25.03.2026 08:50
Die Dokumentation "Herbstresidenz - Ein Jahr danach"
epd Was ist geblieben vom Mehrgenerationen-Inklusionsprojekt "Herbstresidenz mit Tim Mälzer und André Dietz", das vor einem Jahr gesendet wurde? Zunächst einmal eine erstaunliche Resonanz, von Medienpreisen bis zu großer Zuschauerliebe. Außerdem neue Aufbruchsstimmung, Nach- und Weiterdenken, Erfolgsgeschichten, Skepsis und neue Einsichten. Das Projekt war Neuland, nicht nur für den hauptsächlichen Träger und Unterstützer, die Caritas. Auch für das "Factual Entertainment" im Fernsehen, dem niemand ernsthafte Nachhaltigkeit zugetraut hatte, schon gar nicht bei den Privaten, denen gerne vorgeworfen wird, dass sie Vulnerabilität für voyeuristische Zwecke ausstellen.
Für "Herbstresidenz" reisten Tim Mälzer, André Dietz und Sascha Gröhl, die zuvor bereits mit dem Projekt "Zum Schwarzwälder Hirsch" Aufmerksamkeit erregt hatten, an die schöne Mosel, nach Bernkastel-Kues, in das Caritas-Pflegeheim St. Raphael. Sie nahmen neun unterschiedlich beeinträchtigte Menschen mit, die auf einer Station des Altenheims als Alltagshelfer eingesetzt werden sollten, zugleich wurden sie dafür ausgebildet.
Das Projekt war ein Experiment: Alte Menschen mit besonderen Bedürfnissen, die im Pflegeheim oft nur betreut werden können, wurden zusammengebracht mit Menschen mit Beeinträchtigungen. Diese wiederum haben es mehr als schwer auf dem Arbeitsmarkt, da sie als nicht "ausbildungsfähig" gelten. Hier wurde Inklusion ernst genommen und zugleich versucht, dem Pflegenotstand etwas abzuhelfen. Für die Offenheit, mit der Schwierigkeiten und Erfolge gleichermaßen gezeigt wurden, wurde "Herbstresidenz" sehr gelobt. Es gab den Katholischen Medienpreis, den Deutschen Fernsehpreis 2025, eine Grimme-Preis-Nominierung und viel Resonanz.
"Herbstresidenz - ein Jahr danach" schaut nach, was von dem Projekt geblieben ist. Funktioniert das was, auch wenn die Kameras aus sind und im Pflegeheim wieder der Alltag eingezogen ist? Tim Mälzer und André Dietz sind aus dem Titel verschwunden, das ist Programm. Mälzer, der in der ersten Sendung noch versuchte, die Senioren zum Kochen zu bewegen, scheiterte damit auf ganzer Linie. Die alten Menschen verbanden Kochen nicht mit Kreativität, sondern erst einmal mit Arbeit. Diesmal belässt man es beim Apfelkuchenbacken als Handlungsanker. Den Starbonus vermeidet die Nachfolgesendung konsequent. Jetzt gibt "Tim" ohne eigene Rolle bloß noch fern des Geschehens seinen Kommentar ab.
Es zeigt sich, das Projekt ist längst mehr als ein TV-Unterhaltungsformat mit sozialem Anspruch, es ist ein selbstlernendes System. Die Dokumentation blickt auf die Protagonisten: die Senioren und die Menschen mit verschiedenen sogenannten Anpassungsschwierigkeiten, die oft eher Schwierigkeiten der Systeme mit ihren Bedürfnissen sind. Noch mehr rücken ihre Stärken, ihre Individualität und ihre Krankheitsbilder in den Blick. André Dietz unternimmt buchstäblich und im übertragenen Sinn Reisen in ihre Welten, die sonst aus Bequemlichkeit oder Abwehr allzu oft Terra Incognita bleiben.
Hier ist die Sendung noch stärker als der Vorgänger. Publikumsliebling Kevin, der unter anderem unter Tourette leidet und einfühlsam und hochintelligent wirkt, erhielt zwar mit vier anderen Alltagshelfern eine feste Anstellung in der "Herbstresidenz", machte sich aber offenbar selbst so viel Druck, dass sich seine chronischen Krankheiten wieder verschlimmerten und er aufgeben musste. Wir verstehen, dass die Mutter eines der künftigen Alltagshelfer sich so über die 400 Kilometer Entfernung zwischen Arbeit, Wohnung und seinem bisherigen stabilen Umfeld sorgte, dass der Kontrakt nicht zustande kam.
Wir erhalten hoffnungsfrohe Einblicke in das neue, selbstständige Zusammenleben zweier der neu qualifizierten Alltagshelferinnen und ihrer Problemlösungskompetenz. Wir sind dabei, wenn in zwei anderen Heimen das Projekt fruchtbaren Boden findet und dürfen die 31-jährige Sarah bewundern, die es mit entspannter Hartnäckigkeit schafft, als Besucherin den als freudlos empfundenen Tagesablauf mit positiver und herzlicher Stimmung zu erfüllen.
Bemerkenswert sind auch die Ausführungen der Pflegeleiterin Sarah aus dem neuen Heim, die sehr reflektiert deutlich macht, wo die Schwierigkeiten liegen und welche unschätzbare Rolle das Geschenk der Zeit für die Bewohner spielt. Freilich: Hier geht nichts von allein.
Nicht zuletzt begegnen wir auch Publikumsliebling Hermann Schreckinger wieder, der im ersten Film mit Azubi Sarah eine Krise beim Bettenmachen in einen Moment der gegenseitigen Akzeptanz zu verwandeln verstand. "Herbstresidenz - Ein Jahr danach" ist ermutigend, ohne beschönigend zu sein, zugewandt, ohne süßlich zu sein, respektvoll und menschlich. Als Unterhaltungsfernsehen funktioniert es formidabel, und darüber hinaus offenbar auch. Kein Wunder, dass die Pfleger des Heims schon Touristen abweisen mussten, die Protagonisten besuchen wollten, die ihnen ans Herz gewachsen sind.
infobox: "Herbstresidenz - Ein Jahr danach", Dokumentation, Regie und Buch: Sascha Gröhl, Kamera: Thomas Kita, Malte Blum, Stefan Czimmek, Jan Peter, Produktion: Vitamedia Film (RTL+, seit 18.3.26, Vox, 25.3.26, 20.15-22.20 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 25.03.2026 09:50 Letzte Änderung: 25.03.2026 11:46
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KVox, Dokumentation, Mälzer, Gröhl, Hupertz, NEU
zur Startseite von epd medien