16.03.2026 11:41
Doku-Drama zum 100. Geburtstag des Schriftstellers
epd Es gab eine Zeit, da war Siegfried Lenz (1926-2014) ein außerordentlich bekannter Schriftsteller, vor allem in Westdeutschland. Anders als andere "Großschriftsteller" wie der spätere Nobelpreisträger Günter Grass oder Martin Walser, selbst Alfred Andersch, galt Siegfried Lenz nämlich als überaus zugänglich. Heute würde man vermutlich von "anschlussfähig" sprechen.
Seine berühmten Romane wie "Deutschstunde" oder "Heimatmuseum" erscheinen mit ihren plastischen Figuren auf den ersten Blick sehr klar, doch ihre zentralen Problemstellungen verführen zum Nachdenken. Im besten Fall können die Konflikte und Entscheidungen der Lenz'schen Figuren einen Einstieg in die persönliche Auseinandersetzung mit Fragen von fundamentaler Tragweite bilden. Es sind Fragen nach Pflicht und Gewissen, Verantwortung und Menschlichkeit, die Lenz schreibend, figuren- und handlungsbildend so erforscht, dass Leser und Leserinnen eigene Positionen reflektieren können.
Lenz' Personal handelt - etwa im Krieg Zufällen und Nötigungen ausgesetzt - aus sich herausbildender Überzeugung. Angesichts der Weltlage scheint das aktuell wie lange nicht. Wie also kommt es, dass Lenz zurzeit so vergessen zu sein scheint, wie das NDR-Dokudrama "100 Jahre Siegfried Lenz ..." suggeriert? Müssen wir Lenz wiederentdecken?
Seine Werke sind in nahezu unüberschaubarer Zahl fürs Fernsehen verfilmt worden, sie werden in den öffentlich-rechtlichen Programmen immer wieder gezeigt. Vielen, mag es scheinen, gilt Lenz trotzdem nicht mehr als "Volksschriftsteller", wie ihn Marcel Reich-Ranicki einmal genannt hat, sondern als altfränkischer Moralapostel. Dabei hatte Lenz auch schon die drohende Klimakatastrophe auf dem Zettel. Doch die Bewegtbildformate tun sich schwer mit Literaturvermittlung abseits des Spielfilms. Die Schätze, die im Radio schon gehoben wurden, hat der NDR anlässlich des 100. Geburtstags des Schriftstellers online veröffentlicht.
Die zeitweise übertrieben munter wirkende Produktion "100 Jahre Siegfried Lenz ..." versucht sich zum Geburtstag nun an einer dokudramatisch aufbereiteten Darstellung von Mensch, Zeit und Werk und legt den Akzent auf zentrale Fragen, die Lenz' Aktualität beweisen sollen. Der Ansatz scheint zunächst einigermaßen verkrampft und zwangsoriginell.
Jonas Nay, der in der Verfilmung von "Schweigeminute" die Hauptrolle spielte und laut NDR Lenz-Fan ist, spielt hier Inspektor Tondi, eine Figur aus einer Erzählung des Schriftstellers. Ohne Ermittlerfigur geht im Fernsehen anscheinend überhaupt nichts mehr. Inspektor Tondi sehen wir beim Nachforschen am Verhörtisch, in Interviews und Gesprächen, durch Jalousien linsend, gelegentlich steht ihm im Teich das Wasser buchstäblich bis zum Hals.
Über Lenz spricht er, oft per Voiceover, als unbekannten Vater, nennt ihn vertraulich Siegfried. Manches erinnert an True-Crime. Tondi ist viel im Auto unterwegs, fährt hierhin und dorthin. Die Musikbegleitung (etwa von Depeche Mode) ist erstaunlich bis seltsam, aufdringlich und tut meist nichts zur Sache.
Tondi will herausfinden, "was das soll" und sich dabei "an die Bücher" halten. Zur Seite stehen ihm der kenntnisreiche Günter Berg, ehemaliger Verleger und Freund von Lenz, der Anschauliches, Unterhaltsames und Bedenkenswertes beiträgt, und die Journalistin und Autorin Sabine Rückert, bekannt aus dem Podcast "Zeit Verbrechen". Sie wendet Lenz'sche Begriffe wie Schuld oder Pflicht und bespricht Textpassagen nach dem Muster historisch-kritischer Bibelexegese. Davon hätte die Kritikerin gern mehr gesehen und vermutet, dass hier einiges dem Schnitt zum Opfer gefallen ist.
Denn so "funky" das Dokudrama auch beginnen mag, so sehr der Musikeinsatz an vielen Stellen nervt, sind die Einschätzungen von Berg und Rückert durchweg anregend und wertvoll, im Sachverständigenmodus präsentiert, aber so formuliert, dass sich eigene Überlegungen zwanglos anschließen können.
Auch Jonas Nays Roadtrip durch Werke und Konflikte gestaltet sich, ergänzt durch geschickt eingefügte Interviewäußerungen des Schriftstellers, interessanter als anfangs zu vermuten war. Beispielsweise bei der Frage nach der Pflicht. Zwar wird hier keine Definition von Pflicht oder Gewissen gegeben, was vermutlich zu didaktisch erschienen wäre, aber für Klarheit der Begriffe gesorgt hätte, sondern es wird, ganz im Sinne von Lenz, am konkreten Fall eng am Thema gesprochen. Es geht um Abschiebungen durch Polizeibeamte.
Nays Inspektor Tondi begleitet Polizisten vor, während und nach einem Abschiebeeinsatz. Aufnahmen der betroffenen Personen bleiben ausgespart, die Kamera bleibt bei dem Abstand haltenden Nay und den Beamten. Besonders das Debriefing ist aufschlussreich, Nay fällt hier im Grunde aus seiner Tondi-Rolle, hört zu, fragt nach. Gesprochen wird von Staatsbürger zu Staatsbürger in Uniform, reflektiert und durchaus kritisch. Was darf der Staat von mir verlangen, selbst wenn ich ihm Treue geschworen habe?
So hat "100 Jahre Siegfried Lenz" doch seine Meriten und ist sehenswert. Ja, Siegfried Lenz ist aktuell und man kann hier erfahren, warum. Man muss allerdings über die juvenilen Stilmaschen, die "Inszenierungs-Ideen" und den plump jubelnden PR-Text, der den Einstieg des Films bildet, hinwegsehen.
infobox: "100 Jahre Siegfried Lenz - Was würdest du tun?", Dokumentation mit Jonas Nay, Regie und Buch: Vera Weber, Kamera: Benjamin Kahlmeyer, Produktion: Drive beta (ARD-Mediathek/NDR, seit 9.3.26, NDR, 16.3.26, 22.45-23.30 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 16.03.2026 12:41
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KNDR, Nay, Lenz, Dokumentation, Dokudrama, Weber, Hupertz, NEU
zur Startseite von epd medien