29.03.2026 08:10
Vor 200 Jahren wurde Wilhelm Liebknecht geboren
epd Wilhelm Liebknecht (1826-1900) war einer der Mitbegründer der Sozialdemokratie. Zusammen mit Ferdinand Lassalle (1825-1864) und August Bebel (1840-1913) prägte er die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert. Neben seinem politischen Wirken hat er zeitlebens auch als Journalist gearbeitet und rund 10.000 Artikel für verschiedene Blätter geschrieben.
Seine ersten "journalistischen Lehrlingsarbeiten" verfasste er als 22-Jähriger für die "Mannheimer Abendzeitung" in der Schweiz, wo er zeitweise als Lehrer angestellt war. Auch in London, wo er zwölf Jahre im Exil (1850-1862) verbrachte und mit Karl Marx und Friedrich Engels über den "wissenschaftlichen Sozialismus" diskutierte, war er als Zeitungskorrespondent tätig.
Nie zuvor war der Journalist mehr bestrebt gewesen, sich politisch zu engagieren.
Der Historiker und Journalistikprofessor Kurt Koszyk (1929-2015) hat das 19. Jahrhundert als "die Epoche der politischen Parteipresse" charakterisiert. "Nie zuvor war der Journalist mehr bestrebt gewesen, sich politisch zu engagieren, wenn die Staatsgewalt nicht präventiv eingriff", schreibt er in seinem Standardwerk "Deutsche Presse im 19. Jahrhundert". Nie zuvor seien politische Gruppen so sehr daran interessiert gewesen, ihre Gedanken mithilfe der Zeitung schnell zu verbreiten und so neue Anhänger zu gewinnen.
Liebknecht, der am 29. März 1826 in Gießen geboren wurde, zählte zu den Journalisten, die die publizistischen Möglichkeiten der Parteipresse in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts nutzten. In Leipzig gründete er in der Phase der parteipolitischen Formierung der Arbeiterbewegung selbst eine Zeitung, das "Demokratische Wochenblatt", das ab 1868 an jedem Samstag erschien. Das Blatt habe sich "mit aller Macht der ökonomischen Befreiung der Arbeiterklasse verschrieben", schreibt Koszyk. "Liebknecht sah es als seine Aufgabe an, die Bedeutung von Karl Marx hervorzuheben", so der Pressehistoriker.
Aus dem "Demokratischen Wochenblatt" ging "Der Volksstaat" hervor, als sich auf Betreiben von Liebknecht und Bebel 1869 in Eisenach die Sozialdemokratische Arbeiterpartei gründete. "Der Volksstaat", für den auch Liebknecht als Redakteur arbeitete, war das Zentralorgan der neuen Partei. Diese frühen sozialistischen Zeitungen, die die politisch-ideologische Parteilinie verbreiteten, erschienen nicht täglich, sondern zweimal oder dreimal in der Woche.
Liebknechts bedeutendste journalistische Funktion war seit 1876 die Arbeit für die heute noch existierende Parteizeitung "Vorwärts". Das Blatt ging aus den beiden Vorgängerzeitungen "Der Volksstaat" und "Social-Demokrat" (bzw. "Neuer Social-Demokrat") hervor und wurde das Zentralorgan der 1875 in Gotha gegründeten Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (die sich ab 1890 SPD nannte). Die erste Ausgabe erschien am 1. Oktober 1876 in Leipzig, zunächst dreimal in der Woche.
Nach zwölfjährigem Verbot unter Bismarcks Sozialistengesetz konnte der "Vorwärts" 1890 wieder erscheinen, nun als Tageszeitung. Liebknecht übernahm 1891 die Chefredaktion des Blattes, dessen Abonnentenzahl bis 1899 auf mehr als 50.000 stieg. Ihm waren sechs Redakteure unterstellt, unter ihnen Kurt Eisner (1867-1919), der später im Zuge der Novemberrevolution 1918 erster Ministerpräsident des Freistaates Bayern wurde (von November 1918 bis zu seiner Ermordung im Februar 1919).
Liebknecht, der zahlreiche andere Verpflichtungen aus seiner Parteiarbeit und seinem Reichstagsmandat hatte und häufig als Redner auftrat, leitete den "Vorwärts" bis zu seinem Tod im Jahr 1900. Die Bedeutung der Parteipresse im politischen Meinungskampf beschrieb er mit dem treffenden Vergleich: "Unser gefährlichster Feind ist nicht das stehende Heer der Soldaten, sondern das stehende Heer der feindlichen Presse."
Die Ära der politischen Parteipresse ist lange vorbei. Der einst von Liebknecht geleitete "Vorwärts" hat nach 150 Jahren seine gedruckte Ausgabe im März eingestellt und erscheint künftig nur noch online.
Copyright: epd-bild/Heike Lyding
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Text: Jürgen Prause ist Redakteur beim epd.
Zuerst veröffentlicht 29.03.2026 10:10
Schlagworte: Medien, Geschichte, Journalismus, Politik, Liebknecht Prause
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