18.03.2026 09:10
BR-Komödie "So haben wir dich nicht erzogen"
epd Nachdem sie Mozart erledigt hat, ist jetzt Gott dran: Dass bei Balbinas (Brigitte Hobmeier) queeren Bearbeitungen der Klassiker nicht alle mitkommen, zeigt für die feministische Wissenschaftlerin bloß die Ignoranz der Masse. Die Menschen, so Balbinas Überzeugung in der Komödie "So haben wir dich nicht erzogen", müssen zu ihrem Glück genötigt werden. Von ihr und ihrem überlegenen analytischen Vermögen. Vor allem die Männer. Alle Männer eigentlich, aber im speziellen Tiroler Skilehrer oder Wiener Beislwirte, Fleischesser, Opernliebhaber, Anhänger der katholischen Kirche, Bibelleser.
Balbinas Lebensgefährtin Inka (Gerti Drassl) ist überzeugt, dass ihre Frau eines Tages für ihr Werk den Nobelpreis bekommt. Zumindest sagt sie ihr das, Tag für Tag, jede Stunde. Die Akademikerin in dieser Partnerschaft braucht extrem viel Aufmerksamkeit und Anerkennung Für Inka, eine frühere Schauspielerin, blieb die Rolle der Kümmerin. Also versorgt sie Balbina und die schöne Wiener Villa mit Garten, bewundert von Besuchern, auf den zweiten Blick von Grund auf modernisierungsbedürftig.
Uli Brées Drehbuch setzt im ersten Part auf die Dialoge, eher Monologe Balbinas, später erst auf das Gleichnishafte des Ortes, in dem die linguistisch spitzfindigen, zu Beginn besonders enervierenden Zimmerschlachten dieser Gesellschaftskomödie stattfinden. Unablässig donnert intellektuelles Wortgewitter aus Balbinas Mund - bis der Schockzustand einsetzt, gefolgt von gewaltigem Rotweinkonsum. Ab da wird "So haben wir dich nicht erzogen" zugänglicher. Das rhetorische Florett erobert die Sprechbühne, das kommt dem Film zupass.
Die Ausgangssituation: Ein ungleiches Frauenpaar mit langjähriger Beziehung lebt ein perfektes Alternativleben. Gemeinsam haben sie eine Tochter, Hedwig (Alina Schaller), benannt nach der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm. Hedwig, glaubt zumindest Balbina, stammt aus der Behandlung mit dem Samen des schwulen Edgar (Thomas Mraz), der inzwischen katholischer Pfarrer geworden ist und heimlich mit seinem Freund, einem evangelischen Pfarrer, zusammenlebt.
Hedwig ist ein menschgewordener moralischer Triumph für Balbina, die Edgar wegen seiner Doppelmoral verabscheut. Balbinas Familie ist eine Modellfamilie des Matriarchats, ein theoretisch perfektes Konstrukt. Allerdings kommt die inzwischen erwachsene Hedwig kaum zu Besuch, weil fast jedes Thema vermint ist und Balbinas Selbstgerechtigkeit keine Grenzen kennt. Ginge es nach Inka, dann dürfte frau auch mal sie selbst sein und nicht nur ein Beispiel oder Faustpfand. Aber Inka hat, genau betrachtet, wenig zu sagen daheim. Oder sie hat damit aufgehört.
Als Hedwig einen Mann heimbringt, der nicht nur ihr Lebenspartner ist, sondern den sie auch heiraten will, steht die Welt der Mütter Kopf. Was haben sie falsch gemacht?
Andi (Julian Pichler) ist Mann, schlimm genug, obendrein Katholik und Tiroler Skilehrer. Und er trägt den Namen Andreas Hofers, des Tiroler Freiheitskämpfers. Zu viel für Balbinas feministisch-theoretische Weltanschauung. Soll man das Kind wieder in Therapie geben? Vielleicht Elektroschocks? "Bei den Strompreisen?"
So ein fescher Tiroler.
Edgars Vermittlungsversuche werden rüde zurückgewiesen, was diesen an die Grenze seiner Hirtengeduld bringt: "Ihr tut gerade so, als würde sie ihren Körper den radikalislamischen Taliban anbieten. Terroristen schauen wirklich anders aus als so ein fescher Tiroler." Nachdem der Kampf um Hedwigs Liebe eröffnet ist, bricht das Konstrukt der matriarchalischen Familie zusammen, es folgt Chaos.
Und dann reisen auch noch die Hofer-Eltern aus ihrem familiengeführten Skihotel an, um in Wien an einem Ball teilzunehmen. In Tracht treffen Petra (Carmen Gratl) und Dietmar (Roland Silbernagl) in der Villa ein und treten dort in jedes Fettnäpfchen.
Natürlich geht es hier vorrangig um das Generalthema Schein und Sein. Allerdings ist "So haben wir dich nicht erzogen" lange Zeit eher Klamauk als eine Komödie der Irrungen. Der Film lebt vor allem von den Darstellerinnen und Darstellern. Brigitte Hobmeier hat als snobistische Intellektuelle zu Beginn den unsympathischsten Part. Später zeigt die Szene, in der sie und der verhasste Brätigam in spe am Mülleimer heimlich rauchen, Hobmeiers Detailkunst. Nachdem sie sich verächtlich über seine angenommene Unbildung geäußert hat, lässt Andi sie wissen, dass er in der Hauptsache Literaturwissenschaft und Philosophie mit Schwerpunkt Metaphysik und Ontologie studiere. Wie Hobmeier ihre Figur hier einen lebenspraktischen Spalt öffnet, wie sich Lernfähigkeit andeutet, ist im letzten Drittel ebenso nachvollziehbar gespielt wie Drassls Aufbegehren gegen die Beziehung als Inka.
Der Film fängt scharfzüngig an, man erwartet eine "Abrechnung" mit Gendern, postkolonialen Theorien, Akademisierung des Lebenspraktischen oder überfeministischem Spaßbremsentum, wird dann aber immer harmloser. Am Schluss wirkt "So haben wir dich nicht erzogen" eher gemütlich und ein bisschen lahm.
infobox: "So haben wir dich nicht erzogen", Fernsehfilm, Regie: Michael Kreihsl, Buch: Uli Brée, Kamera: Carsten Thiele, Produktion: Cult Film (ARD-Mediathek/ORF/BR, seit 11.3.25, ARD, 18.3.25, 20.15-21.45 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 18.03.2026 10:10
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KBR, Fernsehfilm, Kreihsl, Brée, Hupertz
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