Sind Schwärme schlauer? - epd medien

27.03.2026 08:20

Vogelschwärme werden häufig als Systeme voller Vorteile beschrieben, so auch in der Dokumentation "Logik der Vielen - Das Prinzip Schwarm". Aber der Film beschäftigt sich auch mit der Frage, wie es Schwärmen gelingen kann, neue Wege zu finden.

Dokumentation "Logik der Vielen - Das Prinzip Schwarm"

Nicht alle Bienen schließen sich dem Schwarm an: Einzelne können alleine neue Wege finden

epd Zu Beginn der österreichischen 3sat-Produktion "Logik der Vielen - Das Prinzip Schwarm" fliegt eine Formation dieser von Staren durch die Luft. Mit schönen oder zumindest faszinierenden Bildern tierischer Schwärme oder eines Trupps Ballettänzerinnen erfreut die fünfzigminütige Doku immer wieder. Ein Schwarm sei ein "System voller Vorteile - für jeden einzelnen Vogel", schwärmt der dichte Off-Kommentar, der auch durchaus komplexe Sätze enthält. Auch wenn niemand alles weiß, zirkuliert Information effizient - so etwa lässt sich das aus dem Tierreich stammende, auch im frühen Internet gern postulierte Prinzip der Schwarmintelligenz zusammenfassen.

Die befragten Experten stammen aus dem Sendegebiet des Drei-Länder-Senders 3sat. Vom "Biest menschlicher Kollektive" spricht auf Englisch die Wiener Komplexitätsforscherin Mirta Galesic. Auch am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Konstanz wird viel Englisch gesprochen. Die Bewegungsökologin Hannah Williams berichtet, wie sie durch das Beobachten von Vögeln und von Paraglidern selbst zum Paragliding kam. Es gehe um die Nutzung von Aufwinden, so könne sie sich in den Kopf eines Vogels versetzen: "In der Gruppe fliegst Du effizienter und traust dich mehr." Der Konstanzer Verhaltensbiologe Iain Couzin spricht vom Schwarm als unsichtbarer, einem "Meta-Gehirn" ähnlicher Verbindung, das "Individuen zusammen eine höhere Intelligenz verleiht".

Neue Wege finden

Ameisen, die zu den "komplexesten sozialen Insekten" zählen, eignen sich allerdings nicht wirklich als Vorbild, erfährt man. So koordiniert ihre Bewegungen aussehen, in Notsituationen sei Kannibalismus ein Antrieb, also der Wunsch, andere Ameisen fressen zu können, ohne gefressen zu werden.

Bienen, die schon seit der Antike beobachtet werden, sind schon eher ein Modell. Unter Bienen würden Informationen nicht ungeprüft weitergegeben, berichtet der Biologe Thomas Schmickl von der Uni Graz. Das unterscheide sie von Menschen, die in den sozialen Medien vieles ungeprüft teilen und so zu "Schwarmdummheit" beitrügen. Überdies erweist es sich bei Bienen als Vorteil, dass sich zwar viele Tiere, aber nicht alle der Masse anschließen. Diese wenigen sind es, die neue Wege finden können

"Demokratie upgraden"

So kommen allerhand anregende Vergleiche zusammen. Mitunter knirscht es aber beim immer wieder formulierten Versuch, konkreten Nutzen für die menschliche Gesellschaft daraus zu ziehen. Die Gesprächspartner behelfen sich manchmal mit relativen Binsen. Große Gruppen sind nicht immer besser, kleine aber auch nicht, sagt Galesic etwa.

Der an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich lehrende deutsche Komplexitätsforscher Dirk Helbing findet, "dass man Demokratie upgraden kann und muss". Das Beispiel des "partizipativen Budgeting", bei dem viele über die Aufteilung eines Budgets mitbestimmen können, stellt der Film knapp anhand eines queeren Bauwagen-Spielraum-Projekts in Wien vor. Wiener Kinder und Jugendliche zwischen 5 und 20 Jahren konnten Projekt-Ideen einreichen und dann auch über die Verwendung der Summe von einer Million Euro abstimmen. Dazu würde man gern mehr erfahren, nicht nur von den glücklichen Siegerinnen: zum Beispiel, wie viele Kinder und Jugendliche teilnahmen und ob nicht die Gefahr besteht, dass die gewinnen, die am besten mobilisieren können.

Und was ist mit Filterblasen?

Auch dass wiederholt der US-amerikanische Präsident Donald Trump als Beispiel für wenig intelligente Politik gezeigt wird, überzeugt nicht. "Niemand räumte Donald Trump Chancen ein", behauptet der Off-Kommentar zur Wahl 2016, nach der Trump erstmals Präsident wurde. Wirklich niemand? Oder klammert sich der Film da zu sehr an das Narrativ des deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehens, das vieles, das die Macher unsympathisch finden oder nicht verstehen, auch für unwahrscheinlich erklärt?

Auch von "Filterblasen"-Phänomenen, deren Existenz von manchen grundsätzlich infrage gestellt wird, ist die Rede. Wie diese sich zur angenommenen Intelligenz von Schwärmen verhalten - eher komplementär oder gegensätzlich? -, ist immerhin ein Punkt, über den man als Zuschauer dieses anregenden, wenn auch nicht durchgehend überzeugenden Films weiterdenken kann.

infobox: "Logik der Vielen - Das Prinzip Schwarm", Dokumentation, Regie und Buch: Franziska Mayr-Keber, Kamera: Marco Zimprich, Axel Stasny, Produktion: Looks Film (3sat/ORF, 11.3.26, 21.00-21.50 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 27.03.2026 09:20

Christian Bartels

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), K3sat, KORF, Dokumentation, Mayr-Kreber, Bartels

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