schwitzke jeden erwünschten Aufschluß. Er kannte seine Vieldeutigkeit und seine Eigenständigkeit. Eine umfassendere Theorie als seine hat wohl niemand über diese literarische Gattung vorgelegt."

Dann jedoch machte Lenz seine eigene Position deutlich: "Als Geschichtenerzähler hatte und habe ich ja mein eigenes unvermeidliches Verhältnis zur Zeit, zur episch erzählten Zeit." Und er ergänzte: "Als Geschichtenerzähler hatte und habe ich auch mein eigenes unvermeidliches Verhältnis zum Ort, zum Erfahrungsort, an den Leben gebunden ist. Der Ort macht mir Charaktere verständlich."

Auch wenn die Hörspiele "Zeit der Schuldlosen" 1960 und "Zeit der Schuldigen" 1961 sowie die Dialog-Kurzhörspiele "Nicht alle Förster sind froh" und "Herr und Frau S. in Erwartung ihrer Gäste" 1970 unter Schwitzke produziert wurden, war die Zusammenarbeit mit der Hamburger Hörspielabteilung eher unterkühlt.

Die Rundfunkarbeit verfluche ich.

Was bleibt am Ende der Spurensuche? "Die Rundfunkarbeit verfluche ich", dieser Eintrag in ein Notizheft am 22. Januar 1952 ist die einzige negative Äußerung von Lenz über den Rundfunk, die sich im umfangreichen Nachlass finden lässt. Sie ist nur damit zu erklären, dass Lenz an diesem Tag die Absage des Verlags erhalten hatte, der seinen zweiten Roman "Der Überläufer" nicht veröffentlichen wollte. In Wirklichkeit aber lebte Lenz vom Rundfunk, zumindest bis weit in die 1960er Jahre, bis zu den großen Buch-Erfolgen mit "Deutschstunde" und "Heimatmuseum". Lenz schätzte die öffentlich-rechtlichen Programme, die ihm die Etablierung als freier Schriftsteller ermöglicht hatten. Er bediente diese Programme gern und zuverlässig mit pünktlich abgelieferten Texten, maßgenau für das, was in den Redaktionen verantwortet wurde. Und diese schätzten ihren Medienarbeiter Lenz.

infobox: Der NDR hat aus Anlass des 100. Geburtstags von Siegfried Lenz die Dokumentation "100 Jahre Siegfried Lenz - Was würdest du tun?" mit Jonas Nay produziert. Außerdem zeigt der Sender mehrere Filme nach Romanen und Erzählungen von Lenz. Am 16.3. ist der Zweiteiler "Deutschstunde" (1971) zu sehen, am 23. und 30. März wird die dreiteilige Familiensage "Heimatmuseum" (1986) gezeigt. Die Filme stehen nicht in der ARD-Mediathek.

Hans Ulrich Wagner Copyright: David Ausserhofer/Leibniz Institut für Medienforschung Darstellung: Autorenbox Text: Hans-Ulrich Wagner ist Senior Researcher am Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut. Er leitete ein Forschungsprojekt zu Siegfried Lenz' Medienarbeit und ist Herausgeber der dreibändigen kommentierten Werkausgabe von Lenz' "Rundfunkstücken" (Hoffmann und Campe)



Zuerst veröffentlicht 15.03.2026 10:30

Hans-Ulrich Wagner

Schlagworte: Medien, Radio, Geschichte, Lenz, Hörspiel, Wagner

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