Denken als Lebensform - epd medien

16.03.2026 12:19

Jürgen Habermas galt als der einflussreichste und bekannteste deutsche Philosoph der Gegenwart. Er prägte die intellektuellen Debatten der Republik über Jahrzehnte. Am Samstag ist er in Starnberg gestorben. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer würdigte Habermas als "Meisterdenker", der ein "Gehäuse für den offenen Meinungsstreit und Toleranz" geschaffen habe. Der bayerische Wissenschaftsminister Markus Blume sagte, Habermas habe in seinen Schriften gezeigt, dass Demokratie mehr sei als Institutionen und Verfahren, sondern von einer kritischen, argumentativen Öffentlichkeit lebe.

Jürgen Habermas mit 96 Jahren gestorben

Jürgen Habermas im Jahr 2001 bei der Frankfurter Buchmesse

epd Im Jahr 1929, als Jürgen Habermas geboren wurde, erhielt Thomas Mann den Literaturnobelpreis und in Berlin wurde der erste Tonfilm aufgeführt. Die Weimarer Republik schlitterte in ihre finale Krise. Von den Ereignissen in seinem Geburtsjahr hat Habermas nichts mitbekommen, aber von den Folgen. Sein Denken prägte viele Debatten in der Bundesrepublik. Am Samstag ist er mit 96 Jahren in Starnberg bei München gestorben.

Jürgen Habermas war zehn Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg begann. Seine Familie zählte er später zu den Mitläufern der NS-Diktatur, angepasst an "eine politische Umgebung, mit der man sich nicht voll identifizierte, die man aber auch nicht ernsthaft kritisierte".

Assistent bei Theodor W. Adorno

Als Sohn eines Angestellten bei der Industrie- und Handelskammer kam der einflussreichste deutsche Philosoph der Gegenwart am 18. Juni 1929 in Düsseldorf zur Welt. Er war 1944 Fronthelfer, studierte an den Universitäten Göttingen, Zürich und Bonn Philosophie, Geschichte, Psychologie, Deutsche Literatur und Ökonomie, stritt für eine lebendige Demokratie und gegen die nachwirkenden Reste der Naziherrschaft. Was das wissenschaftliche Leben des jungen Wissenschaftlers nachhaltig bestimmen sollte, war ein Stipendium, das ihn 1956 nach Frankfurt am Main brachte.

Habermas wurde Assistent bei Theodor W. Adorno am Institut für Sozialforschung, einer Forschungsstätte für die "Kritische Theorie", die den Einfluss des Kapitalismus auf den Einzelnen analysierte. Institutsleiter Max Horkheimer allerdings erschien der junge Habermas politisch unzuverlässig, nicht auf Institutslinie. Habermas musste nach Marburg, später nach Heidelberg zu Hans-Georg Gadamer ausweichen und kehrte erst 1964 nach Frankfurt zurück, "ironischerweise als Nachfolger von Horkheimer als Ordinarius für Philosophie und Soziologie", wie Stefan Müller-Dohm formulierte, Adorno- und Habermas-Biograf.

Umfassendes Werk

Was folgte, war ein einzigartiges, ungeheuer produktives Intellektuellenleben mit zahlreichen Preisen und Ehrungen, Habermas wurde in den Orden Pour la mérite aufgenommen, erhielt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und den Kyoto-Preis. Die Sekundärliteratur zu seinem Werk wird auf etwa 14.000 Arbeiten geschätzt. 1981 erschien Habermas' Hauptwerk, die "Theorie des kommunikativen Handelns", mehr als 1.200 Seiten dick - ein "Monstrum", wie er selbst sagte.

Habermas war nicht nur produktiv, er verstand es auch, seine Begriffe und Stichworte in der Öffentlichkeit zu platzieren: "Strukturwandel der Öffentlichkeit", "Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus", "Der philosophische Diskurs der Moderne", "Die neue Unübersichtlichkeit", "Die postnationale Konstellation" bis zu "Auch eine Geschichte der Philosophie" im Jahr 2009.

Der Denker als Lebensform, als Vision, als expressive Selbstdarstellung, das geht nicht mehr.

Als Person blieb er dabei beinahe unsichtbar, er hat die Bild- und Tonmedien stets gemieden. Er sei ein "bedauernswert seriöser" Mensch, erklärte Hans Magnus Enzensberger einmal. Und der Kulturwissenschaftler Philipp Felsch sieht in "seiner unpersönlichen Diktion und seinem paraphrasierenden Schreibstil" den postmodernen "Tod des Autors" verwirklicht. Jürgen Habermas wäre wohl nicht der über alles nachdenkende Theoretiker gewesen, hätte er sich nicht auch dazu eine Antwort überlegt: "Der Denker als Lebensform, als Vision, als expressive Selbstdarstellung, das geht nicht mehr."

So war wenig Persönliches über ihn bekannt. Er war seit 1955 mit Ute Habermas verheiratet, die im Juni 2025 starb. Habermas hatte drei Kinder. Ausgedehnte Auslandsreisen, Lehrtätigkeiten in den USA, der Wechsel von Frankfurt nach Starnberg, wo er bis 1981 als Co-Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt wirkte, danach die Rückkehr nach Frankfurt bis zu seiner Emeritierung 1994: Anekdoten oder Skandale gab es bei keiner seiner Lebensstationen.

Der "herrschaftsfreie Diskurs"

Reichlich vorhanden sind dagegen Bücher, Essays, politische Streitschriften. Er hat seit den späten 1950er Jahren kaum eine intellektuelle Debatte ausgelassen, sich zu vielen Themen zu Wort gemeldet, manche Diskussion wie den Historikerstreit über die Singularität des Holocaust in den 1980er Jahren selbst angezettelt. Seine Theorie hat sich über die Universitäten ihren Weg in die Öffentlichkeit gebahnt.

Der "herrschaftsfreie Diskurs" und die "ideale Sprechsituation" sind bis heute viel diskutierte Habermas-Stichworte. Die vernünftige Rede, die auf Wahrheit und Konsens gerichtete Kommunikation, müsse wenigstens "antizipiert" werden, so Habermas, also eine Grunderwartung sein. Dazu gehört auch, dass alle Diskursteilnehmer sich wechselseitig ernst nehmen und sich auf den "zwanglosen Zwang des besseren Arguments" einlassen.

infobox: "Der Tod von Jürgen Habermas trifft mich in einer Zeit, in der wir ihn mehr als je bräuchten in all seinen aktiven Jahren. Seine Formel 'die Unheimlichkeit der Zeit' war nie so deutlich lesbar wie in unserem Jahr. Wir leben in einer zerrissenen Welt. Unter dem Namen Dark Enlightenment sammelt sich im Osten der USA dunkle Spiritualität. Habermas hat immer gesagt: Das müssen wir beantworten. Die Theorie und Philosophie muss in ihre Werkstätten zurück. Dafür hätten wir ihn dringend gebraucht." - Alexander Kluge in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".



Zuerst veröffentlicht 16.03.2026 13:19

Mario Scalla

Schlagworte: Medien, Philosophie, Öffentlichkeit, Habermas, Scalla

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